https://www.faz.net/-gqe-yrzj

Drogeriemarktkette dm : „Mit Geld motiviert man nicht“

  • Aktualisiert am

„Es geht nicht darum, den Gewinn zu maximieren, sondern den Kundennutzen”, sagt Erich Harsch, Geschäftsführer der Einzelhandelskette dm Bild: Michael Kretzer

Die Drogeriemarktkette dm will 2010 erstmals mehr als 6 Milliarden Euro umsetzen. Doch Gewinn und Umsatz seien zweitrangig, sagt dm-Chef Erich Harsch im F.A.Z.-Gespräch: „Unser Ziel heißt Entwicklung.“ Dann komme das Wachstum ganz von alleine.

          3 Min.

          Herr Harsch, bei Schlecker soll jetzt alles schöner, größer, heller werden. Macht Ihnen die Offensive Ihres größten Konkurrenten Angst?

          Nein, für Schlecker mag das ein Fortschritt sein, aber ein Überholmanöver ist es nicht.

          Es kann Sie aber nicht kalt lassen, wenn Schlecker zum Angriff bläst.

          Der Vorstoß macht uns nicht nervös. Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden. Wenn wir dabei an Schlecker vorbeiziehen – und davon gehen viele Experten aus –, dann wäre das eine unbeabsichtigte Folge, aber es ist nicht unser Ziel.

          Auf einem Bootssteg in Konstanz am Bodensee: Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle

          Wenn nicht Wachstum, was ist dann das Ziel?

          Unser Ziel heißt Entwicklung, Wachstum kommt dann meistens von selbst. Ich möchte, dass die dm-Filiale in Passau glückliche Passauer hat, darum geht es. Wachstum ist dann möglicherweise die Folge. Vorgaben in diese Richtung machen wir aber nicht.

          Auch nicht die, Gewinn zu machen?

          Nein, auch die nicht. Sehen Sie: Bei dm ist alles eine Frage der Haltung. Es geht nicht darum, den Gewinn zu maximieren, sondern den Kundennutzen. Man kann nur so oder so ticken. Wenn viele glückliche Passauer kommen, kommt auch der Erfolg.

          Haben Sie diese Haltung mitgebracht?

          Ich habe bei dm viel dazugelernt, aber ich habe diese Haltung auch mitgebracht. Wir haben als Jungs in Österreich häufig Fußball gespielt neben einem Bach. Wenn der Ball im Wasser landete, gab es oft Streit darüber, wer ihn denn nun holen muss. Ich habe das oft erledigt, obwohl ich gar nicht geschossen hatte. Ich wollte einfach Fußball spielen.

          Mancher beschreibt Ihren Führungsstil als aggressiv, passt das zu dm?

          Über dieses Urteil kann ich nur herzhaft lachen.

          Was passiert, wenn Ihr Kalkül nicht aufgeht: Wenn der Marktanteil sinkt und Verluste drohen? Dann entscheidet doch der, der oben steht.

          Bei uns ist oben dort, wo der Kunde ist. Danach kommt der Mitarbeiter, der Filialleiter, die Gebietsverantwortlichen und dann schon die Geschäftsführung. Wir haben uns in den neunziger Jahren vom Hierarchie-Denken gelöst. Es gibt keine Budgets, keine Vorgaben, so gut wie keine Anweisungen, und es gibt auch keine erfolgsabhängige Vergütung.

          Sie verdienen immer gleich, auch wenn’s schlecht läuft?

          Genau, deshalb kann die Motivation nicht am Geld liegen.

          Wie motivieren Sie dann Ihre Mitarbeiter?

          Unmotivierte Mitarbeiter können Sie auch mit Geld nicht ändern. Wir glauben daran, dass die persönliche Freude daraus kommt, dass man gestalten kann. Bonussysteme, die unterstellen, dass sich einer nur bewegt, wenn man ihm eine Wurst vorhält, sind menschenverachtend.

          Für einen schlecht bezahlten Mitarbeiter im Handel muss das wie Hohn klingen.

          Wir bezahlen fast alle Mitarbeiter leicht über Tarif, und trotzdem sind wir im Schnitt 20 Prozent günstiger als Schlecker. Unsere Effizienz kommt durch die höhere Produktivität. Nur gut motivierte Mitarbeiter schaffen eine hohe Produktivität.

