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Digitales Antennenfernsehen : Pro Sieben Sat 1 rettet DVB-T

Die Pro Sieben-Sat. 1 Media AG will DVB-T nicht aufgeben Bild: dpa

Die Sendergruppe hält am digitalen Antennenfernsehen fest. Nach dem Ausstieg von RTL kann Pro Sieben Sat 1 nun auf die freiwerdenden Frequenzen hoffen.

          3 Min.

          Eine Erfolgsgeschichte ist der digitale terrestrische Rundfunk wahrlich nicht. Gut zehn Jahre nach seinem Marktstart droht dem Digital Video Broadcasting-Terrestrial, kurz DVB-T genannt, sogar das Aus, nachdem RTL Deutschland im Januar den baldigen Abschied vom Antennenfernsehen verkündet hat. Die Kanäle RTL, RTL 2, Vox, Super RTL und n-tv sollen von 2015 an allein über die weitaus bedeutenderen und kostengünstigeren Empfangswege Satellit und Kabel ausgestrahlt werden.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          In der Branche wurde damit gerechnet, dass die zweite private Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 dem Konkurrenten aus Köln folgen würde. Dann wäre es eng geworden für den DVB-T-Anbieter Media Broadcast GmbH. Doch das Führungsgremium der Pro Sieben Sat 1 Media AG ist zu einer anderen, überraschenden Entscheidung gekommen. „Wir verlängern unseren Vertrag mit Media Broadcast um drei Jahre“, sagte Vorstandsmitglied Conrad Albert dieser Zeitung. Bis Ende 2017 werden die Sender Sat 1, Pro Sieben, Kabel 1, Sixx und N 24 nun weiterhin von den knapp 5 Millionen DVB-T-Haushalten in Deutschland zu empfangen sein.

          Empfangsoptionen sollen offen gehalten werden

          Eine reine Kostenfrage war es Albert zufolge nicht: „Richtig ist, dass DVB-T als Übertragungsweg teurer als Satellit und Kabel ist, aber die Kosten sind nicht das einzige Kriterium. Wir wollen unseren Zuschauern alle Empfangsoptionen offen halten und werden in absehbarer Zeit nicht den Verbreitungsweg kappen, bei dem die Nutzung unserer Programme überdurchschnittlich hoch ist und der sich damit auch aus wirtschaftlicher Sicht für uns rechnet.“ RTL hatte den Ausstieg damit begründet, dass die DVB-T-Ausstrahlung dreißig Mal teurer sei als die Satelliten-Verbreitung. Außerdem trage der Antennenempfang nur mit 4,2 Prozent zum Marktanteil der RTL-Sendergruppe bei.

          Auch bei Pro Sieben Sat 1 hätte sich der Reichweitenverlust bei einem Ausstieg in der Kosten-Nutzen-Rechnung nicht sonderlich negativ ausgewirkt. Bezogen auf die gesamte Gruppe erreichte der DVB-T-Marktanteil sogar nur 3,7 Prozent. Beim Sender Pro-7, der vor allem eine junge, meist männliche und technik-affine Zielgruppe anspricht, sind es dagegen 7 Prozent. Und in den Ballungsräumen Berlin, Hamburg, München oder dem Rhein-Main-Gebiet, schauen mehr als 20 Prozent der Haushalte Fernsehen via DVB-T; in Regionen mit rein öffentlich-rechtlichem Rundfunkangebot sind es hingegen weniger als 5 Prozent. Dass der Trend zum hochauflösenden Satelliten- und Kabelfernsehen (HD) weist, stört Albert nicht, da oftmals die ausgetauschten Fernsehapparate als Zweitgeräte in der Küche oder im Schlafzimmer landen.

          Freiwerdende Frequenzen sollen Reichweite vergrößern

          Allein im Interesse der Fernsehzuschauer handelt Pro Sieben Sat 1 nicht. Vielmehr spekulieren die Münchner auf die frei werdenden RTL-Frequenzen, wie Albert zugibt: „Der angekündigte Ausstieg unserer Wettbewerber bietet uns die Chance, die Reichweite unsere kleinen Sender auszubauen und wird bei den DVB-T Nutzern unser bereits bestehendes Programmangebot noch mehr in den Fokus stellen. In Kenntnis unserer Nutzungszahlen sehen wir die Entscheidung von RTL sehr entspannt.“ Die neuen Nischensender Sixx und Sat 1 Gold sowie der für Ende dieses Jahres geplante Kanal Pro Sieben max könnten Platz finden unter den terrestrischen Rundfunkfrequenzen.

          Albert verlangt von der deutschen Medienpolitik jedoch Planungssicherheit. Zum Marktstart im Jahr 2002 feierten Deutschlands Medienpolitiker DVB-T noch als „Überallfernsehen“, weil es der einzige Weg war, lineare Programme ortsunabhängig zu empfangen. Seit dem angekündigten RTL-Abschied warnen zwar Politik und Landesmedienanstalt davor, dass auch andere die Technik aufgeben. Aber mangels Attraktivität und stetig sinkender Nutzerzahlen - nur die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF werden aus ihrer Verpflichtung zur Grundversorgung zu diesen Vertriebsweg verpflichtet - wurde zuletzt immer wieder darüber nachgedacht, einige terrestrische Rundfunkfrequenzen für den Mobilfunk oder gar Sicherheitsbehörden zu nutzen.

          „Der Rundfunk hat das digitale terrestrische Fernsehen finanziert und mit aufgebaut. Von den Medienpolitikern erwarten wir daher ein klares Bekenntnis zur Weiterentwicklung von DVB-T, um diesen Übertragungsweg auch künftig wirtschaftlich tragfähig zu halten. Zudem müssen die Frequenzen dem Rundfunk erhalten bleiben und dürfen nicht an den Mobilfunk gehen“, sagte Albert. Er macht sich auch Hoffnung auf einen Nachfolgestandard von DVB-T über das Jahr 2017 hinaus. Immerhin arbeitet der Infrastrukturanbieter Media Broadcast mit Hochdruck daran, die Technik zu DVB-T2 hochzurüsten. Dann wäre Platz für hochauflösendes HD-Fernsehen - und vielleicht würde sich dann auch RTL zu einer Rückkehr entschließen.

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