https://www.faz.net/-gqe-6vep3

Ego-Shooter : Willkommen im Dritten Weltkrieg

Szene aus dem Ego-Shooter „Call of Duty: Modern Warfare 3“ Bild: Activision

Kriegsspiele sind nicht zu stoppen. Die neuen Ego-Shooter wie „Call of Duty: Modern Warfare 3“ erzielen spielerisch Milliardenumsätze. Die Käufer sind meist junge Männer.

          Am 8. November hat der kalifornische Spieleentwickler Activision Blizzard das Videokriegsspiel „Call of Duty: Modern Warfare 3“ herausgebracht. Seitdem kommt die Firma aus dem Jubeln nicht mehr heraus. Nach fünf Tagen hatte das Spiel weltweit schon 775 Millionen Dollar erlöst und damit alle Bestsellerrekorde geknackt: kein Spiel, aber auch kein Film, keine Musik und kein Buch schaffte es, in so kurzer Zeit so viel Geld einzubringen. Zum Vergleich: Der letzte Harry Potter, der den weltweit stärksten Kino-Start vorlegte, spielte 483 Millionen Dollar am ersten Wochenende ein.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          „Call of Duty“ schickt seinen Helden nach Berlin, Hamburg, London und sogar an die Wall Street, wo er die Armeen eines russischen Mega-Schurken zu vernichten hat. Ego-Shooter heißen die Kriegsspiele, die offenbar nicht zu bremsen sind. Sie tragen ihren Namen, weil der Spieler das Spiel in der Ich-Perspektive erlebt, also der Bildschirm das Blickfeld des Spielers zeigt. Die Spieler bewegen sich dabei schwer bewaffnet in einem dreidimensional scheinenden Raum und müssen sich im Kampf beweisen. Häufig kämpfen sie online oder per Netzwerk auch in Gruppen. Diese Teilnehmer bleiben besonders lange am Spiel hängen.

          Zu den berühmtesten Ego-Shootern zählen „Counterstrike“, „Medal of Honor“, „Battlefield“ und „Call of Duty“. In den Titeln drückt sich eine sehr amerikanische Kriegslust aus. Die Ego-Spieler spielen unter permanenter Spannung. Und immer fließt Blut, detonieren Bauwerke, verbrennen Autos. Selbstverständlich ist der Siegeszug der Spiele nicht. Denn sie sind politisch hoch umstritten. Spätestens seit der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik in seinem Manifest angab, „Call of Duty: Modern Warfare 2“ zu Trainingszwecken benutzt zu haben, lebt die Diskussion wieder auf. Breivik lobt das Spiel: „Es ist wohl die beste Militär-Simulation und eines der heißesten Spiele des Jahres.“

          Schwerbewaffnet in einem dreidimensional scheinenden Raum Bilderstrecke

          Bewiesen ist der Zusammenhang zwischen Mordlust und Gewaltspielen nicht. Einen unbeabsichtigten Effekt darf man hingegen schon vermuten: dass das Statement des Attentäters unfreiwillige Werbung für den Ego-Shooter ist. Dessen Erfolg ist auch deshalb so überraschend, weil seine Zielgruppe limitiert ist. Kriegsspiele dieser Kategorie werden fast ausschließlich von jungen Männern gespielt, wie der Spiele-Experte René Meyer verrät: „Mädchen und Frauen mögen Spiele, in denen man etwas aufbaut, Männer wollen zerstören.“ Am Ende muss es „Bumm“ machen.

          In Amerika darf in jedem Alter geballert werden

          Die Limitierung geht noch weiter: In vielen Ländern gibt es wegen der Brutalität des Spieles eine Altersbegrenzung, in Deutschland liegt sie bei 18 Jahren. Im Hauptmarkt Amerika allerdings darf grundsätzlich in jedem Alter geballert werden, wie jüngst eine höchstrichterliche Entscheidung noch einmal bestätigte. Zumindest darf der amerikanische Gesetzgeber keine Altersbegrenzungen vorschreiben. Und so zeigt sich der neue Titel der „Call of Duty“-Reihe nun auch als resistent gegen die Wirtschaftskrise Amerikas - und das, obwohl „Modern Warfare 3“ nur eine Fortsetzungsvariante der „Call of Duty-Reihe“ ist.

