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Daimlers R-KLasse : Dieter Zetsches Rohrkrepierer

Die R-Klasse von Mercedes, erstmals 2005 gebaut Bild: culture-images/ H-D Seufert

Die R-Klasse sollte Daimler zu neuer Größe führen. Jetzt stirbt sie leise vor sich hin. Doch woran liegt das?

          Von pompösen Inszenierungen verstehen sie etwas in der Autoindustrie. Fanfaren erklingen, wenn, befreit von weißen Tüchern, die neuesten Wunderwerke enthüllt werden. Als Daimler vor gut zehn Jahren erstmals die R-Klasse, einen noblen Siebensitzer, auf die Bühne rollt, tönt alles noch großspuriger, noch vermessener als branchenüblich.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Etwas Großes beginnt“, verkündet der Werbespruch damals ohne einen Hauch von Ironie. Von einem „Raumgenuss auf Rädern“ ist zur Premiere die Rede. Ein revolutionärer neuer Wagen, ach was, eine revolutionäre neue Klasse von Automobil hätten sie erfunden, brüsten sich die Schwaben, eine Art Geländewagen, nur auf luxuriös gemacht und wie geschaffen für die viel reisende Großfamilie.

          Im Jahr 2005 war das. Konzernchef Dieter Zetsche trug damals noch Krawatte und keine Turnschuhe wie heute, er war auch noch nicht Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, sondern frisch gekürter Chef von „Daimler-Chrysler“. Die von Vorgänger Jürgen Schrempp geschlossene „Hochzeit im Himmel“ sollte er zwei Jahre später auflösen, gerade noch rechtzeitig, ehe der Konzern zur Hölle gefahren wäre. Aber das ist eine andere Geschichte.

          Daimler-Chef Dieter Zetsche

          Hier soll es um die R-Klasse gehen, den Geländewagen mit dem S-Klasse-Anspruch (und entsprechend hohen Preisen), das war die Idee. Zetsche feierte das Modell auf der Premierenshow als „Trendsetter zu einem neuen Segment“, gedacht für „Menschen, die das Unkonventionelle suchen“. Von denen sollte es viele geben. Schließlich fuhr Porsche zu dem Zeitpunkt schon sagenhafte Gewinne ein mit dem Cayenne, einem ebenso luxuriösen SUV, und BMW mit seiner geländegängigen X-Klasse. Audi antwortete 2005 mit dem Q7 – und Mercedes eben mit der R-Klasse. Alles sah nach einem mutigen Gegenschlag aus. „Daimler setzt die SUV-Offensive fort“, jubelte die Fachwelt. „Die R-Klasse wird ihren Weg machen.“

          Wer den Wagen sucht, kann lange suchen

          Heute ist die Welt schlauer. Die SUV haben tatsächlich einen phänomenalen Siegeszug gestartet, quer über alle Marken. Die Welt ist verrückt nach den Geländewagen. Auch Dieter Zetsche hat die Welle zu neuen Triumphen getragen, der Stern glänzt wieder. Die Marke verdient damit prächtig (und der Chef mit), die Rendite ist höher als bei vergleichbaren Modellen, die Lieferzeit für manches schicke neue Mercedes G-Modell furchterregend. Womöglich ist demnächst jeder zweite verkaufte Mercedes ein SUV, der Absatz stieg voriges Jahr um 34 Prozent, ein neuer Bestwert. Alles prima, alles super.

          Nur: Die R-Klasse hat daran keinen Anteil, nicht mal einen klitzekleinen. Wer den Wagen sucht, kann lange suchen. Wer als Erster einem der seltenen Exemplare auf der Straße begegnet, trete vor!

          In Stuttgart ist die R-Klasse selbst bei bestem Willen nicht zu kaufen und auch sonst nirgendwo in der Republik. Keine Spur von der Baureihe in den Daimler-Fabriken. Auch Dieter Zetsche verliert zu ihr kein einziges Wort, als er neulich seine Bilanz präsentiert hat. Selbst auf Seite 182 in Daimlers Geschäftsbericht, wo der Absatz aller Klassen des Konzerns durchdekliniert wird, vom kleinen Smart bis zur S-Klasse – Fehlanzeige! Die R-Klasse ist verschwunden, offenbar aus dem Sterne-Reich verstoßen.

          Der Konzern behauptet, die R-Klasse lebe in China weiter

          Ist die R-Klasse also tot? Still und heimlich begraben im Museumskeller mit den größten Flops der Automobilgeschichte? Nein, die R-Klasse lebt, lautet die offizielle Antwort des Konzerns. Und wo? In China. Dort sei das Modell nach wie vor beliebt. Was das in Stückzahlen heißt, wird nicht verraten, überragend werden sie nicht sein. Schließlich wurden bislang insgesamt ganze 200.000 Exemplare der R-Klasse verkauft – weltweit und in zwölf Jahren. Die C-Klasse schafft in einem einzigen Jahr das Zweieinhalbfache, selbst der penetrant schwache Smart ist im Vergleich ein Bestseller.

          So muss das Schicksal der R-Klasse als ein Tod auf Raten gelesen werden: 2005 mit Pomp eingeführt, wird sie 2012 praktisch wieder abgeschafft. Seither ist sie nur noch für Chinesen lieferbar. Die Volksrepublik ist seit 2013 der einzige Markt, für den das Modell noch gebaut wird, als Sechs- wie als Siebensitzer. Und auch nicht von Daimler selbst, sondern von einem Auftragsfertiger. Die eigene Produktion wurde im Sommer 2015 ohne großes Aufheben eingestellt. Der Stern als Erkennungszeichen klebt heute noch auf dem Kühler der China-Ausgabe, produziert wird die für chinesische Kunden bestimmte R-Klasse von einer Firma namens „AM General“ in der amerikanischen Kleinstadt Mishawaka.

          Das Mercedes-Werk in Tuscaloosa, Alabama, traditioneller Standort der SUV-Fertigung, wo die Baureihe zuvor vom Band gelaufen ist, hat damit Luft für Autos, die tatsächlich jemand fahren will: GLE, GLE Coupé und GLS.

          Wo die R-Klasse wirklich noch auftaucht

          Der traurige Ort, an dem die R-Klasse heute noch auftaucht, sind Gebrauchtwagenportale, die sie als Geheimtipp unter der Rubrik „echte Ladenhüter“ vermarkten. Dort findet man unbeliebte Autos hoher Qualität, eigentlich hochwertige Ware, aber am Geschmack des Publikums vorbeiproduziert – und entsprechend günstig zu haben.

          Wohl wahr, der Markt kann grausam sein. Darüber macht sich Daimler-Chef Dieter Zetsche keine Illusionen. Die R-Klasse habe „sicher nicht die Stückzahlen erreicht, die wir uns vorgestellt haben“, räumt er ein und tröstet sich damit, dass ein Flop im ganzen Sortiment den Konzern „nicht ins Unglück stürzt“. Dass Daimler der R-Klasse noch mal eine neue Chance gibt, glaubt niemand, offenbar nicht mal Zetsche selbst.

          China allein reiche nicht als Argument für ein Nachfolgemodell, hater der Sonntagszeitung auf der vorigen IAA verraten. Fehlt nur noch der finale Todesstoß. Davor schreckt der Manager offensichtlich noch zurück. Und wenn, dann kommt er ohne Pauken und Trompeten.

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