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DuMont Schauberg : „Fressen, um nicht gefressen zu werden“

Herrschersitz: DuMont-Zentrale in Köln Bild: dpa

Soviel Wachstum wagt sonst niemand: Mit dem Kauf des Berliner Verlags geht DuMont Schauberg einen mutigen Schritt in schwierigen Zeiten. Denn nur eine der drei damit erworbenen Zeitungen ist angeblich profitabel.

          3 Min.

          Beim traditionsreichen Zeitungshaus DuMont Schauberg hat man Sinn für das Repräsentative. Die imposante Zentrale des mehr als 200 Jahre alten Familienunternehmens im Kölner Norden ist in Glas und Stahl gefügter Verlegerstolz. In majestätisch weitem Bogen bietet sich die transparente Fassade dem Besucher dar.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Über dem Gebäudekomplex ragt ein gläserner Turm auf, an dem in Leuchtschrift die Namen der hier verlegten Zeitungen prangen. Mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ und dem Boulevardblatt „Express“ ist DuMont im Rheinland klarer Marktführer. Doch die Ambitionen der mächtigen Verlegerfamilien DuMont und Schütte, die hier das Sagen haben, reichen längst weit über die heimatlichen Grenzen hinaus.

          Soviel Wachstum wagt sonst niemand

          In dieser Woche ist die Medienmacht vom Rhein weiter gewachsen. Wie in einem Teil der Auflage am Dienstag berichtet, übernehmen die Kölner mit der „Berliner Zeitung“ das auflagenstärkste Abonnementblatt in der Hauptstadt. Zugleich verleiben sie sich die beiden Boulevardblätter „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“ ein. Schon vor drei Jahren hat DuMont die angeschlagene überregionale „Frankfurter Rundschau“ geschluckt.

          Könnte bald der neue, noch stärkere Mann bei DuMont sein: Uwe Vorkötter, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau

          Mit der jüngsten Großakquisition zieht der expansionshungrige Verlag im deutschen Tageszeitungsmarkt, gemessen an der Auflage, am Essener WAZ-Konzern vorbei und wird hinter Axel Springer („Bild“) und dem Stuttgarter Verlagskonglomerat SWMH („Süddeutsche Zeitung“) zur Nummer drei. Der Umsatz des rheinischen Zeitungshauses dürfte damit grob geschätzt um rund 15 Prozent auf etwa 750 Millionen Euro zulegen. Soviel Wachstum wagt in der von Anzeigenrückgängen und Leserschwund verunsicherten deutschen Zeitungsbranche keiner der Wettbewerber.

          „Fressen, um nicht gefressen zu werden“

          Der 81 Jahre Familienpatriarch Alfred Neven DuMont setzt im bröckelnden deutschen Zeitungsmarkt stärker als alle seine Konkurrenten auf Wachstum. „Fressen, um nicht gefressen zu werden“, umschreibt ein anderer Großverleger die Strategie des Seniors, der in Köln noch immer das letzte Wort hat. Neven DuMont nutzt mit seinem neuen Coup die Not eines Konkurrenten: Der britische Mecom-Konzern hat sich in den zurückliegenden Boomjahren im Mediengeschäft auf Pump finanziert und quer durch Europa zahlreiche Zeitungen zusammengekauft. In Deutschland brachte Mecom-Vorstandschef David Montgomery nach der Übernahme der „Berliner Zeitung“ 2005 mit einem radikalen Sparkurs in kürzester Zeit Redaktion und Verlagsmitarbeiter gegen sich auf. Seither herrschte Krieg zwischen der Belegschaft und dem Zeitungsinvestor.

          Nun hat die Finanzkrise Montgomery in die Knie gezwungen. Die selbst in Not geratenen Banken drohten der Mecom, auf der Nettoschulden von mehr als 600 Millionen Euro lasten, vergangenes Jahr mit der Kündigung ihrer Kredite. Die Geschäfte laufen schlecht. Im ersten Halbjahr 2008 verbuchte die Mecom bei einem Umsatz von umgerechnet rund 860 Millionen Euro einen Nettoverlust von 20 Millionen Euro. Bis Ende Februar haben die Banken Montgomery Aufschub gegeben. Jetzt zog der gescheiterte Medienmanager die Reißleine und reichte seine drei deutschen Zeitungen an DuMont weiter.

          Für Mecom bitter, aber unausweichlich

          152 Millionen Euro in bar und auf schuldenfreier Basis zahlen die Kölner für „Berliner Zeitung“, „Berliner Kurier“, „Hamburger Morgenpost“ und die nur online erscheinende „Netzzeitung“. Für die schwerreichen DuMont-Eigner dürfte die Finanzierung des Kaufpreises auch in diesen Zeiten kein Problem sein. Ein schlechtes Geschäft ist der Ausstieg aus dem deutschen Markt allerdings für die Mecom. Vor drei Jahren dürften die Briten allein für die beiden Berliner Blätter rund 180 Millionen Euro bezahlt haben. Ein beteiligter Investmentbanker zuckte dazu am Dienstag nur mit den Schultern: „Wir leben heute in einer anderen Welt.“

          Mecom sieht mit dem Notverkauf zumindest die ärgste Not gelindert. Zum Stichtag Ende Februar laufe das Unternehmen nun nicht mehr Gefahr, Kreditklauseln zu verletzen, sagte eine Sprecherin auf Anfrage: „Unsere Verhandlungsposition gegenüber den Banken hat sich damit deutlich verbessert“. Analysten freilich bleiben skeptisch und rechnen mit weiteren Verkäufen. Schon vergangenen Sommer wollte ein Dreierbund deutscher Verlage, dem auch Springer und die WAZ-Gruppe angehörten, alle Mecom-Blätter übernehmen und unter sich aufteilen. Doch Montgomery entschied sich dafür, sein Zeitungsreich in Einzelteilen zu Geld zu machen.

          Die Konkurrenz war dürftig

          Die Zahl der potenten Interessenten für die Berliner Mecom-Blätter dürfte allerdings überschaubar gewesen sein. Springer und der Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag („Handelsblatt“) können dort aus Kartellgründen nicht zukaufen. Der WAZ ist Berlin zu unattraktiv. Die Hauptstadt gilt als der am härtesten umkämpfte deutsche Zeitungsmarkt. DuMont kommt deshalb relativ billig zum Zuge. Weniger als den neunfachen operativen Jahresgewinn zahlen die Kölner für die Mecom-Titel. Die „Süddeutsche Zeitung“ etwa hatte Ende 2007 zu deutlich mehr als dem zehnfachen Jahresgewinn die Besitzer gewechselt.

          Konkurrenten halten den Expansionskurs von DuMont gleichwohl für mutig. Es wird nicht einfach werden, den Kaufpreis zurückzuverdienen. Kolportiert wird, dass von den drei jetzt zugekauften Titeln nur die „Berliner Zeitung“ profitabel sei. Und auch deren Auflage ist in den vergangenen zwei Jahren um knapp 8 Prozent geschrumpft. Die 2006 erworbene „Frankfurter Rundschau“ hat zwar die Auflagenerosion nach einer radikalen Umgestaltung des Blattes eindämmen können, ist aber weiter ein Verlustbringer. DuMont muss die Wende bei seinen zugekauften Zeitungen in denkbar schlechten Zeiten schaffen: Wegen des Wirtschaftsabschwungs steht den deutschen Verlagen das schwierigste Jahr seit der Medienkrise Anfang des Jahrzehnts bevor.

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