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So wichtig ist der Stahl : Zittern im Pott

Das Ruhrgebiet könnte besonders schwer von amerikanischen Strafzöllen getroffen werden. So auch das Thyssenkrupp Stahlwerk Schwelgern bei Duisburg. Bild: dpa

Die Stahlindustrie ist für Deutschland nach wie vor wichtig. Zehntausende Beschäftigte könnten jetzt unter Druck geraten. Wenn Trump ernst macht.

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          Es ist noch keine zwei Jahre her, dass die deutschen Stahlkocher voller Anerkennung auf die konsequente  amerikanische Außenschutzpolitik blickten. Während die EU nur zaghaft gegen die Importflut aus China vorging, hatte die amerikanische Regierung, damals noch unter Präsident Obama, schon mit drastischen Anti-Dumping-Zöllen reagiert. Jetzt droht die Abschottungspolitik von Donald Trump die deutsche Stahlindustrie schmerzhaft zurückzuwerfen.

          Helmut Bünder
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Auf breiter Front hatten die Konzerne zuletzt wieder gute Zahlen gemeldet. Die anhaltend hohe Nachfrage aus der Industrie sowie steigende Erz- und Kokspreise hatten für eine Preiserholung gesorgt und den Stahlkochern eine Sonderkonjunktur beschert. Allerdings lasten noch immer riesige Überkapazitäten auf dem Markt, so dass die Erholung fragil ist.

          Weitreichende Folgen befürchtet der Branchenverband Wirtschaftsvereinigung Stahl. Für die deutschen Produzenten sind die Vereinigten Staaten der wichtigste Exportmarkt außerhalb der EU. Knapp eine Million Tonnen Walzstahl haben sie voriges Jahre dorthin geliefert und daraus einen Importwert von 1,7 Milliarden Dollar erzielt. Gemessen an der Gesamtproduktion von rund 42 Millionen Tonnen allerdings würden sich die Verluste in Grenzen halten.

          Europäischem Markt droht „Stahlschwemme“

          Den gefährlichsten Effekt sieht der Verband darin, dass der Importdruck auf Europa wieder drastisch zunehmen könnte. „Europa wird durch Handelsumlenkungen von einer neuen Stahlschwemme bedroht“, sagte Präsident Hans Jürgen Kerkhoff. Um rund 13 Millionen Tonnen wollen die Amerikaner die Einfuhren reduzieren, und die könnten dann zu einem großen Teil in Europa landen. Außerdem könnten auch die Exporte in andere Länder leiden, wenn es dort zu Nachahmungseffekten käme.

          Auf den ersten Blick hat die Stahlproduktion für Deutschland nur noch eine untergeordnete gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Zahlreiche Hüttenwerke haben seit dem Höhepunkt der Montanindustrie in den sechziger Jahren dicht gemacht. Die Zahl der Beschäftigten ist seit 1980 von knapp 300.000 auf 85.000 Stahlkocher gesunken.

          Deutschland ist größter Stahlproduzent in der EU

          Gleichwohl genießen sie große politische Aufmerksamkeit, weil sie sich auf wenige Standorte konzentrieren, in denen der Strukturwandel oft schon tiefe Spuren hinterlassen hat. So wie im Ruhrgebiet, wo fast die Hälfte aller deutschen Stahlkocher arbeitet. Seit 1980 hat sich aber die Produktivität der Stahlarbeiter mehr als verdreifacht, so dass die Rohstahlerzeugung im vorigen Jahr kaum niedriger lag.

          Mit den rund 42 Millionen Tonnen, die bei Thyssen-Krupp und Salzgitter, in den deutschen Anlagen von Arcelor-Mittal, an der Saar und bei kleineren Herstellern wie der Georgsmarienhütte erschmolzen wurden, war Deutschland der siebtgrößte Stahlerzeuger der Welt. In der EU steht es vor Italien und Frankreich auf dem ersten Platz und liefert mehr als ein Viertel der gesamten EU-Stahlerzeugung. Der Schwerpunkt der weltweiten Stahlproduktion freilich hat sich nach Asien verschoben, vor allem nach China, das auf eine Jahresproduktion von rund 800 Millionen Tonnen kommt.

          Deutsche Schlüsselindustrien brauchen Stahl

          Dennoch täuscht der Eindruck, dass die Branche in Deutschland in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Die Hochöfen stehen am Ausgangspunkt von wichtigen Wertschöpfungsketten rund um Schlüsselindustrien wie Autos, Maschinenbau und Elektroindustrie. Untersuchungen zeigen, dass die Stahlindustrie, ihre Zulieferunternehmen und die vom Stahl abhängigen Branchen für zwei von drei Industriearbeitsplätzen in Deutschland stehen. Das Essener RWI-Institut stuft rund 4 Millionen Arbeitsplätze wegen des hohen Stahlanteils an den Vorleistungen als „stahlintensiv“ ein. Ebenso hängt ein Großteil des deutschen Exportüberschusses bei Industrieerzeugnissen an „stahlintensiven“ Gütern. Und deren wichtigster Werkstoff kommt zum größten Teil aus deutschen Stahlwerken.

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