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Drogeriebranche : Schlecker-Frauen ohne Schlecker

  • -Aktualisiert am

Schlecker-Frau auf eigene Faust: Bettina Meeh hat sich auf das Wagnis Selbständigkeit eingelassen. Bild: Müller, Verena

Nach der Insolvenz von Anton Schlecker haben in Baden-Württemberg einige Mitarbeiterinnen ihre eigenen Drogerien eröffnet. Es gibt sie bis heute. Wieso gelingt den Frauen, woran ihr Boss scheiterte?

          Manchmal rutscht den Kunden das S-Wort raus. Etwa der alten Dame, die zwischen den Regalen mit Hautcreme, Kerzen, Taschentüchern und Butterkeksen ins Handy krächzt: „Ich bin gerade im Schlecker.“ Wenn so etwas passiert, ruft Karin Meinerz hinter der Kasse quer durch den Laden: „Stopp, spulen Sie zurück! Sie sind nicht im Schlecker!“ Die Kunden lachen dann. Sie wissen ja: Der Drogerieladen im baden-württembergischen Erdmannhausen, der früher ein Schlecker war, heißt jetzt „Drehpunkt“, und Meinerz, die früher eine Schlecker-Frau war, ist heute die Chefin. Nach der Insolvenz ihres Arbeitgebers im Januar 2012 hat sie mit ihrer Kollegin Bettina Meeh beschlossen, sich selbständig zu machen.

          Verwechseln kann man die beiden Läden wirklich nicht: Statt sich durch vier schmale Gänge zu drängeln, können die Kunden jetzt durch drei breite Gassen schlendern. Jetzt passen auch mal zwei Einkaufswagen nebeneinander. Oder zwei Rollatoren. Die nackten Neonröhren, die für Schlecker so typisch waren, sind verkleidet, und über der Kasse hängen Schirmlampen im neuen Drehpunkt-Grün. Überhaupt: alles Grün und Weiß statt Schlecker-Blau. Aber reicht ein neuer Anstrich, um Kunden in den Laden zu locken? Können zwei Schlecker-Frauen schaffen, was ihrem Boss nicht gelang?

          Warum Schlecker insolvent wurde, darüber gibt es viele Theorien: Unfreundliche Mitarbeiter; uncharmante Läden und eine Unternehmenskultur, die man wohl nur in Nordkorea als vorbildlich bezeichnet hätte. Als Meeh und Meinerz einen Betriebsrat mitgründeten, wartete der Bezirksleiter vor dem Lokal, um sich die Namen zu notieren.

          Vielleicht hat sich Anton Schlecker – der das Unternehmen bis zum Schluss alleinverantwortlich und allein haftend als eingetragener Kaufmann führte – auch übernommen. Aber selbst wenn all das stimmt, muss man sagen: Schlecker hat aus einem Warenhaus im schwäbischen Ehingen die größte Drogeriemarktkette Europas aufgebaut und über 40 Jahre lang erfolgreich gewirtschaftet. Als Unternehmer war er ein Profi.

          „Wir schaffen das“

          Meinerz und Meeh waren bloß Profis als Verkäuferinnen. Mehr als 20 Jahre haben sie bei Schlecker hinter der Kasse gestanden, Meeh hat am Ende auch eine Filiale in der Gegend geleitet. Aber ein Sortiment konzipieren, Lieferanten suchen, Ware einkaufen, Werbung planen – das mussten sie früher nicht machen. Trotzdem: „Wir schaffen das“, antworteten Meeh und Meinerz sich selbst und allen Kritikern.

          Und der Plan B? „Wir schaffen das.“ Meinerz und Meeh sind keine Frauen, die „mal sehen“ sagen. Meinerz – 56 Jahre, orange-rot gefärbte Haare, scharf geschnittenes Gesicht – hat ihre Ohren überall im Laden, und kann es sich nie verkneifen, etwas unkommentiert zu lassen. „Ich muss mal durch Sie durch“, sagt sie, wenn einer im Weg steht. Und wenn jemand lange nach Wechselgeld kramt: „Sie können es auch abarbeiten.“ Selbst die Grummeligen unter den Kunden, die grußlos reinschlurfen, verlassen den Laden lächelnd: „Ich wünsch euch was, Mädels! Schafft nicht zu viel.“

          Meeh – 50 Jahre, violett-rot gefärbte Haare, rundes Gesicht – lässt sich von kaum etwas aus der Ruhe bringen. Der Kundin, die sich stumm an die Kasse stellt, legt sie zwei Packungen Zigaretten auf die Theke. „Bitte.“ Die Kundin nickt. Den Vertreter, der plötzlich hinter ihr steht, als sie Shampoo einräumt, lässt sie in Ruhe erklären, dass sie für nur 590 Euro auf der Rückseite eines Stadtplans werben könnten, der später mal in den Rathäusern der Gegend ausgelegt werden soll.

