https://www.faz.net/-gqe-8i87h

Disney in Asien : Micky Maus ist jetzt Chinese

Besucher bei der dreitägigen Eröffnungszeremonie in Disneyland Schanghai Bild: Reuters

In Schanghai eröffnet der erste chinesische Vergnügungspark von Disney. Dass die Amerikaner ihn überhaupt eröffnen durften, hat den Unterhaltungskonzern einiges gekostet: Geld und Würde.

          3 Min.

          Das erste Disneyland in China ist anders. Im Gegensatz zu den fünf Vergnügungsparks des amerikanischen Medienkonzerns im Rest der Welt hat es „chinesische Charakteristiken“: Wenn in Schanghai am Donnerstag nach zehn Jahren Planung und Bauzeit der „glücklichste Ort auf Erden“ öffnet, wie Disney wirbt, warten Entenfleisch-Pizzas in Ohrenform. Donald Duck zelebriert Tai-Chi, die chinesische Kampfkunst. Auf dem Cinderella-Castle blüht die Pfingstrose in Gold, seit tausend Jahren Symbol für Chinas Gartenkunst. Seit Mai wird der Park mit Probebesuchern getestet. Demzufolge wird Chinas Disneyland vor allem ein Landesmerkmal prägen: Menschenmassen.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Drei Stunden, berichtet ein deutscher Spitzenmanager, der als Testgast geladen war, habe die Familie allein vor der Geisterbahn „Fluch der Karibik“ in der Sonne geschwitzt: „Die Höchststrafe.“ Finanziell scheine sich die Investition für Disney indes auszuzahlen. Als „größte Chance“ für den Konzern seit einem halben Jahrhundert hat Disney den Park bezeichnet. 330 Millionen Chinesen leben nicht mehr als drei Fahrstunden entfernt. Jüngst kamen an einem Tag 90.000 Testbesucher. Auf bis zu 15 Millionen Tickets jährlich wird das Kundenpotential geschätzt. Den Umsatz braucht Disney auch: 5,5 Milliarden Dollar hat sein größter Park gekostet, ursprünglich war die Hälfte veranschlagt. Auch das hat die Analysten von Disney jüngst enttäuscht. Die Aktie hat in einem Jahr 10 Prozent an Wert verloren. Jetzt braucht sie Phantasie.

          Es weht ein anderer Weg als zu Aufbruchszeiten

          Die Frage ist, ob China diese liefert. Zwar kennt jeder Erwachsene hier Micky Maus. Bis zum Jahr 1985 mussten die Chinesen warten, bis das Staatsfernsehen einen Disney-Film zeigte. Zuvor gab es Zeichentrickfiguren amerikanischer Nationalität nur auf Propagandaplakaten: als GI-Soldaten mit aufgerissenen Augen, die vor Chinas Armee flohen. 104 Disney-Folgen zeigte Chinas Staatsfernsehen in den 80ern. „Yanchu kaishi le“, die Show beginnt: Diese Einleitung der frohen halben Stunde rezitiert Chinas damalige junge Generation bis heute. Als ein amerikanischer Fernsehsender den Synchronsprecher von Micky Maus interviewen wollte, wurde die Aufnahme in dessen Wohnung von der Staatssicherheit verboten – der Mann lebte in einem ärmlichen Pekinger Wohnhaus mit Gemeinschaftstoiletten.

          Spaß auf dem Wasser Bilderstrecke
          Spaß auf dem Wasser :

          Das Werk des strammen Anti-Kommunisten Walt Disney zu zeigen war in der Kommunistischen Partei umstritten. Die Entscheidung fällte schließlich Staatsführer Deng Xiaoping. Trotzdem blieb für Disney in China der große Erfolg bis heute aus. Produkte mit Micky-Maus-Ohren gibt es hier als Fälschung. Es könnte sein, dass auch der Disney-Park zu spät kommt. Nicht nur, dass das Wirtschaftswachstum abkühlt. Die Eintrittspreise in Schanghai in Höhe von 70 Euro könnten Erstbesucher noch zahlen. Ob sie auch Gerichte und Merchandising-Artikel kaufen, die als überteuert kritisiert werden, ist weniger sicher. Ebenso, ob die Kunden ein zweites Mal kommen.

