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Nach „Charlottesville“ : Konzernchefs wenden sich von Trump ab

Nun, da Frazier das Gremium verlassen habe, werde er ja mehr Zeit haben, die „Abzockerpreise“ für Medikamente zu senken, sagte Trump. Und am Montag Abend legte er noch einmal nach und sagte, Merck & Co. sei ein Spitzenreiter in punkto „höheren und höheren Arzneimittelpreisen“ und ziehe gleichzeitig Arbeitsplätze aus Amerika ab.

Es ist nicht ganz klar, warum die Reaktion des Präsidenten so zornig ausfiel. Vor Frazier haben schon einige andere prominente Manager wie Elon Musk vom Elektroautohersteller Tesla und Bob Iger vom Unterhaltungskonzern Walt Disney Beratungsgremien aus Protest verlassen, ohne ähnlich scharf attackiert zu werden.

Karriere durch Vioxx-Krisenmanagement

Ken Frazier ist einer von nur rund einer Handvoll schwarzen Vorstandsvorsitzenden unter den 500 größten amerikanischen Unternehmen. Er kommt aus bescheidenen Verhältnissen und wuchs in einem rauen Viertel der Stadt Philadelphia auf. Sein Vater war Hausmeister ohne viel Schulbindung, aber er spornte seine Kinder an, etwas aus sich zu machen.

Mit Hilfe von Stipendien studierte Frazier zunächst Politikwissenschaften an der Pennsylvania State University, bevor er einen Juraabschluss an der Eliteuniversität Harvard machte. Er heuerte danach bei einer Anwaltskanzlei in Philadelphia an, wo er schon mit Merck & Co. zu tun hatte. 1992 wechselte in die Rechtsabteilung des Pharmakonzerns und arbeitete sich innerhalb weniger Jahre zum Chefjuristen nach oben.

Hier hatte er sich mit der Affäre um das Schmerzmittel Vioxx auseinanderzusetzen, das 2004 wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde. Der amerikanische Konzern, der außer gemeinsamen Wurzeln heute keine Verbindung mehr zur deutschen Merck KGaA hat, musste sich mit einer Flut von Klagen auseinandersetzen und erklärte sich schließlich zu einem Vergleich in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar bereit.

Damit kam er viel glimpflicher davon als zunächst befürchtet, und das wurde Frazier als Verdienst angerechnet und half ihm, im Unternehmen weiter aufzusteigen. Anfang 2011 übernahm er den Vorstandsvorsitz.

Einsatz für Gerechtigkeit

Unter seiner Führung hatte der Pharmakonzern zunächst keine leichten Zeiten. Ebenso wie manche andere Wettbewerber machten auch Merck & Co. Patentabläufe wichtiger Medikamente zu schaffen. Mehrere Jahre in Folge schrumpften die Umsätze.

Mittlerweile hat sich das Blatt aber wieder gewendet, und 2016 kehrte Merck & Co. wieder auf Wachstumskurs zurück. Dabei halfen neue Produkte wie ein Krebsmedikament, das mittlerweile einen Umsatz in Milliarden-Dollar-Höhe einbringt.

Frazier hat sich nicht nur mit seiner Arbeit für Unternehmen einen Namen gemacht. Kurz vor seinem Einstieg bei Merck & Co. überzeugte ihn eine Freundin, sich des Falles eines Afro-Amerikaners anzunehmen, der seit mehr als einem Jahrzehnt in einem Gefängnis in Alabama saß und dort auf seine Hinrichtung wartete. Er war für schuldig befunden worden, 1976 einen Mitarbeiter eines Supermarktes umgebracht zu haben.

Dabei hätten Beweise existiert, dass das Opfer unbeabsichtigt von Polizeikugeln getroffen worden sei und es eine Vertuschung gegeben habe, sagte Frazier später. Es gelang ihm, das ursprüngliche Urteil zu revidieren und einen neuen Prozess anzustrengen, in dem der Mann für unschuldig befunden wurde. Seither hat sich der Manager öffentlich gegen die Todesstrafe ausgesprochen. „Ich habe aus erster Hand gesehen, warum es keine faire und konsistente Anwendung der Todesstrafe unter dem gegenwärtigen System geben kann,“ schrieb er einmal.

Mit seinem Austritt aus Trumps Gremium hat Frazier nun einmal mehr deutlich Position bezogen. Ob sich den nun zurückgetretenen Entscheidern noch viele weitere anschließen werden, wird sich zeigen. Mancher Spitzenmanager ließ verlauten, er wolle an seiner Beraterrolle für den amerikanischen Präsidenten festhalten, darunter Michael Dell, der Vorstandschef des nach ihm benannten Technologiekonzerns, und Jeffrey Immelt, der bis vor kurzem den Mischkonzern General Electric geführt hat.

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