          Was leicht aussah, war plötzlich kompliziert

          Dann macht sie eine Pause, die lang genug ist, um als höfliches Abwägen gewertet zu werden, aber auch kurz genug, um bestimmtes Ablehnen zu signalisieren. „Nein, da haben wir kein Interesse.“ Der Vertreter verabschiedet sich zügig. „Das wäre rausgeschmissenes Geld“, sagt Meeh, als er gegangen ist. Am Anfang hätten sie so etwas vielleicht gemacht. Seit vor rund drei Jahren die ersten Kunden in den Laden kamen, haben Meinerz und Meeh viel ausprobiert und viel dazugelernt.

          Manches, was leicht aussah, war plötzlich kompliziert. Beispiel: Ware bestellen. Früher liefen sie einmal die Woche mit einem Scanner durch die Reihen und scannten die Schilder der leeren Körbe und Regale. Die Ware wurde ein paar Tage später geliefert. Heute bestellen sie das meiste beim Großhändler „Rewe Für Sie“. Manches auch bei Edeka, weil es dort billiger oder besser ist. Das meiste Geld verdienen sie mit Deko- und Geschenkartikeln wie Kerzen und Badeseifen, die sie auf Messen und von Bastlerinnen aus dem Bekanntenkreis kaufen. Etwas, das es so bei Schlecker nicht gab.

          Je besser abgestimmt auf die Kunden, desto mehr verkaufen sie dabei: Erdmännchen-Figuren aus Keramik oder Servietten mit Erdmännchen, die Weihnachtsmützen tragen, mögen anderswo Ladenhüter sein, in Erdmannhausen sind sie Selbstläufer. Ein paar alte Schlecker-Produkte wie Strumpfhosen mit breiten Bündchen vermissten die Kunden so sehr, dass Meinerz im Internet recherchierte, bis sie schließlich in den Niederlanden Restbestände auftun konnte.

          „Wenn wir umräumen, verkaufen wir mehr“

          Anders als Anton Schlecker, der die gelieferte Ware zum Teil erst 90 Tage später bezahlte, müssen Meinerz und Meeh alles kaufen, bevor sie es verkaufen. Da lohnt es sich, genau zu schauen, was man braucht: Vier Päckchen Kondensmilch reichen, da muss Meeh nicht nachbestellen. Vier Gläser Kaffeeweißer aber sind zu wenig: „Den kauft vor allem eine Kundin, und wenn die kommt, nimmt sie gleich acht auf einmal.“

          Es gibt auch Sachen, die haben sie bei Schlecker schon so gemacht, aber nie gewusst, wieso. Umräumen zum Beispiel. „Was ein Unsinn!“, hat Meinerz gedacht. Warum jetzt die Seife nach oben und das Shampoo nach unten? Heute sagt sie: „Wenn wir umräumen, verkaufen wir mehr.“ Die Kunden sehen etwas, was sie lange übersehen haben. „Das haben wir eben nicht gewusst.“

          Seit sie das wissen, räumen sie oft um. Überlegen, wo was am besten wirkt. Welche Produkte ins Sortiment müssen, welche raus. „Das hört auch nicht nach der Arbeit auf“, sagt Meeh. Wenn sie in einem Supermarkt steht, sucht sie die Regale ab. Was haben die wo hingestellt? Wie sortiert man Blasentee am besten ein? Bei den Tees oder bei den Medikamenten?

          Früher ging es nicht ums große Ganze

          Das Nicht-Abschalten-Können ist es, was Meeh und Meinerz am meisten nervt. „Klar, hat man früher auch mal gedacht: Oh, hast du den Beleg vorhin richtig abgelegt? Oder so.“ Aber das war es dann. Es ging ja nicht immer ums große Ganze. Das Nicht-Abschalten-Können ist aber vielleicht auch das, was ihnen am meisten hilft. So sieht es Wolfgang Gröll. Der Unternehmensberater arbeitet seit gut 20 Jahren in einem Projekt, das Dörfern zu neuen Tante-Emma-Läden verhilft.

