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Digital-Gipfel : Der wirtschaftliche Erfolg bremst die Digitalisierung

  • -Aktualisiert am

Brigitte Zypries während des IT-Gipfels in Ludwigshafen Bild: BMWi/Maurice Weiss

Es klingt fast paradox: Gerade die gute Konjunktur schwächt die Bemühungen der Unternehmen, in der digitalen Welt voranzukommen. Warum?

          Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Bereiche der Wirtschaft, allerdings gibt es überraschend viele Unternehmen, die sich überhaupt nicht um dieses Thema kümmern. Jedes dritte hält die Digitalisierung des eigenen Betriebs schlicht für nicht notwendig. Im Mittelstand ist es jedes fünfte, unter Großunternehmen jedes zehnte. Das ist ein Ergebnis des „Monitoring-Reports Wirtschaft Digital“ im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. In der Befragung von 1000 Unternehmen durch das Marktforschungsinstitut Kantar TNS vor dem „Digital-Gipfel“ in Ludwigshafen zeigt sich an vielen Stellen die Skepsis der Unternehmer: Zu hoch sei der Aufwand, zu hoch die Kosten. Ein Drittel beklagt zudem rechtliche Unsicherheiten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) machte bei der Auftaktveranstaltung des Digital-Gipfels die gute wirtschaftliche Lage für die offensichtliche Ignoranz mitverantwortlich. „Der Erfolg ist unsere größte Gefahr“, sagte sie. Die Auftragsbücher der Mittelständler seien voll, die Handwerker mit Arbeit ausgelastet. In einem solchen Umfeld bleibe wenig Zeit, über den Tellerrand zu blicken und zu fragen, was die Industrie 4.0 für das eigene Unternehmen bedeute. Zugleich betonte Zypries, dass die Politik gerade gegenüber Mittelständlern und Kleinunternehmen eine Bringschuld in Sachen Digitalisierung habe. „Wir müssen mehr Mittelständler dazu bringen, sich zu informieren.“ Zehn Kompetenzzentren betreibe der Bund mittlerweile, zehn weitere seien geplant. Dort könnten sich Unternehmen über die Auswirkungen der Digitalisierung und Vernetzung auf ihr Unternehmen informieren und Rat holen. Auch die Industrie- und Handelskammern müssten verstärkt auf ihre Mitglieder zugehen.

          Mittelständler digitalisieren sich schneller

          In den Schulen schreitet das Bewusstsein für die Bedeutung der Digitalisierung nach den Worten der Ministerin voran. Zur Zeit überarbeite ihr Ministerium die Ausbildungsverordnungen für etwa 300 Berufe, um auch dort die neuen Anforderungen der Digitalisierung zu berücksichtigen. „Wir sind dran, aber das geht nicht von heute auf morgen.“

          Die Qualifizierung und damit die Verringerung des Fachkräftemangels ist nach der Befragung eine der drängendsten Forderungen der Unternehmer an den Staat. Auch der ebenfalls geforderte schnellere Ausbau von Breitbandverbindungen ist nach Zypries’ Worten auf dem Weg.

          Ein Ergebnis der Studie ist: Mittelständische Unternehmen digitalisieren sich rascher als andere Unternehmen, allerdings liegt ihr Digitalisierungsgrad noch zurück. Kantar TNS hat zusammen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim einen Index erdacht, der den Digitalisierungsgrad von Unternehmen erfassen soll. Darin fließt der Geschäftserfolg auf digitalen Märkten ein, die Nutzungsintensität von digitalen Techniken und Diensten, zudem wird berücksichtigt, wie die Unternehmen ihre interne Organisation auf die Digitalisierung umgestellt haben. Demnach ist der Digitalisierungsgrad im Vergleich zum Vorjahr in großen und mittelständischen Unternehmen leicht gestiegen, in Kleinunternehmen bis neun Mitarbeiter allerdings leicht gesunken, weshalb der Gesamtindex zurückgegangen ist.

          Jedes fünfte Unternehmen nutzt „Big Data“

          Dabei gibt es branchenabhängig große Unterschiede. Naturgemäß besonders stark digitalisiert sind Unternehmen der Informations- und Telekommunikationswirtschaft. Überdurchschnittlich digital engagiert seien Finanzdienstleister, Versicherer und Händler. Einen mittelmäßigen Digitalisierungsgrad attestieren die Marktforscher der Energiewirtschaft, dem Maschinenbau und der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Danach erst folgen die Autobauer. Schlusslicht bleibt das Gesundheitswesen.

          Vor allem in der Anwendung würden die Potentiale der Digitalisierung noch kaum ausgeschöpft. So nutze jedes fünfte Unternehmen „Big Data“, also die Verarbeitung großer Datenmengen, für seine Geschäfte. Das Thema Industrie 4.0 allerdings, die Digitalisierung und Vernetzung der Produktionsprozesse, wird ungeachtet der großen öffentlichen Resonanz des Themas bislang nur von jedem siebten Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes eingesetzt. Künstliche Intelligenz stehe „noch am Anfang“.

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