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„Trinken soll bereichern“ : Der größte Alkoholhändler Russlands

  • -Aktualisiert am

Der Mann fürs Hochprozentige:Sergei Studennikov in Chelyabinsk. Bild: Krasnoe & Beloe

Sergei Studennikow wurde mit robusten Methoden zum größten Alkoholhändler Russlands. Jetzt greift er mit einem neuen Einzelhändler nach den Sternen – und will den Russen ein Qualitätsbewusstsein für Alkohol vermitteln.

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          Sergei Studennikow hat seinen nächsten Coup gelandet. Der Unternehmer bringt seinen Alkoholhändler Krasnoe & Beloe (K&B) mit dem Konkurrenten Bristol und der Supermarktkette Dixie zusammen. Das neue Unternehmen steigt mit mehr als 13000 Filialen zum drittgrößten Einzelhändler in Russland auf. Zusammen erzielten die drei Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von 671,6 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 8,9 Milliarden Euro.

          Begonnen hat die Erfolgsgeschichte von Studennikow in Tscheljabinsk. In der russischen Millionenstadt auf der asiatischen Seite des Urals eröffnete der Unternehmer 2006 die erste K&B-Filiale. Die Ladenkette sei ein knallharter Discounter, der vor allem Alkohol und Tabakwaren vertreibt, erklärt der Einzelhandelsfachmann Victor Dima von Aton. Die spartanisch eingerichteten Läden sind klein und bieten keinen Schnickschnack. Die Filialen erinnern daher ein wenig an das Russland der neunziger Jahre. Der Name ist da keine Ausnahme. Krasnoe & Beloe soll an das Trinkverhalten kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erinnern. Weißwein kannte man damals in Russland noch nicht. Die Frage „Krasnoe oder beloe?“ – „Rot oder weiß?“ – stellten die Kellner im Restaurant und schenkten dann Rotwein oder Wodka ein.

          Das Sortiment umfasst nur 1300 Produkte. Etwa zwei Drittel davon machen Alkohol und Zigaretten aus. Der Rest besteht aus anderen Waren wie Chips, Schokolade oder Tellern. Die Auslage ändert sich je nach Angebot der Lieferanten. Hauptsache, die Produkte haben eine gute Qualität, sind günstig und in ausreichender Menge verfügbar. Trotz der tiefen Marge profitieren die Lieferanten, die zum Zuge kommen. Dank dem kleinen Sortiment herrscht wenig Konkurrenz in den Gestellen, dies sorgt für höhere Umsätze bei den Produzenten.

          Erster Laden Anfang der 90er

          Mit seinem Konzept stellte Studennikow die ganze Einzelhandelslandschaft in Russland auf den Kopf. K&B unterbot den Preis der Supermärkte für Alkohol und zerstörte damit ihre guten Margen. Da die Kette – anders als klassische Alkoholläden – auch Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter wie Pfannen oder Batterien vertrieb, nahm K&B der Konkurrenz auch einen Großteil der Kundschaft ab, die nicht nur Alkohol kaufen will.

          Das Angebot von K&B schlug bei den preissensiblen Verbrauchern in Russland wie ein Blitz ein. Die Läden von K&B schossen daher wie Pilze aus dem Boden. Gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg sagte Studennikow im vergangenen Oktober, dass K&B jeden Tag sechs neue Läden im Land eröffne.

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          Wie das Geschäft funktioniert, hat der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Sohn eines Landwirtes am Ende der Sowjetunion gelernt. Sein erster Laden verkaufte zu Beginn der neunziger Jahre Alkohol und Zigaretten. Damals war der Import von ausländischen Waren schwierig, und der Schwarzmarkt florierte. Der Russe arrangierte sich mit den turbulenten Zeiten und verdiente sein erstes Geld. Nachdem Studennikow bei der Gründung von einigen Läden mitgeholfen hatte, merkte der Unternehmer, dass man nur mit einem Netzwerk erfolgreich sein kann. Daher gründete Studennikow K&B später gezielt als Ladenkette.

          Bereicherndes Trinken

          Studennikow gilt als kühler Rechner. Der Alkoholhändler schaut seinen Verkäufern genau auf die Finger und setzt seinen mehr als 100000 Mitarbeitern hohe Ziele. Russische Medien berichten von Mittagspausen, die bloß 15 Minuten dauern dürfen, oder davon, dass nicht verkaufte Ware von den Mitarbeitern übernommen werden muss. Daneben werden aber auch seine Führungsstärke und sein Durchsetzungswille gelobt. Die K&B-Läden haben Studennikow reich gemacht. Im vergangenen Jahr überschritt sein Vermögen die Eine-Milliarde-Dollar-Marke.

          Nicht nur dem russischen Einzelhandel will der 52 Jahre alte Studennikow seinen Stempel aufdrücken. Der Milliardär will laut dem russischen „Forbes-Magazin“ nichts Geringeres als die Trinkkultur in Russland zu revolutionieren. So soll die Bevölkerung im Wodka-Land endlich ein Qualitätsbewusstsein für Alkohol entwickeln. Die Russen trinken laut der Weltgesundheitsorganisation mit 11,7 Litern Alkohol im Jahr 80 Prozent mehr als der weltweite Durchschnitt. Qualitätswein oder Bierspezialitäten machen davon aber nur einen kleinen Teil aus. „Das Trinken soll eine Bereicherung für das Leben sein“, erklärt Studennikow, und nicht bloß ein Mittel, um sich zu Tode zu saufen, ergänzt er. Dazu schult K&B sein Personal. Angestellte müssen bis zu fünf Stunden die Woche Alkoholkunde büffeln.

          Die Frage ist, ob Studennikow seine Erfolgsgeschichte auch in dem neuen Unternehmen fortsetzen kann. Laut Unternehmensangaben hält der Milliardär daran nur noch 49 Prozent der Anteile. Dennoch traut Analyst Dima dem neuen Händler so einiges zu. Größeneffekte blieben einer der wichtigsten Wettbewerbsvorteile im Einzelhandel. So könne der Zusammenschluss dem neuen Unternehmen helfen, die Marktführer X5 und Magnit zu bedrängen, ist Dima überzeugt. Die beiden Platzhirsche müssen sich auf starke Konkurrenz einstellen. Sergei Studennikow hat in den vergangenen Jahren bereits gezeigt, wozu er fähig ist.

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