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„Hotels entschädigen!“ : Dorint-Chef will klagen

Dorint-Chef Dirk Iserlohe sieht die Hotels für Verluste im Rahmen der Pandemie als nicht ausreichend entschädigt an. Bild: dpa

Dorint-Chef Dirk Iserlohe ist zwar bereit, Maßnahmen zur Verhütung weiterer Infektionen umzusetzen, fordert aber auch dementsprechende Entschädigungen.

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          Die Bundestagsdebatte hat Dirk Iserlohe, Chef der Hotelkette Dorint, im Fernsehen verfolgt. Sein Unmut ist gewachsen, während das Parlament am Mittwoch die Corona-Notbremse samt Urlauberverbot für Hotels in Landkreisen mit Sieben-Tage-Inzidenz über 100 Infektionen je 100000 Einwohner diskutierte und dann mit Stimmen der großen Koalition beschloss. Ginge es nach ihm, müsste die nächste Änderung des Infektionsschutzgesetzes schnell folgen. Und dabei müsste es nicht um Regeln, sondern um Geld, um Entschädigungen statt Hilfen gehen. „Wir verbrennen jeden Monat 8 Millionen Euro, die staatliche Hilfe ist aber auf 3 Millionen Euro im Monat begrenzt“, sagt Iserlohe im Gespräch mit der F.A.Z. über sein Unternehmen. Konkurrenten gehe es ähnlich, ein Niedergang deutscher Hotelbetriebe drohe.

          Timo Kotowski
          (tko.), Wirtschaft

          „Deutschland ist ein exportorientiertes Land, viele Kunden der hiesigen Wirtschaft kommen aus dem Ausland und brauchen für ihren Aufenthalt Gastgeber. Ohne Hotel kommt keiner mehr aus China“, warnt der Dorint-Chef. Mit Blick auf die Gesundheitsrisiken der Pandemie trennt ihn wenig von den Entscheidern. Mit Blick auf den Umgang mit wirtschaftlichen Folgen klafft aber ein großer Graben zwischen der Dorint-Zentrale in Köln und dem Regierungsviertel in Berlin. „Ich maße mir nicht an, Virologen zu erklären, wie mit man der Pandemie umgehen soll. Ich bin bereit, Maßnahmen zur Verhütung weiterer Infektionen umzusetzen“, sagt Iserlohe. Allerdings müsse es einen umfangreicheren Ausgleich der wirtschaftlichen Schäden geben. Den will er erstreiten, weil die aus seiner Sicht nötige Gesetzeskorrektur nicht absehbar sei. „In den nächsten 14 Tagen werden wir Verfassungsbeschwerde einreichen“, kündigte er an.

          „Hotels tragen nicht zum Infektionsgeschehen bei, sie erbringen in der Pandemie ein Sonderopfer. Beschränkungen sind eine vorsorgliche Maßnahme zur Verhütung von Infektionen, aber keine Bekämpfung von Fällen. Deshalb sind Betriebe zu entschädigen“, sagt er. Schon einmal hatte Iserlohe sich an das Verfassungsgericht gewandt, zu Weihnachten kam die Abweisung – mit Verweis auf die hohe Arbeitsbelastung des Gerichts und die unklaren Erfolgsaussichten der Beschwerde. Eine Entscheidung in der Sache gab es nicht. Nun will er juristisch dagegen vorgehen, dass Corona-Regelungen gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz des Grundgesetzes verstießen. Nach seinen Berechnungen benachteiligten die bisherigen Hilfsprogramme größere Betriebe und Hotelketten wie Dorint mit 58 Standorten gegenüber Einzelhotels.

          Iserlohe macht dazu eine Beispielrechnung auf. Das Dorint-Haus in Wiesbaden, der Nassauer Hof, könnte als Einzelbetrieb darauf bauen, dass von 3,2 Millionen Euro Verlust in der Pandemie 2,6Millionen Euro über diverse Programme erstattungsfähig seien. Dorint muss aber als Kette Anträge stellen, dann seien nach seiner Rechnung von 93 Millionen Euro Verlust nur 37 Millionen zurückzuholen. Es bliebe eine Deckungslücke von rund 60 Prozent des erlittenen Schadens, weil für Unterstützungen wie die Überbrückungshilfe III zu niedrige Deckelungen gälten, sagt er.

          „Es ist nicht einzusehen, dass größere Unternehmen in die Insolvenz zu rutschen drohen, während kleinere überleben dürfen“, sagt Iserlohe. Und das Insolvenzrisiko sieht er in der Hotellerie steigen. Wettbewerber Maritim hat gerade Notverkäufe von Hotelbetrieben angekündigt, Dorint hat sich von einem Haus in Bremen getrennt, zwei weitere Standorte stehen zur Disposition.

          Der Druck in der Hotellerie wächst, weil die Insolvenzantragspflicht nur bis Ende April ausgesetzt ist. Eine Verlängerung in der aktuellen Form würde laut Iserlohe auch nur Betrieben helfen, die auf noch nicht ausgezahlte Hilfen warteten. Für Ketten, die absehen könnten, dass Hilfen in bisheriger Form mangels Entschädigungsregelung nicht reichten, sehe das anders aus. „Die Vorgaben zu Insolvenzanträgen müssen neu geregelt werden – und zwar so, wie sie im vergangenen Frühjahr galten.“ Damals war die Insolvenzantragspflicht sowohl bei vorübergehender Zahlungsunfähigkeit als auch bei Überschuldung ausgesetzt.

          Ein baldiges Ende der Durststrecke für Hotels sieht er nicht, den Sommer gibt er aber nicht verloren. „Ich rechne damit, dass wir als Hotels im Juli wieder mehr dürfen. Zu Pfingsten wird die Inzidenz noch nicht bundesweit unter 100 gefallen sein, der Mai ist für uns nahezu verloren. Weil es keine feste Regelung für Öffnungen bei einer Inzidenz unter 100 gibt, dürfte auch der Juni verloren sein.“ Er übt sich in Geduld. „Wir müssen zunächst abwenden, dass die Inzidenz weiter in Richtung 200 steigt. Aber irgendwann muss Hotels eine Perspektive gegeben werden, denn eine Inzidenz von null werden wir nicht so schnell erreichen“, sagt Iserlohe. Öffnungen unter Auflagen hält er bei 100 Infektionen je 100000 Bürger in einer Woche für vertretbar.

          Rund 2 Millionen Euro hat Dorint in Schutzkonzepte investiert. „Die beginnen mit der Maskenpflicht und reichen über die Technik für das kontaktfreie Einchecken bis hin zu Lüftungsgeräten in Konferenzräumen“, sagt er. Vom Sommer an sollen die Konzepte ihre Wirksamkeit zeigen. „Ich rechne damit, dass wir in der zweiten Jahreshälfte eine Auslastung von 40 Prozent erreichen, aktuell sind wir bei 6 Prozent“, sagt er. Geschäftsreisen würden erst 2022 in größerem Maße anlaufen. „Die Erholung wird dann aber nicht Jahre dauern, sondern eher explosiv vorangehen“, sagt er.

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