https://www.faz.net/-gqe-9ptg1

65 Millionen Dollar Gehalt : Der Disney-Retter und die „nackte Unanständigkeit“

Der von Bob Iger geführte Unterhaltungskonzern Walt Disney feiert bemerkenswerte Erfolge. Wegen seines Gehalts wird er jedoch stark kritisiert. Bild: EPA

Disney-Chef Bob Iger gilt als brillant: Er hat den Konzern wieder nach vorn gebracht und plant nun einen Frontalangriff auf Netflix. Dennoch wird er stark kritisiert – allen voran von der Großnichte von Walt Disney.

          3 Min.

          Es ist eigentlich ein großartiges Jahr für Bob Iger. Der von ihm geführte Unterhaltungskonzern Walt Disney feiert in seiner Filmsparte bemerkenswerte Erfolge. Die Superheldenproduktion „Avengers: Endgame“ hat seit ihrem Start im Frühjahr an den Kinokassen in aller Welt fast 2,8 Milliarden Dollar eingespielt – und damit gerade das Science-Fiction-Abenteuer „Avatar“ als erfolgreichsten Film aller Zeiten abgelöst. Und das war nur einer aus einer ganzen Reihe von Kinohits.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Die Neuverfilmung des Zeichentrickklassikers „Der König der Löwen“, auf deren Europa-Premiere im London sich Iger unter Berühmtheiten wie Beyoncé und Prinz Harry mischte, liegt nach wenigen Wochen schon bei 1,2 Milliarden Dollar. Andere fast garantierte Kassenschlager wie der zweite Teil von „Die Eiskönigin“ und eine weitere Episode aus der Weltraumsaga „Star Wars“ werden noch bis zum Jahresende anlaufen. Dieses gute Abschneiden dürfte sich in den Quartalszahlen niederschlagen, die das Unternehmen am Dienstag (nach Redaktionsschluss) vorlegen wollte.

          Eine „nackte Unanständigkeit“

          Iger kann damit unterstreichen, welche Zugkraft Disney-Inhalte haben, und das kommt für ihn zu einem guten Zeitpunkt. Denn noch in diesem Jahr soll „Disney+“ starten, der Videodienst, den der Konzernchef wiederholt zu seiner obersten Priorität erklärt hat und mit dem er zu einem Frontalangriff auf Netflix ausholt. Hier und nicht auf Netflix werden auch Disneys gegenwärtige Kinohits zu sehen sein. Seit der Ankündigung des Dienstes im Frühjahr hat die Disney-Aktie rund zwanzig Prozent an Wert gewonnen.

          An Igers Arbeit scheint es im Moment also wenig auszusetzen zu geben. Und dennoch ist er in jüngster Zeit in Erklärungsnot geraten. Dafür sorgte vor allem Abigail Disney. Die Großnichte des Unternehmensgründers Walt Disney hat in öffentlichkeitswirksamer Form kritisiert, wie viel der 68 Jahre alte Iger verdient. In einem Gastbeitrag für die „Washington Post“ nannte sie sein Gehaltspaket, das im vergangenen Jahr einen Wert von rund 65 Millionen Dollar hatte, eine „nackte Unanständigkeit“, weil es mehr als 1400 Mal so hoch sei wie der mittlere Verdienst in der ganzen Disney-Belegschaft.

