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Ein deutsches Tablet : Der Tolino ist Amazon dicht auf den Fersen

Herausforderer des Kindles: Tolino Tab 7 Bild: Weltbild

Amazon erobert den weltweiten Buchmarkt. Einzig in Deutschland gibt es nennenswerten Widerstand: Ein Händlerkonsortium hat mit dem Tolino eine Alternative zum Kindle auf den Markt gebracht.

          „Deutschland ist das einzige Land, in dem der örtliche Buchhandel dem amerikanischen Buchvermarkter Amazon erfolgreich die Stirn bietet.“ Michael Busch sagt das mit Stolz. Busch ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Thalia Holding GmbH, eines Buchhandelsunternehmens der Douglas-Gruppe. Mit der Stirn meint er das elektronische Buchlesegerät Tolino. Vor einem Jahr kannte noch niemand diesen Namen. „Uns ist es gelungen, innerhalb eines halben Jahres den Tolino zu einer Marke werden zu lassen mit einem Marktanteil dicht hinter dem des Marktführers“, fährt Busch fort.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Nach der jüngsten Markterhebung des Marktforschungsunternehmens GfK kommt der Tolino im Geschäft mit E-Books auf einen Marktanteil von mehr als 33 Prozent. Mehr als jedes dritte elektronische Buch wird über einen Tolino runtergeladen. Der Abstand zu Amazon werde immer kleiner. Amazon ist noch der führende Anbieter von E-Books – mit mehr als 40 Prozent. Im Club Bertelsmann, der ebenso wie Thalia, Weltbild, Hugendubel und die Deutsche Telekom das Tolino-Konsortium bildet, wird nach der Aussage von Anita Offel-Grohmann, Mitglied der Geschäftsleitung, bereits jedes zweite Buch eines Bestsellers als E-Book verkauft. Tendenz steigend.

          Technische Neuigkeiten erleichtern das Lesen

          Wie viele Tolinos bisher verkauft wurden, wollte man auf der Buchmesse in Frankfurt nicht sagen. Carel Halff, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Weltbild, deutete aber an, dass man im Konsortium etwa eine halbe Million Geräte verkauft habe. Daher sei es gut, dass jetzt eine technisch verbesserte Version des Tolino vorliege, die von sofort an verkauft wird. Der neue Tolino kann vor allem die gekauften elektronischen Bücher sortieren. Man kann sich also seine private Bibliothek zusammenstellen und fachlich oder nach Autoren sortieren.

          Das neue Gerät bietet zudem Zugriff auf frei verfügbare Übersetzungsbücher (Englisch, Französisch, Italienisch) und ein Wörterbuch, um Wortbedeutungen nachzuschlagen. Andere technische Neuigkeiten erleichtern das Lesen. Da aber immer mehr Menschen nicht nur lesen wollen, sondern gleichzeitig Musik im Hintergrund hören möchten oder auch einmal einen Film sehen wollen, bietet das Tolino-Konsortium von November an zwei internetfähige Tablet-Computer an. Die Geräte in den Größen 7 Zoll und 8,9 Zoll wurden auf der Frankfurter Buchmesse erstmals vorgestellt. Über sie kann man von dem Musikdienst „7 Digital“ Musik runterladen und auf mehr als 800.000 Android-Apps nach Videofilmen stöbern.

          Zu den Preisen wollte man sich noch nicht äußern

          Die Akkuleistung von 12 Stunden lasse es zu, mehrere Filme nacheinander zu sehen, ohne das Gerät zwischendurch aufladen zu müssen. Zu den Preisen für die Tablets wollte man sich noch nicht äußern. Die werden auch von jedem Konsortiumsteilnehmer individuell festgelegt, um dem Vorwurf der Preisabsprache zu entgehen. Der Vorteil der Tolino-Gerätefamilie sei seine Offenheit gegenüber verschiedenen Inhalteanbietern und sein Verkauf über den stationären Handel. Die Händler Weltbild einschließlich Hugendubel, Thalia und Bertelsmann bieten über den E-Reader gut 1 Million Titel als E-Book, etwa die Hälfte in deutscher Sprache. Der Bestand wächst schnell.

          In Deutschland sind im vergangenen Jahr etwa 49.000 Titel als E-Book neu erschienen, wie aus dem Verzeichnis Lieferbarer Bücher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hervorgeht. Bis August diesen Jahres sind weitere 36.000 hinzugekommen. Entsprechend den Lesegewohnheiten der E-Book-Leser sind es in erster Linie belletristische Bücher, also Romane und Krimis. Neun von zehn Nutzern des Lesegerätes Tolino lesen ausschließlich belletristische Literatur. Darunter sind auch viele ältere Leser. Denen muss die Technik zunächst erklärt werden.

          Gerade dafür sei es ein Vorteil, dass der Tolino in den 1.500 Geschäften der teilnehmenden Partner persönlich verkauft und erklärt werde. Das deckt sich mit Erfahrungen des Internetanbieters ebook.de, einer Tochtergesellschaft des Großhändlers Libri (Herz-Familie), wonach der Verkauf elektronischer Bücher noch mit einem hohen Beratungsbedarf seitens der Kunden einhergeht, vor allem technische Fragen stünden dabei im Vordergrund.

          Das Tolino-Konsortium sei zwar für weitere Händler als Partner offen. Man habe auch Verhandlungen geführt, bisher aber keinen Abschluss gefunden. Halff deutete an, dass die Investitionen für viele Händler zu hoch seien. Man habe bisher für die Entwicklung des Lesegerätes, der Tablets und auch der Software darauf einen zweistelligen Millionenbetrag ausgegeben, sagte Busch. Die Marktentwicklung rechtfertige den hohen Preis aber. „Wir gehen davon aus, dass bis Weihnachten der Anteil der elektronischen Bücher am Belletristikmarkt die Marke von 10 Prozent erreichen wird“, sagte Halff. Im vergangenen Jahr lag dieser Satz noch bei weniger als 3 Prozent.

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