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Es geht auch ohne : Diese Start-ups haben genug vom Plastik

Aus dem Wildwaxtuch lassen sich auch Tüten und Schüsseln formen. Bild: Wildwax Tuch

Plastik verbannen ist das eine, Alternativen schaffen das andere. Drei junge Unternehmen versuchen genau das – und stehen damit für eine boomende und zukunftsweisende Industrie.

          In der Hagenstraße 16 in Frankfurt riecht es nach Wachs. Draußen spielen die Kinder, sie sind ein bisschen aufgeregt, denn heute kommen ja die Reporter mit der Kamera, die Neugier ist groß. Eine Biene schwirrt vorbei, fliegt über den Sandkasten, das Spielzeug, die Veranda. Wir haben dasselbe Ziel, das Wachs von Wildwax Tuch.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wildwax Tuch, das sind Sabrina, Lotte und Omar. Drei Freunde, eine Geschäftsidee, ein Kampfspruch: „Plastic is over“ (zu Deutsch: „Plastik ist vorbei“), das steht da in fetten weißen Buchstaben auf einem großen Plakat, im Hintergrund der wilde Ozean. Das Transparent füllt die komplette Rückwand des Raums aus, der Kaffeeküche, Besprechungsraum, Packstation und Büro zugleich ist. Davor stehen Bierbänke, auf denen das Wildwaxtuch, die alternative Frischhaltefolie, liegt. Diese gibt es in klein, groß, blau-weiß-gestreift, mit und ohne Ornamente. Seit einem Jahr stellen die drei Freunde hier ihre Alternative zur Frischhaltefolie her.

          Dabei ist das Prinzip altbekannt: Schon im vergangenen Jahrhundert oder vielleicht noch früher war wurde das Material genutzt – zumindest lange bevor Plastik zu einem Problem für die Umwelt wurde. Lebensmittel in mit Bienenwachs getränkten Leinentüchern frischhalten – die Großmutter würde das einen „No Brainer“ nennen, also etwas, das selbstverständlich ist und total normal. Dann kam die Frischhaltefolie, und aus etwas Altbewährtem wurde ein Artefakt aus einer anderen Zeit.

          Zwei Jahre sollen die Frischhaltefolien halten

          Nicht so für Sabrina Kratz. Wer in einer Imkerfamilie aufwächst, wer selbst Imkerin ist, kennt sich aus mit dem süßlich riechenden gelben Zeug. Sie weiß, dass das Propolis im Wachs antibiotisch, antiviral und antimykotisch wirkt – soll heißen: Wo Propolis (von Bienen hergestellte harzartige Masse) ist, haben es Bakterien und Pilze schwer zu florieren. Im Wildwaxtuch ist ganz viel davon, aus Demeter-Wachs, und dazu noch Fichtenharz und Bio-Kokosfett, die auch antibakterielle Eigenschaften haben – perfekte Voraussetzungen also, um Lebensmittel frisch zu halten, vom angeschnittenen Käse über die halbe Gurke bis hin zum Quarkaufstrich. Nur für rohes Fleisch und Fisch eignen sich die Tücher nicht. Aber wiederverwendbar sind sie, einfach abwaschen und fertig, zwei Jahre sollen sie halten.

          Das Wildwaxtuch hält Obst und Gemüse frisch. Bilderstrecke

          Mit dieser Rezeptur, ausgefeilt von Drucktechniker Omar Rock, sind die drei Freunde vor einem Jahr ins Rennen gegangen, gegen die Frischhaltefolie und gegen zu viel Müll im Meer. Aus einer Idee wurde ein Projekt, daraus ein Start-up. Mit Mikrokrediten aufgezogen, fängt es gerade an, sich zu lohnen, sagt Lotte Schöpf. Die neue Manufaktur im Frankfurter Hafenquartier ist der Mittelpunkt: Hierher bringt Sabrina das Wachs von den Imkern aus dem Umland, hier werden die Tücher in Handarbeit bepinselt, geschnitten, verpackt und in die Welt verschickt. Bis nach Japan, Israel, Südafrika und Neuseeland haben sie es schon geschafft. „Am Anfang sind wir mehrmals am Tag zur Post gefahren, heute werden die Pakete abgeholt“, sagt Rock, bei Wildwax Tuch für die Produktion zuständig.

          Denn die Nachfrage nach den Wachstüchern ist groß, etwa 1000 Stück werden täglich hergestellt. Derzeit verkauft das Start-up die Tücher über den eigenen Online-Shop, in Reformhäusern und Unverpacktläden oder auf Messen. Sie gibt es in verschiedenen Größen und ab einem Preis von 6 Euro. Das Unternehmen sei außerdem mit einem Großkunden im Gespräch, verrät Omar. Ein Massenprodukt kann und soll das Wildwaxtuch aber nicht werden – dafür sind die verwendeten Rohstoffe zu wertvoll und teuer.

          Bis zu sechs Milliarden Plastiktrinkhalme täglich

          Der Erfolg von Wildwax Tuch ist kein Einzelfall: Das Interesse an Alternativen zum Kunststoff ist derzeit so groß wie selten zuvor. Wie Pilze sprießen neue Unternehmen aus dem Boden, die den Plastikverzicht zur Geschäftsidee machen. Da ist zum Beispiel Halm, ein Start-up, wie sie in Berlin gerade hip sind. Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde, bei Halm in Friedrichshain findet sie in Form von Trinkhalmen aus Glas statt.

