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Drogeriekette will sich wandeln : Die netten Schleckers von nebenan

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Ermittler berichten, dass der penible Millionär für die Erpresser in einem Schulheft seines Sohnes eine Merkliste mit 20 Punkten erstellt habe, was zu tun sei, um das Geld zu besorgen. Der Deal klappte, die Gangster flohen und die Kinder konnten sich in der Hütte befreien. Schlecker setzte später 1 Million Mark als Belohnung auf die Entführer aus, geschnappt wurden diese aber erst Jahre später nach einem anderen Coup.

Mit dem Ruf ging es abwärts

Vielleicht rührte aus dieser Erfahrung das Misstrauen der Familie gegen zu viel PR. Vielleicht war es aber auch die Haltung, dass nicht das Geschwätz einer Person zählt, sondern ihre Leistung. Zäh und fleißig, so war Anton Schlecker immer. 1965 übernahm er die Großmetzgerei seines Vaters, die schon acht Filialen hatte und sattelte um auf Selbstbedienungsläden. Es war eine Zeit, in der Markenhersteller den Einzelhändlern noch vorschreiben durften, welche Preise sie den Verbrauchern abzuknöpfen hatten. Der Preis galt, auch wenn die Verkäufer lieber Rabatt gewährt hätten. 1974 war es vorbei mit der Preisbindung, und Anton Schlecker beschloss, groß ins Discount-Geschäft einzusteigen. 1977 hatte er schon 100 Läden - und dachte an 500. Als er 500 hatte, dachte er an 1000, bald an 5000.

Ein engmaschiges Netz kleiner Läden knüpfte Schlecker quer durch die Republik. Die brachten nicht viel Umsatz, brauchten aber auch wenig Personal und kosteten wenig Miete. An das Design der Filialen mit blau-weißem Schild verschwendete der Unternehmer wenig Mühe, umso hartnäckiger verhandelte er mit Lieferanten. Heute sei Schlecker der größte Distributionskanal für Drogeriewaren, meldet die Lebensmittelzeitung - und einer der wichtigsten für viele Lebensmittelhersteller.

Doch im gleichen Maß, in dem es mit dem Filialnetz aufwärts ging, ging es mit dem Ruf abwärts. Erst wurde bekannt, wie hart die Kassiererinnen in den Ein-Frau-Läden schuften: ohne Telefon, allein verantwortlich für das Kassieren, Räumen, Saubermachen. Bald wurden Schlecker-Filialen ein beliebtes Ziel von Raubüberfällen, zumal Schlecker sich teure Tresore mit Zeitschaltung sparte. Mancher Mitarbeiterin machte Schlecker weis, er bezahle sie nach Tarif - für diesen Betrug wurde er 1998 sogar zu einer Bewährungsstrafe und 2 Millionen Euro Geldbuße verurteilt.

Licht? Farbe? Themenwelt? Hallo?

Dann ging auch sein Konzept nicht mehr auf. Negativschlagzeilen und Gewerkschaftskampagnen zeigten Wirkung, noch mehr aber die Wohlfühl-Konkurrenz durch dm und Rossmann. Eltern hatten keine Lust mehr, ihre Kinderwagen durch düstere, enge Gänge zu quetschen, anderen schienen die Preise zu hoch, und die Senioren, die gerne um die Ecke zu Schlecker trippelten, wurden einfach weniger. Mit neuen „XL-Filialen“ konnte Schlecker nicht gegensteuern.

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