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Digitale Dörfer : Nachbarschaftshilfe für das 21. Jahrhundert

Eine Hand hilft der anderen: In der digitalen Welt können Dörfer wieder enger zusammenwachsen. Bild: Stefan Boness/Ipon

Zwei Gemeinden in Rheinland-Pfalz werden digital. Ein Logistiksystem in Selbsthilfe wird aufgebaut. Es soll das Land lebenswert halten.

          3 Min.

          Die ersten „Digitalen Dörfer“ Deutschlands stehen fest. Es handelt sich um die Gemeinden Eisenberg/Göllheim in der Nähe von Kaiserslautern sowie Betzdorf im Norden von Rheinland Pfalz in der Nähe von Siegen. Dort wird das Fraunhofer-Institut IESE aus Karlsruhe mit Unterstützung des Landes ein entsprechendes Modellprojekt umsetzen, das als Innovationsplattform für Forschung und Industrie auch ländliche Regionen mit Hilfe moderner Informations- und Kommunikationstechnologie in der Zukunft lebenswert halten soll.

          In beiden Testregionen wird zunächst ein Logistiksystem zum Mitmachen aufgebaut werden, das den Transport von Waren und Gütern durch ehrenamtliche Helfer organisiert. Digitale Technologien sollen, wenn man so will, die traditionelle Nachbarschaftshilfe in das 21. Jahrhundert begleiten. Entstehen soll so etwas wie ein digitaler Dorfladen. Für die beteiligten Einzelhändler an Ort und Stelle wurde in Betzdorf schon ein Workshop organisiert, der Projektfortschritt lässt sich jederzeit auf dem Blog unter der Internetadresse „digitale-doerfer.de“ verfolgen.

          Die „Digitalen Dörfer“ sind ein Teilprojekt eines weiter gefassten Forschungs- und Entwicklungsvorhabens mit dem Namen „Smart Rural Areas“ (Intelligenter ländlicher Raum). Zwei Testphasen sollen den Nachweis erbringen, dass die intelligente Vernetzung aller zur Verfügung stehenden Digitalmodule ein funktionierendes Liefersystem auch auf dem Land möglich macht - wenn die entsprechenden Kommunikationssysteme und vor allem Mobilfunknetze zur Verfügung stehen.

          „Die Herausforderung stellt aber nicht nur der Breitbandausbau dar: Perspektivisch müssen bestehende Systeme intelligent ineinandergreifen und aufeinander abgestimmt funktionieren“, sagte Peter Liggesmeyer, der geschäftsführende Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE), der F.A.Z.

          „Smart Rural Areas“

          Der Bedarf sei riesig: „Nach der Klassifikation der EU lebt in Deutschland nur ein Drittel der Einwohner städtisch. Der Großteil der Bevölkerung lebt in halbstädtischen und dünn besiedelten Regionen“, sagte Liggesmeyer. Gerade einmal die Hälfte der Deutschen lebe in Gemeinden mit mehr als 20 000 Einwohnern. „Was wäre also Deutschland ohne das Land?“ Hinzu komme: Schon heute finde man 60 Prozent der Betriebe in ländlichen Regionen Deutschlands, darunter viele kleine und mittelständische Unternehmen.

          Deshalb habe das Fraunhofer IESE einen Forschungsschwerpunkt auf „Smart Rural Areas“ gelegt, als Ergänzung zu dem nach der Meinung von Liggesmeyer bislang viel zu wenig erforschten Bereich des Lebens der Zukunft in ländlichen Regionen: „Durch eine intelligente Infrastruktur beispielsweise bei Versorgung und Mobilität wollen wir eine zeitgemäße Lebensqualität auf dem Land ermöglichen. Das hat zusätzlich den Vorteil, dass sich Menschen, die derzeit gezwungenermaßen ihre Zukunft in der Stadt sehen, eine neue Perspektive in kleineren Städten oder auf dem Land eröffnet.“

          Sobald das Modell in den beiden „Digitalen Dörfern“ erprobt sei, könne es auch auf andere Bereiche, wie zum Beispiel den Personentransport, ausgeweitet werden. Neben der Förderung für die Testregionen unterstützt das Land Rheinland-Pfalz auch das Gesamtprojekt des Fraunhofer IESE mit rund einer Million Euro. Eine Anschlussförderung vom Jahr 2017 an ist dem Vernehmen nach ebenfalls vorgesehen.

          Worum geht es genau? In jeweils einem Logistik-Szenario erproben das Institut und die Gemeinden, wie Einkäufe beim regionalen Handel zukünftig einfach und schnell bestellt und zugeliefert werden können. Hierfür wurde ein Portal entwickelt, über das die Bürger ihre Bestellungen bequem von zu Hause, der Arbeit oder unterwegs über Internet und Smartphone, aber auch „klassisch“ per Telefon oder direkt beim Händler initiieren können - und über welches sie ebenfalls als freiwillige Lieferboten Pakete zu ihren jeweiligen Bestimmungsorten mittransportieren können.

          Die Testphasen, deren Teilnehmerzahl nach den Worten von Liggesmeyer in den jeweiligen Gemeinden zahlenmäßig nicht begrenzt ist, laufen im Februar und Mai sowie im Oktober jeweils über vier Wochen: „Wir hoffen, dass möglichst viele Bürger mitmachen.“ Die Gleichung ist klar: Je mehr Teilnehmer, desto valider sind die Daten, die das Projekt liefert.

          Verlässlich und anwenderfreundlich

          Das Internetportal und die passende App zur Abwicklung werden derzeit entwickelt und sind schon weitgehend fertig - sowohl für die Apple- als auch für die Android-Plattform. Wichtig ist nach den Worten von Liggesmeyer jedoch besonders die Koordination der Abläufe im Hintergrund, also der Liefer- und Abrechnungslogistik. Über die App könnten die Bürger künftig auch Mitfahrgelegenheiten einstellen oder wahrnehmen. Der digitale Wandel, die Entwicklung der Informations- und Kommunikationsinfrastruktur, müsse gerade in ländlichen Gebieten viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens umfassen, um echte Synergieeffekte nutzen zu können, ist Liggesmeyer überzeugt. Er hat dafür die Gebiete Mobilität und Logistik, also den Transport von Personen und Gütern, Kommunikationstechnik, medizinische Versorgung, Landwirtschaft und Energieversorgung auf seine Prioritätenliste gesetzt.

          Hierbei seien Smartphones und das Internet nur der Anfang. Die zugrundeliegenden Technologien, wie sie auch für Industrie 4.0, Internet der Dinge oder Big Data zum Einsatz kommen, seien inzwischen aber ebenfalls Realität geworden: Es handele sich um einen Milliardenmarkt, den man aber nur mit Anwendungen erschließen könne, die sicher, verlässlich und anwenderfreundlich sind. Dem Fraunhofer-Institut IESE gehe es vor diesem Hintergrund deshalb auch nicht einfach darum, eine funktionierende Lösung zu schaffen.

          Das Ziel der anwendungsorientierten Forscher ist es zudem, solche Systeme trotz ihrer Komplexität garantiert sicher zu entwickeln - und dabei zugleich benutzerfreundlich zu gestalten. Wie das Blog zum Digitale-Dörfer-Projekt zeigt, soll das hier auch durch die starke Einbeziehung der jeweiligen Wünsche der Bürger gelingen.

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