          Vor allem aber weht wieder ein anderer Wind in China als zu den Aufbruchszeiten. Seit 2013 steht Präsident Xi Jinping an der Spitze und lässt keine Gelegenheit aus, eine Renaissance chinesischer Werte zu fordern. Auch in der Wirtschaft. Noch nie, klagen ausländische Manager in Umfragen, hätten sie sich in China so unwillkommen gefühlt. Dass Disney seinen Park eröffnen darf, liegt daran, dass es an diesem nur 43 Prozent der Anteile halten darf. Die Mehrheit hat der chinesische Zwangspartner, ein Staatsunternehmen. Das hat zwar wenig in die Ehe mitgebracht, schöpft aber den Gewinn ab. Die Kooperation sei exakt nach seinem Geschmack und Vorbild für viele künftige Geschäfte mit amerikanischen Firmen, sagte Xi Anfang Mai, als er Disney-Vorstandschef Bob Iger in Peking eine Audienz gewährte, die Beobachter mit einer Machtdemonstration verglichen. Was der Präsident nicht erwähnte: Eine Woche zuvor hatte Chinas Regierung den Internetkonzern Alibaba gezwungen, eine gerade erst beschlossene Kooperation mit Disney zu beenden, die Micky Maus und Donald Duck ins chinesische Netz bringen sollten. Kurz zuvor hatten Pekings Regulatoren die digitalen Angebote des amerikanischen Apple-Konzerns geblockt. Wall-Street-Investor Carl Icahn verkaufte daraufhin seine Apple-Aktien.

          Mickey Maus & Co. : Das Disneyland gibt es jetzt auch auf Chinesisch

          19 weitere Parks in China geplant

          „Made in China 2025“ hat Xi Jinping seine Strategie genannt, nach der chinesische Unternehmen in zehn Jahren viele jener Produkte selbst herstellen sollen, deren Wertschöpfung bisher zum Großteil ins Ausland fließt. Das Geld solle lieber in China bleiben, findet auch der reichste Chinese Wang Jianlin, Gründer des Unterhaltungs- und Immobilienkonzerns Wanda. Wangs Motto lautet: „Sei nah an der Regierung.“ Der umtriebige Milliardär hat Disney gerade politisch korrekt im Staatsfernsehen den Krieg erklärt. Die Zeit, in der China Micky Maus blind folge, sei vorbei. Wang versprach, die Amerikaner aus dem Land zu jagen.

          Drei Wochen vor der Eröffnung des Schanghaier Disneylands hat Wanda eineinhalb Zugstunden entfernt in Wuxi seinen eigenen Themenpark eröffnet, der etwa die Hälfte des Disney-Projekts gekostet hat und dessen Eintritt ebenfalls nur die Hälfte kostet. Der Wanda-Park hat noch mehr „chinesische Charakteristika“, eine gigantische Teekanne etwa. 19 weitere Parks will Wang in China bauen. Dessen Hochkultur habe 2000 Jahre die Welt regiert, sagte er bei der Eröffnungsfeier. Die Premierenbesucher des Disney-Konkurrenzparks konnten dabei Erinnerungsfotos mit bekannten Figuren schießen: Micky und Minnie Maus. Ohne in Amerika groß zu fragen, hatte Wang seine Mitarbeiter einfach in die Kostüme der Disney-Charaktere gesteckt.

          Weitere Themen

          Inflation springt auf 5,2 Prozent Video-Seite öffnen

          Im November : Inflation springt auf 5,2 Prozent

          Die Inflation in Deutschland hat sich im November deutlich beschleunigt: Die Verbraucherpreise stiegen um voraussichtlich 5,2 Prozent im Vorjahresvergleich, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Im Oktober hatte die Teuerung bei 4,5 Prozent zum Vorjahresmonat gelegen.

          Topmeldungen

          Gegenwind: Der amerikanische Präsident Joe Biden am  28. November am Flughafen von Nantucket

          Nord Stream 2 : Platzt der deutsch-amerikanische Deal?

          Im Senat kämpfen einige Republikaner für neue Sanktionen gegen die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. Sie wollen Präsident Joe Biden die Möglichkeit nehmen, Ausnahmen zu erteilen. Doch Berlin versucht zu überzeugen.

          Atomabkommen mit Iran : Zweifel an Teherans Beteuerungen

          In Wien beginnt eine neue Verhandlungsrunde um eine Neuauflage des Atomabkommens mit Iran. Die beteiligten Staaten reagieren auf Beteuerungen Teherans äußerst skeptisch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.