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Drogeriekette will sich wandeln : Die netten Schleckers von nebenan

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Heute arbeiten 39 000 Schlecker-Mitarbeiter in knapp 8000 Märkten, meldet Verdi. Und diese Märkte sollen jetzt völlig anders aussehen. „Wir wollen uns als guter Nachbar positionieren, bei dem man auch mal länger bleibt und ein bisschen tratscht“, sagt Lars Schlecker. Er spricht von lustigen Werbe-Aktionen, einem Preis für die schmutzigste Männer-WG zum Beispiel. Und seine Berater wollen in den Filialen ein neues „Look-Konzept ausrollen“: Heller und bunter sollen sie werden, und die Kunden mit „Farbcodes“ durch „Themenwelten“ geleitet werden.

Da kann die Konkurrenz nur lächeln. Licht? Farbe? Themenwelt? Hallo? Haben wir längst. Aber die Top-Lagen, die hat meistens Schlecker. Die Kette ist ein Nahversorger. Den Kunden mögen die düsteren Butzen nicht gefallen, aber sie liegen so praktisch um die Ecke. Wenn sie jetzt auch noch schön werden, könnte Schlecker zu retten sein. „Es wird aber mindestens fünf Jahre dauern, bis das neue Image bei den Kunden etabliert ist“, prophezeit Martin Fassnacht, Professor für Handel an der Otto Beisheim School of Management in Vallendar.

Frieden mit Schlecker - dafür sei es zu früh

Bald sollen die Kunden in den Regalen mehr Artikel finden, die zu ihnen passen. Schlecker will das Sortiment auf die Nachbarschaft abstimmen. Zu den 4000 Grundartikeln soll in Wohngebieten mehr Babybrei kommen, in Fußgängerzonen mehr Kosmetik und bei Seniorenheimen mehr Kräuterbäder. „Noch wird Schlecker sehr zentral regiert“, sagt Martin Fassnacht. „Wenn man das Sortiment der Filialen besser auf die Nachbarschaft abstimmt, muss die Struktur zwangsläufig dezentraler organisiert werden.“ Das bedeutet einen Machtverlust für den Mann, der angeblich alle Filialen bis ins kleinste Kaff kennt. Noch immer gehen Anton und Christa Schlecker jeden Donnerstag auf Tour durch ausgewählte Filialen, berichten die Kinder. Was nach Anstandsbesuch klingt, kann man auch Kontrollwahn nennen. Wehe, wenn Paletten im Weg stehen, Regale unsortiert sind, in den Ecken Schmutz klebt.

Und doch findet Achim Neumann von Verdi es „fast irritierend“ wie kooperativ der alte Erzfeind neuerdings ist. Früher waren Schlecker-Betriebsräte Stammkunden in den Arbeitsgerichten in Ulm oder Stuttgart, jedes einzelne Informationsrecht musste sich der Wirtschaftsausschuss mühsam erkämpfen. Heute kommt ein Schlecker-Personaldirektor zur Gesamtbetriebsrätekonferenz, steigt auf die Bühne und sagt vor 340 Delegierten: Sorry, wir haben Fehler gemacht. Aber jetzt werde man für ein „Wir-Gefühl“ bei Schlecker sorgen, jetzt würden alle Mitarbeiter „fit for future“ gemacht. So heißt das Strategiekonzept, das Schleckers Unternehmensberater erfunden haben. Für Verdi ist es ungewohnt, dass ausgerechnet die verhassten Berater für gute Stimmung sorgen.

Frieden mit Schlecker - dafür sei es zu früh, sagt Neumann. Aber immerhin habe man mit Schlecker drei vorbildliche Tarifverträge geschlossen. Und die Inhouse-Zeitarbeitsfirma „Meniar“ - Menschen in Arbeit -, über die Schlecker den XL-Filialen Mitarbeiter zu Dumpinglöhnen zuschieben wollte, die existiert zwar noch in Zwickau. Aber sie hat niemanden mehr zu verleihen. Ihr Chef ist wieder an seinen alten Platz in der Schlecker-Personalabteilung zurückgekehrt.

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