          Fragen Sie denn die richtige Haltung bei Einstellungsgesprächen ab?

          Nein, aber wir glauben, dass in jedem Menschen der Wunsch steckt, etwas Sinnvolles zu tun. Nur hat man es vielen abgewöhnt, deshalb packen es nicht alle in den neuen Rahmenbedingungen. Der Großteil unserer mehr als 36 000 Mitarbeiter macht aber so viel daraus, dass die Vorteile deutlich überwiegen.

          Unternehmensgründer Götz Werner hat seinen Teil der Anteile in eine Stiftung eingebracht. Steigen nun die Renditeanforderungen? Stiftungen brauchen schließlich Geld für Projekte.

          Das ist nicht zu erwarten. Die Stiftung ist so veranlagt, dass dm weiter an Gewinnminimierung arbeiten darf.

          Warum geben Sie sich mit 1 Prozent Rendite zufrieden?

          Die Frage ist doch, was mache ich mit dem Gewinn? Geht das Geld raus oder sorge ich zuvor dafür, dass sich der Überschuss infolge von sinnvollen Investitionen in Grenzen hält. Wir haben uns für den zweiten Weg entschieden.

          In die erweiterte Geschäftsführung ist jetzt Götz Werners Sohn Christoph aufgestiegen. Bekommen Sie einen Aufseher aus der Familie vorgesetzt?

          Götz Werner hat seinen Sohn nicht plaziert, sondern ich habe Christoph Werner angesprochen, weil ich ihn schätze. Das ist keine Familienmaßnahme.

          Wird Christoph Werner in die Geschäftsführung kommen?

          Das ist mein Ziel. Der Aufsichtsrat wird zu gegebener Zeit darüber entscheiden.

          Gibt es denn noch genügend Wachstumspotential für Drogisten? Rücken Ihnen Aldi und Real nicht auf die Pelle?

          Im Gegenteil, der Trend geht klar Richtung Fachmarkt. Zurzeit werden erst 40 Prozent der Drogerieartikel in Drogeriemärkten verkauft, dieser Anteil wird weiter steigen.

          Wie viele Filialen gehören dm?

          Aktuell sind es 1208 in Deutschland, netto kommen 80 bis 90 im Jahr dazu, und das soll auch so bleiben. Europaweit haben wir momentan mehr als 2400 Filialen.

          Und wie hat sich der Umsatz im ersten Halbjahr entwickelt?

          Die Entwicklung stimmt uns zuversichtlich, dass wir im laufenden Jahr mehr als 6 Milliarden Euro umsetzen werden.

          Jahrelang hatten Sie angeblich ein gutes Verhältnis mit Rossmann, seit einiger Zeit bekriegen Sie sich mit ihm vor Gericht und expandieren in seiner „Stammregion“ im Norden. Ist der Streit um die Namensrechte und die Plagiatsvorwürfe denn beigelegt?

          Wir bekriegen uns nicht. Meines Wissens sind alle Differenzen, die sich immer auf den Schutz unserer Eigenmarken beziehen, durch Vergleich oder Verhandlung geklärt. Wir haben 22 eigene Marken, die schützenswert sind, so dass es immer wieder einmal zu Differenzen kommen kann, wenn ein Wettbewerber sich gestalterisch zu sehr nähert.

          Es fällt auf, dass sich viele Drogerien in teuren Innenstadtlagen behaupten. Die Margen sind also noch immer ziemlich hoch.

          Es macht nicht die Marge, sondern die Menge. Bei uns kaufen Tag für Tag 1,2 Millionen Menschen ein.

          Werners Mann

          Erich Harsch, Jahrgang 1961, ist bei dm in große Fußstapfen getreten. Als Nachfolger des Unternehmensgründers Götz Werner übernahm Harsch 2008 die Geschäftsführung der Drogeriemarkt-Kette. Der Manager Harsch erledigt seither das Kerngeschäft, der bekennende Anthroposoph Werner widmet sich ganz seinem Werben für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Harsch ist ein dm-Eigengewächs. Im Jahr 1981 fing der gebürtige Österreicher als „EDV“-Fachmann in Salzburg an, 2004 stieg er zu Werners Stellvertreter auf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.