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Blabla-Car : Keiner braucht sein eigenes Auto?

Als Synomym für Geplapper ist „Blabla“ fast allen Menschen auf der Welt aus der Comicsprache ein Begriff. Bild: Illustration F.A.S.

Freie Fahrt dank frischer Ideen: Taxi-Schreck Uber setzt der Autoindustrie zu, die Mitfahrzentrale ist wieder schick. Ein Besuch bei Blabla-Car in Paris.

          6 Min.

          Die Idee ist steinalt und herrlich simpel: Schon vor Jahrzehnten haben Mitfahrzentralen in jeder Uni-Stadt Fahrten zwischen Studenten vermittelt: Wer nimmt mich mit? Ich zahle dafür Sprit! Der Fahrer senkt seine Kosten, sein Fahrgast spart Taschengeld, die Agentur lebt von einer kleinen Vermittlungsgebühr. Alles keine große Sache. Auf den Gedanken, dass daraus jemals ein Geschäft, ein milliardenschweres gar, werden könnte, kam damals niemand.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das hat sich gründlich geändert, Schuld daran ist erstens das Internet und zweitens ein Franzose: Frédéric Mazzella, 40, ehemals Nasa-Praktikant, verhinderter Pianist („ursprünglich mein Traumberuf“), Selfmade-Unternehmer mit Stanford-Abschluss. Ein Pionier, der den herkömmlichen Autokonzernen einen Schrecken einjagt, die bisher davon leben, dass möglichst jeder sich einen Wagen zulegt. „Blabla-Car“ heißt der Angreifer aus Paris, und er ist nichts anderes als eine Mitfahrzentrale – nur halt digital und global.

          Mazzella und seine Kumpels sind vor zehn Jahren angetreten, die größte, beste und schickste Mitfahrzentrale der Welt zu bauen – und einen richtigen IT-Konzern. Das ist den Franzosen gelungen. Mission erfüllt. Die Firma ist Milliarden wert, das einzige Start-up in Frankreich, das es in diese Dimension geschafft hat. Für gewöhnlich starten die Pioniere in anderen Ecken der Welt, im Zweifel im Silicon Valley. Was die Generation eint, ist ihr Ziel, die Welt mit Apps aus den Angeln zu heben. Der Schlachtruf dazu lautet „Disruption“: Altes Geschäft wird durch Neues zerlegt, auf die Autoindustrie haben es die Angreifer besonders abgesehen.

          BMW, Mercedes & Co. wissen um die Gefahr. Investoren lieben diese Chance, pulvern verzückt ihre Millionen in die Start-ups, die Wagemutiges verkünden: Sie wollen die Art und Weise revolutionieren, wie wir uns fortbewegen. Und sie wollen, dass wir unser Eigentum (Wohnungen, Boote, Büroräume oder eben Autos) besser nutzen und teilen – Stichwort Sharing-Economy.

          Eine neue Art von Geschäft

          Mobilität verändert sich, keine Frage. Smartphonehörige Jungspunde bringen Bahn und Bus, Flugzeug und Auto in Bedrängnis. Taxi-Schreck Uber, obschon ausgebremst durch Zunftordnungen und Gesetze, hat die Welt aufgerüttelt, etliche Nachahmer haben sich ins Rennen geworfen. Dazu gesellen sich diverse Carsharing-Modelle und Fahrgemeinschaften, die mit dem Auto eine neue Art von Geschäft aufziehen.

          So kommt es, dass auch die totgeglaubte Mitfahrzentrale zu neuem Leben erwacht. Wer hier den globalen Marktführer besuchen will, der landet zwangsläufig im Büro von Frédéric Mazzella, mitten im schönsten Teil von Paris. Gerade erst ist er mit Blabla-Car in einen frisch renovierten Gebäudekomplex in der Rue Ménars zwischen Börse und alter Garnier-Oper gezogen, im Maklerdeutsch ausgedrückt: 10.000 Quadratmeter feinste, lichtdurchflutete Bürofläche in 1a-Lage.

          Hier arbeitet eine 400 Leute starke Truppe (Durchschnittsalter 29 Jahre) auf drei Etagen an der mobilen Revolution. 900 Mitarbeiter hätten insgesamt Platz, Räume wie Träume sind riesig. „Wir haben großzügig geplant, um nicht nächstes Jahr schon wieder umziehen zu müssen“, sagt der Gründer, der mit seinen 40 Jahren einer der ältesten im Team ist. „Bald werden wir weltweit eine halbe Milliarde Fahrten vermitteln, darauf sind wir jetzt vorbereitet.“

          Alle mischen hier mit

          Eine Etage über ihm residiert Facebook, unter ihm eine Traditionsbank. Die Mischung von hip und seriös sei ausdrücklicher Wunsch des Vermieters, erzählen BlaBla-Mitarbeiter in der Kantine. Man habe sie geradezu umworben, mit Laptop und Ledertasche einzuziehen. Die Marke „Blabla-Car“ macht was her in Frankreich.

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