          Disney weist Vorwürfe zurück

          Und Abigail Disney hört nicht auf, Druck zu machen. Erst vor wenigen Wochen ging sie „undercover“, also ohne sich zu identifizieren, in den „Disneyland“-Freizeitpark im kalifornischen Anaheim, um mit Mitarbeitern zu sprechen. Hinterher erzählte sie, Beschäftigte hätten ihr gesagt, es sei schwer, ein freudiges Gesicht für die Gäste zu bewahren, wenn das Geld nicht reiche, um Essen zu kaufen. Und über Iger selbst sagte sie: „Bob muss verstehen, dass er ein Mitarbeiter ist, genau wie die Leute, die Kaugummi von den Gehwegen wegschrubben.“

          Der Konzern nannte Abigail Disneys Aktion einen „Stunt“ und eine „Beleidigung“ seiner Mitarbeiter, und er verwies darauf, dass er den Mitarbeitern in seinen Freizeitparks im Schnitt fast 20 Dollar in der Stunde zahle und damit weit mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Der Unterhaltungskonzern hat erst im vergangenen Jahr angekündigt, die Löhne in seinen Parks deutlich anzuheben. Zuvor war das Unternehmen vom amerikanischen Politiker Bernie Sanders wegen seiner Bezahlpraktiken scharf angegriffen worden.

          Bob Iger soll bleiben

          Sanders hat auch Igers Gehaltspaket kritisiert. Auch auf Aktionärsversammlungen von Disney war die Bezahlung des Vorstandschefs schon ein Thema. Iger selbst hat sich aus der Kontroverse um seinen Verdienst öffentlich weitgehend herausgehalten. Abigail Disney sagte kürzlich, sie habe ihm eine E-Mail geschrieben, und er habe sie daraufhin an die Personalabteilung verwiesen, eine zweite E-Mail sei unbeantwortet geblieben. Disney hat allerdings vor einigen Monaten eine Gehaltskürzung für Iger angekündigt. Iger steht schon seit 2005 an der Disney-Spitze. Der Konzern machte damals turbulente Zeiten durch.

          Erst im Jahr zuvor wurde er Ziel eines am Ende erfolglosen feindlichen Übernahmeversuchs durch den Wettbewerber Comcast, und in der einst so ruhmreichen Zeichentricksparte des Filmgeschäfts hatte er eine Reihe von Flops hinter sich. Iger stärkte Disney mit einer Reihe von teuren, aber sehr geschickten Akquisitionen. Das begann mit Pixar, um das Zeichentrickgeschäft wiederzubeleben, später folgten der für seine Superheldenstoffe bekannte Comic- und Filmproduzent Marvel und das „Star Wars“-Studio Lucasfilm. Erst in diesem Jahr kaufte Disney große Teile des Wettbewerbers 21st Century Fox und sicherte sich damit den Zugriff auf attraktive Inhalte wie „Avatar“.

          All diese zugkräftigen Stoffe helfen Disney nicht nur im Filmgeschäft, sondern sie lassen sich auch anderweitig im Konzern verwerten, also in den Freizeitparks oder mit dem Verkauf von Lizenzartikeln. An Igers Bilanz an der Disney-Spitze gibt es wenig zu rütteln, und selbst Abigail Disney hat bei aller Kritik am Gehaltspaket zugegeben, sie finde ihn „brillant“. Der Konzern jedenfalls hält Iger offenbar für wichtig genug, dass er ein ums andere Mal einer Verlängerung seiner Amtszeit zugestimmt hat. Ursprünglich hieß es einmal, Iger wolle den Chefposten 2015 räumen. Nun ist die Rede davon, dass er bis 2021 bleiben wird.

          Weitere Themen

          Neue Konkurrenz belastet Netflix

          Videodienst : Neue Konkurrenz belastet Netflix

          Der Videodienst liegt über seiner eigenen Prognose, gewinnt mehr Abonnenten als erwartet und schneidet vor allem in Europa gut ab. Auf dem Heimatmarkt jedoch sieht sich Netflix neuer Konkurrenz gegenüber.

          Topmeldungen

          Eingangstor zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

          Antisemitismus : Kein Respekt in KZ-Stätten

          Beschmierte Gedenkstätten und Lehrer, die im Unterricht nicht über die Judenverfolgung der Nazis zu sprechen: Fachleute beobachten wachsenden Antisemitismus und Desinteresse an der Geschichte. Digitale Lösungen könnten Abhilfe schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.