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Drogeriemarktkette : Die neuen Schleckers

Verbindlich, freundlich und höflich: Lars Schlecker Bild: dpa

Seit drei Jahren schreiben die deutschen Schlecker-Filialen Verlust. Nun treten die Kinder des Drogeriekönigs in den Vordergrund. Der Auftritt gleicht einer Revolution.

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          Lars Schlecker hat eingeladen. Weil die Geschäfte schlecht laufen und jetzt alles besser werden soll. Aber auch, weil er Antworten geben will und nicht immer nur schweigen wie sein Vater. Man müsse doch antworten, wenn man gefragt werde, sagt er. „Das gehört doch zur Höflichkeit.“

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Deshalb sitzt er nun hier in Allmendingen, einem 5000 Einwohner-Örtchen in Oberschwaben im Besprechungsraum der örtlichen Schlecker-Filiale. Und er nimmt dort „ein Käffchen“ wo sonst die Mitarbeiter ihre Pause machen. Gitter vor den Fenstern, vier in die Jahre gekommene Stahlstühle mit blauem Stoff, ein kleiner runder Tisch, direkt im Anschluss zwei Toiletten. Alles geputzt und gewienert, aber keine Blümchen und Extrawürste für den Chef.

          Verbindlich, freundlich und höflich

          Alltag im Drogeriereich der Schleckers. Denn das ist die Nachricht: Wir haben hinter den Kulissen nichts zu verbergen und vor den Kulissen wird jetzt alles schöner, größer und heller. Im Halbstundentakt empfängt Schlecker die Journalisten, geht mit ihnen durch den Laden, lächelt zwischen den breiten Fluren in die Kameras, beschreibt den neuen schicken Fliesenboden und die neuen Lampen und das neue Sortiment und sagt, dass es jetzt aufwärts geht.

          Revolution: Trotz 6,6 Milliarden Euro Jahresumsatz verkroch sich Schlecker bis dato vor der Öffentlichkeit
          Revolution: Trotz 6,6 Milliarden Euro Jahresumsatz verkroch sich Schlecker bis dato vor der Öffentlichkeit : Bild: dapd

          Der Auftritt gleicht einer Revolution für eine Unternehmerfamilie, die sich bis dato trotz 6,6 Milliarden Euro Jahresumsatz und 49.000 Beschäftigen vor der Öffentlichkeit verkrochen hat und deren kleine enge Vorstadtläden und ihr fragwürdiger Umgang mit Mitarbeitern zu einem denkbar schlechten Image geführt haben und zu großen wirtschaftlichen Problemen. Seit drei Jahren schreiben die deutschen Filialen Verlust. 9000 Stück sind es noch, das sind zwar immer noch mehr als doppelt so viele wie die gesamte Konkurrenz. Aber 2500 mussten in den vergangenen drei Jahren schon dicht gemacht werden.

          Lars Schlecker ist gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Meike angetreten, das Unternehmen seines Vaters zu ändern. Und es könnte gut sein, dass ihm das gelingt. Der 39-Jährige ist verbindlich, freundlich und höflich, er fragt nach und er lächelt häufig. Mit seiner Lockenmähne und den schweren Metallringen am Finger wirkt der drahtige Mann dabei wie der eigens geschaffene Gegenentwurf zum verhärmten schwäbischen Kaufmann. Schlecker hört zu, und wenn ihm dabei im Laufe des Gesprächs die Brille auf die Nase rutscht, blickt er minutenlang über den Rand, bis er die Brille schließlich umständlich wieder nach oben schiebt - ganz so, als habe er das wegen des interessanten Gesprächs ganz vergessen.

          Auf den Vater lässt der Sohn nichts kommen

          Das neue Image ist das eine und man könnte es leicht als Teil einer einstudierten Kampagne abtun, aber Schlecker meint es offensichtlich Ernst: Den umstrittenen Leiharbeitervertrag hat das Unternehmen gekündigt und einen flächenweiten Tarifvertrag eingesetzt, der selbst Gewerkschafter staunen lässt. „Wir reden ja nicht nur, wir tun auch was“, sagt er freundlich. Die Offensive ist freilich auch bitter nötig. Während die Verfolger DM, Rossmann und Müller in den letzten Jahren beständig Marktanteile gewonnen haben, fiel Schlecker zurück. 230 Millionen steckt die Familie in den kommenden 18 Monaten nun in den Umbau der Filialen. „Wenns gut läuft, danach vielleicht auch mehr“. In diesem Jahr werde es zwar höchstens reichen für eine schwarze Null. „2011 werden wir aber wieder Gewinn erwirtschaften.“

          Gerüchte über Liquiditätsschwierigkeiten weist Schlecker zurück. Das Unternehmen habe in vielen Jahren gut verdient und schaffe den Umbau aus eigener Kraft. Den Gang an die Öffentlichkeit versteht der Sohn als Meilenstein. Als etwas, was man nicht zurückdrehen könne. Das sei ihm von Anfang an klar gewesen. Aber nie reagieren und alles aussitzen, so wollten er und die Familie nicht mehr weitermachen. Jetzt werde er nicht nur in jeder Filiale angesprochen, sondern sogar am Flughafen und auf der Straße. „Mir macht das nichts aus, ich wusste, dass das so kommt.“

          Nur über seine Familie wolle er nicht reden - „wir hatten da ja unsere Erfahrung“. Weihnachten 1987 wurden Lars und Meike entführt, Vater Anton zahlte 9,6 Millionen Mark Lösegeld. Er hatte die Summe zum Entsetzen der Öffentlichkeit sogar noch gedrückt. Auf den Vater lässt der Sohn dennoch nichts kommen. Manches werde verzerrt dargestellt, sagt er. Und ja, es habe einst Verträge gegeben, die den Mitarbeitern vorgaukelten, sie würden nach Tarif bezahlt. Aber das sei lange her, sein Vater habe damals schlicht nicht alles nachgeprüft und er sei für diesen Fehler schließlich auch verurteilt worden. „Schlecker wird sich ändern“, sagt Lars Schlecker. „Ganz sicher.“

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