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Eckhard Cordes : Der ewig Unterschätzte

Eckhard Cordes Bild: dpa

Könnte Eckhard Cordes Mercedes-Chef und Nachfolger von Schrempp werden? Dies wird seit Jahren schon diskutiert. Die Antworten fielen erstaunlich oft zurückhaltend aus. Jetzt tritt er an, das Gegenteil zu beweisen.

          3 Min.

          Könnte Eckhard Cordes Mercedes-Chef werden? Ist gar er prädestiniert als Nachfolger von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp? Diese Fragen werden seit Jahren schon diskutiert, weil Cordes als einer der engsten Vertrauten von Schrempp gilt und damit als Kronprinz.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Die Antworten fielen erstaunlich oft zurückhaltend aus: der Mann habe ja kein Benzin im Blut, hieß es. Als Stratege sei er weit weg von der Technik, von der Realität in den Fabriken, von den täglichen Problemen. Jetzt tritt Eckhard Cordes an, das Gegenteil zu beweisen.

          Ehrgeiz und Zielstrebigkeit

          Der Daimler-Chrysler-Aufsichtsrat hat ihn mit der Leitung der Mercedes Car Group beauftragt, und wahrscheinlich hat er mit der bisher schon ertragsstärksten Sparte des Konzerns ehrgeizige Pläne. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit zeichnen Cordes aus, und er zeigt dabei eine enorme Disziplin, ohne verbissen zu wirken. Schon als der Hanseat (geboren im November 1950 in Neumünster) noch studierte, war er schnell, machte sein betriebswirtschaftliches Diplom nach acht Semestern und saß an der Doktorarbeit, als seine Kommilitonen noch ideologische Diskussionen mit ihren Professoren führten.

          Dann hätte er beinahe Karriere als Wirtschaftsprüfer gemacht. Seine Leidenschaft für gute Autos (von wegen: kein Benzin im Blut!) ließ ihn aber bei Daimler anheuern. Nach der Trainee-Zeit begann er als Direktionsassistent im Mercedes-Werk Sindelfingen, später war er im Controlling der Nutzfahrzeuge, weitere Stationen führten ihn zu Mercedes-Benz do Brasil und dann als Chef-Controller zur Daimler-Tochter AEG. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Cordes bekannt geworden, als der Zahlenmensch 1994 die Leitung der Konzernplanung übernahm, von 1996 an mit Vorstandsmandat. Cordes war es dann, der Jürgen Schrempps Idee von der Welt AG umsetzen half.

          Fusion mit eingefädelt

          Er gehörte zu dem engsten Zirkel um den Konzernchef, der die Fusion mit Chrysler vorbereitete, was gelang, ohne daß auch nur eine Mutmaßung zur Unzeit an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Und Cordes war es auch, der die Beteiligung an Mitsubishi eingefädelt hat. Beides hält er offenbar bis heute für richtig. Neben dem heutigen Konzernstrategen Rüdiger Grube war Cordes im April diesen Jahres der einzige, der mit Schrempp der Ansicht vertrat, man müsse die Verhandlungen über die Sanierung von Mitsubishi weiterführen. Da der übrige Vorstand anderer Meinung war, wurde den Japanern der Geldhahn zugedreht.

          Nibelungentreue kann man Cordes aber nicht vorwerfen. Er hat seine eigene Meinung, die er sich durch aufmerksames Zuhörern bildet, und er ist selbst sehr entscheidungs- und risikofreudig. „Nur wer kriecht, stolpert nicht“, soll einer seiner Leitsprüche sein. Hilfreich für die Emanzipation innerhalb der Führungsriege sind auch seine operative Erfolge.

          Im Herbst 2000 hat Eckhard Cordes die Nutzfahrzeugsparte von Dieter Zetsche übernommen, der zum Sanierungsfall Chrysler entsandt wurde. Weil der Nutzfahrzeug-Markt dramatisch schrumpfte und vor allem bei Freightliner zuvor auch grobe Fehler gemacht worden waren, war auch hier eine tiefgreifende Restrukturierung notwendig. Ziemlich geräuschlos schaffte Cordes die Wende und kann nun von Quartal zu Quartal über bessere Ergebnisbeiträge berichten.

          Beachtet wurde diese Entwicklung nur wenig. Wieder einmal wurde Cordes unterschätzt. Ihm scheint das ganz recht zu sein. Nicht einmal, daß er den Lastwagen-Führerschein gemacht hat - keine Selbstverständlichkeit für einen Nutzfahrzeugchef, aber bei der Klientel bestimmt gern gesehen - hat er an die große Glocke gehängt.

          Bei Mercedes wird es mit dem Wirken im Hintergrund nicht mehr so einfach sein, im Gegenteil. Durch die plötzliche Abberufung des zuvor hochgelobten Chrysler-Managers Wolfgang Bernhard sind erst recht aller Augen auf Eckhard Cordes gerichtet. Von ihm wird nun erwartet, daß er die Rentabilität der Personenwagensparte kräftig steigert und weitere Zielgruppen für Mercedes gewinnt.

          Die Weichen sind gestellt

          Die Chancen für baldige Erfolge stehen nicht schlecht: die Weichen sind schon gestellt, und durch den gerade geschlossenen Beschäftigungspakt hat Cordes auch bis 2012 eine verläßliche Kostenbasis.

          Ob ihm diese Aufgabe allerdings mehr Zeit läßt als bisher, zum Beispiel für seine Familie, zu der neben zwei erwachsenen Kindern aus erster Ehe noch zwei Kleinkinder aus zweiter Ehe gehören, muß bezweifelt werden. Ganz egal, wie stressig sein Alltag aber ist, für eins nimmt er sich immer Zeit: fürs Laufen, und sei es durch eine fremde Großstadt.

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