          Produziert werden die „extrem stabilen“ und wiederverwendbaren Glashalme mit Solarenergie aus und in Deutschland. Nach eigenen Angaben hat der „Halm“ dazu beigetragen, dass schon mehr als 400 Millionen Plastiktrinkhalme eingespart wurden. Fünfzig Prozent der Gewinne werden zudem an andere Firmen und Projekte gespendet, die sich für den Kampf gegen Plastik einsetzen.

          Die Idee für den Halm hatten die Gründer Hannah Cheney und Sebastian Müller beim Strandspaziergang in Thailand, „wo gefühlt jedes zweite Teil ein Plastiktrinkhalm war“. Etwas Recherche habe ergeben, dass täglich auf der ganzen Welt drei bis sechs Milliarden Plastiktrinkhalme im Müll landen – viele davon spült die Brandung wenig später wieder an Land. Ihr Trinkhalm aus Glas soll das ändern. Warum gerade Glas? „Papier weicht durch, Bambus ist für den Gastronomiebetrieb zu unhygienisch und Metall verfälscht den Geschmack“, begründet das Start-up die Materialwahl.

          Stroh statt Styropor

          Wie auch Wildwax Tuch gibt es Halm seit 2017 und nicht nur Privatkunden, sondern auch schon mehr als 450 Gastronomen zählen zu den Käufern, darunter auch die Hotelkette Steigenberger. Der Kundenkreis könnte indes bald wachsen, denn die EU hat ein Verbot von Trinkhalmen aus Plastik angekündigt. Einige Supermarktketten, darunter Rewe und Lidl, haben schon den Verkaufsstopp eingeleitet und suchen nach Alternativen.

          Überhaupt könnten neue Gesetzte Schwung in die Industrie mit den Plastik-Alternativen bringen. So begünstigt das neue deutsche Verpackungsgesetz, das 2019 in Kraft tritt, nachhaltige Verpackungen und soll Hersteller dazu motivieren, Plastik einzusparen oder recyclingfähiger zu machen. 

          Von dem Gesetz erhofft sich auch das Start-up Landpack aus dem bayerischen Alling einen Wachstumsschub. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben die erste wirkliche Alternative zu Styropor her und vertreibt sie in Form von umweltfreundlichen Isolierverpackungen, insbesondere für die Bedürfnisse von Lebensmittel-Versendern. Die „Landbox“ besteht aus reinem Stroh und weist laut Hersteller dieselben Leistungsdaten wie Styropor auf. So können Lebensmittel darin mehrere Tage kühl gehalten und verschickt werden. Zudem seien die Boxen zu 100 Prozent kompostierbar, sogar im eigenen Garten. 

          Viertwichtigster Kunststoff der Welt

          „Unser Anspruch ist es, Versendern von frischen, gekühlten und stoßempfindlichen Waren eine natürliche, umweltfreundliche und schöne Verpackung zu bieten“, sagt Gründerin Patricia Eschenlohr. Dabei eigne sich Stroh besonders gut als Rohstoff, da es auf der ganzen Welt anfalle und als Nebenprodukt der Getreideernte nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurriere. Als reines Naturmaterial sei die Box außerdem weitestgehend von jeglichen Verpackungsabgaben befreit.

          Die Isolierverpackung aus dem „im Überfluss verfügbaren Rohstoff Stroh“ wird in einem eigens entwickelten Verfahren hergestellt – ohne den Einsatz von Klebstoffen. Bislang produziert das Start-up noch in der Konzernzentrale in Bayern und hauptsächlich für die DACH-Region, also Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zu den Kunden von Landpack zählen unter anderem die Feinkostgruppe Käfer, Dr. Oetker, Frosta und der Bio-Händler Alnatura. Etwa 30 Quaderballen Stroh mit einem Gewicht von bis zu 400 Kilogramm werden täglich zu Frischeboxen geformt. 

          Mittelfristig sind weitere Standorte geplant, um das Produkt global vertreiben zu können, sagt Eschenlohr: „Styropor ist der viertwichtigste Kunststoff der Welt und ein Massenprodukt. Unser Ziel ist es, mit unserer nachhaltigen Alternative einen gewissen Anteil des internationalen Styropormarktes zu erobern“. Der Preis einer Isolierbox liegt, je nach Größe und Menge, zwischen 2 und 6 Euro. Damit könne Landpack mit Styropor mithalten – „je größer die Boxen sind, desto günstiger werden wir im Vergleich zu Styropor“, sagt Eschenlohr.

          Ein Blick zurück in die Geschichte reicht manchmal

          Dabei sieht sie im Stroh gleich mehrere Wettbewerbsvorteile gegenüber Styropor: Zum einen sei Stroh eine der größten Biomassen der Welt und anders als Rohöl, der Basis für Styropor, keine begrenzte Ressource. Zum anderen werde bei der Produktion der Landbox nur zwei Prozent der Energie verbraucht, die Styropor erfordert. Schließlich treffe die Landbox den Nerv der Zeit: „Die Endverbraucher akzeptieren keine unnötige Umweltverschmutzung mehr.“

          Die Idee, Stroh als Dämmstoff einzusetzen ist indes nicht neu. Schon seit über 100 Jahren wird es zur Gebäudedämmung verwendet – ist also ein ebenso alter und bekannter Rohstoff wie Bienenwachs und Glas. Während die EU über ihre Plastikstrategie nachdenkt und der Handel immer mehr Plastikartikel aus dem Sortiment verbannt, wächst langsam aber sicher eine neue Industrie heran – die der Alternativen zum Plastik. Dabei ist Innovation und Kreativität gefordert; manchmal reicht aber auch einfach ein Blick zurück in die Geschichte.

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