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Dieter Zetsche : Der Sternputzer

Was für ein Mensch ist Zetsche wirklich? Was hat ihn geprägt? Die Antwort kennt Horst Stöcker, Professor für theoretische Physik und seit gemeinsamen Schultagen mit Zetsche befreundet. Dessen Liebe für die klassische Musik sei echt und kein Gag, stellt der Wissenschaftler klar. "Pfiffig und ein bißchen frech" sei der junge Zetsche gewesen. Absolut zuverlässig, kein Trickser. Einer der besten Schüler obendrein.

Co-Autor zweier Lehrbücher

"Dieter hätte auch eine akademische Karriere machen können. Aber dazu fehlte ihm wohl die Geduld." An Stöckers Seite hat es der Daimler-Chef wenigstens als Co-Autor in die wissenschaftlichen Bibliotheken geschafft. Vor Jahren haben sie zwei Lehrbücher geschrieben; beides Dauerbrenner, x-mal aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt.

In Oberursel, vor den Toren Frankfurts, hat Zetsche ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht. Danach schrieb er sich in Elektrotechnik ein. Er zog als Student nach Karlsruhe in eine Männer-WG und legte an der Hochschule ein enormes Tempo an den Tag. Gerade 23 Jahre war er alt, als er als Diplomand nach Untertürkheim kam - zu Mercedes, wohin auch sonst?

Daimler-Chrysler ist völlig fixiert auf den Hoffnungsträger

Ein "tierischer Arbeiter, absolut unprätentiös" sei der junge Bursche gewesen, erinnert sich der Betreuer der Diplomarbeit. Joachim Lückel heißt der Mann, damals Entwickler bei Mercedes, ehe er als Wissenschaftler an die Hochschule nach Paderborn wechselte, dort später Zetsches Doktorvater wurde und spätestens da das Potential für dessen Karriere erkannt haben will.

Heute ist Daimler-Chrysler völlig fixiert auf den Hoffnungsträger an der Spitze. Zetsche hat alle Freiheit der Welt. Die Frage ist nur: Was fängt er damit an? Wie setzt er sich ab von Jürgen Schrempp? Welche Idee, welches Konzept folgt dessen Traum von der Welt AG? Die Antwort darauf läßt der neue Vorstandschef bisher allenfalls erahnen.

„bullshit castle“ wird geschleift

Gewiß, er wird die Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen - von Schrempp einst als "bullshit castle" verhöhnt - schleifen. Zetsche bezieht dort zwar das Büro des Vorgängers. Sein wichtigster Schreibtisch aber, so ist zu hören, bleibt in Untertürkheim, im Mercedes-Werk, wo er im Sommer als Chef der Mercedes Car Group eingezogen ist.

Wenn Zetsche künftig Mercedes und Daimler in Personalunion führt ("Damit spare ich immer ein Flugticket"), dann liegt der Verdacht nahe, daß auch auf den unteren Ebenen nicht immer zwei Führungskräfte nötig sind, je einer für Mercedes und einer für den Gesamtkonzern. Der neue Vorstandschef hat bereits angekündigt, die Abläufe zu "optimieren". Im Moment läßt er prüfen, wie viele Aufgaben bisher parallel erledigt werden, wie viele Stellen deshalb zu streichen sind. Daß in Möhringen abgespeckt wird, steht fest. Es gilt der Zetsche-Satz: "Wir müssen mit weniger mehr erreichen."

Das Publikum verlangt nach dem großen Wurf

Statt kühner Visionen predigt er "profitables Wachstum". "Marge statt Menge" und solche Sprüche, die alle irgendwie nach dem alten Schröder-Satz klingen, er werde "nicht alles anders, aber vieles besser" machen. Das Publikum jedoch verlangt nach dem großen neuen Wurf, nach dem Stoff, der die Phantasie der Börse stimuliert. Die Konzentration aufs Autogeschäft sei richtig, entgegnet Zetsche, den Kurs seines Vorgängers verteidigend.

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