          Dass Fortsetzungen nur ein billiger Abklatsch der Erstausgaben sind, dieses Gesetz gilt nicht bei Videospielen, was deren Verkauf noch mal zusätzlich ankurbelt: Videospiele werden einfach besser. Nicht unbedingt, was die narrativen Elemente angeht, aber doch, was die technische und grafische Qualität betrifft. Noch etwas machen Videospiele für die Medienindustrie zu Geldmaschinen: ihr hoher Preis. Die ausgefeilten Spiele kosten 50 bis 70 Euro, wenn sie auf Konsolen wie Playstation 3 oder Xbox gespielt werden. Ein Greatest Hits-Musikalbum bringt nur zehn bis 25 Euro.

          Die Spezialreihe „Call of Duty“ hat mit ihren unterschiedlichen Ausgaben inzwischen für den Hersteller Activision mehr als sechs Milliarden Euro eingespielt. Unternehmenschef Robert Kotick frohlockt: „Das macht Call of Duty zu einer der wertvollsten Entertainment-Marken der Welt.“

          Eine Million Abos

          Längst arbeitet Activision genau wie die Konkurrenz an Konzepten, um die Spieler bei der Stange zu halten. Das ist zentrales Element der Vertriebsstrategie. Dabei helfen Mehrspieler-Kampagnen: Sie würfeln Spieler mit anderen Spielern zu Kampfgruppen zusammen, die Computergegner oder andere zufällig zusammengestellte Gruppen bekämpfen. Das bringt zusätzlichen Reiz und macht es dem einzelnen Spieler schwerer, sich aus dem Kampfgeschehen herauszustehlen. Schließlich will man seine „Kameraden“ nicht im Stich lassen.

          „Call of Duty“ muss man nicht kaufen. Man kann es wie viele andere Spiele auch abonnieren. Activision hat in den wenigen Tagen schon eine Million Abos für je 50 Euro im Jahr verkauft. Die Abonnenten nehmen zumeist an den Mehrspieler-Kampagnen auf Internetplattformen teil, bei denen ihnen Mitspieler und Gegner zugewiesen werden. Das ist ein Angebot für Hardcore-Spieler, die viele Stunden am Tag am Bildschirm gefesselt sind. Damit keine Langeweile aufkommt, können die Abonnenten 20 zusätzliche Spielergänzungen herunterladen. Wer nicht Abonnent ist, muss für diese Downloads extra zahlen.

          Die breite Vermarktung zeigt: Die Spielebranche wächst langsam in Hollywood-Dimensionen hinein. Sie fängt sogar an, das Filmgeschäft selbst zu beherrschen: Computerspiele werden zunehmend auf die Leinwand gebracht. Der Erfolg ist groß: So spielte allein der Blockbuster „Prince of Persia“ 335 Millionen Dollar ein.

          Weitere Themen

          Was Fans auf der Gamescom erwartet

          Trends der Gaming-Szene : Was Fans auf der Gamescom erwartet

          Die weltgrößte Gamesmesse beginnt am Montagabend – zum ersten Mal mit einer großen „Opening Night“. Vor allem zwei Trends werden die Messe dieses Jahr prägen – und eine Sache fehlt.

          Als die Grenze fiel Video-Seite öffnen

          August 1989 : Als die Grenze fiel

          Die Welt hat lange stillgestanden an der ungarisch-österreichischen Grenze. Bis zum 19. August 1989. Dann, vor 30 Jahren, platzte zwischen Fertörákos und Mörbisch eine Nahtstelle des Eisernen Vorhangs – mit weitreichenden Folgen für die Region und ganz Europa.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.