          Nach der Schlecker-Pleite fragte ihn eine Verdi-Sekretärin aus Stuttgart, die sich sehr für die Schlecker-Frauen engagierte, ob er nicht dabei helfen wolle, neue Drogerien zu eröffnen. So entstanden Meinerz’ und Meehs Drehpunkt und noch sieben weitere. „Immer, wenn das Team hintendran ist, hat es geklappt“, sagt er. „Der Glaube überdeckt den Zweifel.“

          Nicht überall war das so: In Plüderhausen im Nachbarkreis etwa musste der Drehpunkt bald wieder schließen. Fragt man den SPD-Lokalpolitiker Klaus Harald Kelemen, der sich sehr für die neue Drogerie eingesetzt hat, dann liegt das am verstolperten Start. „Es gab eine große Euphorie und Solidarität in der Bevölkerung.“ Dann aber wurde die treibende Kraft im Gründungsteam schwer krank und musste aufgeben. Ein zweites Team – das von außerhalb kam – wurde gefunden, habe aber lange gebraucht, um anzufangen. „Da hatten sich die Leute dann schon gewöhnt, woanders einzukaufen.“

          „Nie auf die Solidarität der Bürger verlassen“

          Gröll sagt, auf die Solidarität der Bürger darf man sich nie verlassen: „Wenn die Betreiber nachlässig werden, ist die Solidarität schnell weg.“ Am Anfang stehe man üblicherweise 60 Stunden die Woche in einem neuen Laden. Das sei in Plüderhausen nicht so gewesen.

          Jedenfalls – das sagen Kelemen und Gröll – wurden bald die Regale lichter. Wer ein Rasierwasser kaufen wollte, fand oft keines mehr, und suchte sich andere Läden. Das Insolvenzverfahren wurde mangels Masse gar nicht erst eröffnet. Die Ladenbetreiber sind seitdem in Plüderhausen nicht mehr aufgetaucht. Ihre Handynummern sind abgemeldet.

          Einen anderen Drehpunkt hat die noch junge Besitzerin selbst aufgegeben, weil ihr der Gewinn zu gering war. In zwei weiteren Orten wurden die Läden zwar im Unternehmensregister eingetragen, aber nie eröffnet. Kurz vorher haben die Schlecker-Frauen „die Reißleine gezogen“, heißt es beim örtlichen Gewerbeverein.

          Keine Chance gegen eine Kette

          „Der Glauben überdeckt den Zweifel“, sagt Gröll. Will heißen: Man muss nur wollen. Selbst Meinerz und Meeh, die nachweislich über eine ausgeprägte Tschakka-Mentalität verfügen, glauben nicht, dass das immer reicht. In Welzheim – einem Kurort mit etwas über 10.000 Einwohner – soll ein Einkaufszentrum gebaut werden, in das auch ein Rossmann einziehen will. Wenn das passiert, können die Kollegen im Drehpunkt dort aufgeben, sagen Meinerz und Meeh. „Da hast du keine Chance.“

          Zwar bestellen sie schon mal gemeinsam mit den fünf verbliebenen Drehpunkt-Läden, aber von den Einkaufspreisen einer Drogerie-Kette wie Rossmann, die in Deutschland rund 2000 Filialen hat, sind sie weit entfernt. Ein Glück, dass den großen Wettbewerbern Orte wie Erdmannhausen mit einem Einzugsgebiet von weniger als 10.000 potentiellen Kunden meist zu klein sind.

          Austausch über Probleme und Lösungen

          Auch wenn das Drehpunkt-Logo die Verhandlungsposition beim Lieferanten kaum stärkt, sei es trotzdem gut, die anderen Läden in der Nähe zu wissen, sagen Meinerz und Meeh. Sie bilden mit ihnen keine Kette, aber ein Netzwerk. „Denn die Idee war: Wenn einer untergeht, soll er die anderen nicht mit runterziehen“, sagt Meinerz. Einmal im Quartal trifft man sich zum Austausch über Probleme und Lösungen, und man schreibt sich auf Facebook. Etwa: Wer möchte für die Herbstsaison Schals mitbestellen? Oft klingelt das Telefon auch einfach, weil jemand wissen will: War es gestern bei euch auch so ruhig? Lag das vielleicht am Wetter?

          Über so etwas denken Meeh und Meinerz auch drei Jahre nach der Eröffnung ihrer eigenen Drogerie immer noch oft nach. Es schüttet aus Kübeln und die Leute kommen; es scheint die Sonne und sie bleiben fern. Warum? Nicht, dass das Nachdenken viel weiterhelfen würde. Aber sie können es eben nicht lassen.

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