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Insolventer Dax-Konzern : Die Zahlen von Wirecard werden immer schlechter

Die Wirecard-Zentrale in Aschheim Bild: EPA

Im Fall Wirecard wurde ein aus Dubai angereister Beschuldigter festgenommen. Die Aussichten für Wirecard werden dabei immer düsterer. Offenbar hat das Kerngeschäft Verluste gemacht.

          2 Min.

          Seit zwei Wochen verschafft sich Insolvenzverwalter Michael Jaffé einen genauen Überblick über den Nachlass des Finanzkonzerns Wirecard. Früh haben Private-Equity-Unternehmen, Privatinvestoren und auch Konkurrenten wie der französische Zahlungsdienstleister Worldline Interesse am bestehenden Geschäft in Europa und Nordamerika angemeldet. Das sind jene Sparten, die nicht in Verdacht frisierter Umsatzzahlen stehen. Denn die Luftbuchungen soll es beim insolventen Wirecard-Konzern im Asiengeschäft gegeben haben, dass mit dubiosen Drittpartnern betrieben wurde.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Doch für Aufsehen sorgt nun ein Bericht der „Financial Times“, wonach die aufgeblähten Asienerlöse wohl auch auflaufende Verluste im eigentlichen Kerngeschäft kaschieren sollten. In Europa und Amerika hätten die direkt unter Wirecard-Kontrolle stehenden Gesellschaften seit Jahren Verluste eingefahren, heißt es darin unter Berufung auf Anhänge zum Sondergutachten durch das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG. Allein im Jahr 2018, als Wirecard im Elitesegment der Deutschen Börse die Commerzbank verdrängte, sei ein operatives Minus von 74 Millionen Euro angefallen. Auch im Jahr davor habe Wirecard hier Geld verloren, während die offiziellen Geschäftszahlen für den Gesamtkonzern stetig steigende Gewinne auswiesen.

          Aktionärsschützer fordern Einsicht

          An der Börse brach der Kurs der Wirecard-Aktie, die seit der Insolvenz ohnehin zum Spielball von Zockern geworden ist, um mehr als ein Fünftel ein. Im weiteren Verlauf konnte der Dax-Wert einen Teil seiner Verluste wieder aufholen. Auch unter Aktionärsschützern ließ der Artikel der „Financial Times“ aufhorchen. Denn die Quelle, auf die sich das britische Wirtschaftsblatt berief, ist ebenjener 274 Seiten lange Anhang zum KPMG-Prüfbericht, der dem Vernehmen ungeschwärzt volle Namen und andere Details nennen soll, öffentlich aber nicht zugänglich ist.

          Der komplette Bericht hätte längst direkt offengelegt werden müssen, wie es auch von Wirecard ursprünglich avisiert wurde, kritisierte am Montag Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). In einem der größten Bilanzskandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte sei zu dessen Aufklärung mehr Transparenz angezeigt.

          Tatsächlich hatte schon der 74-Seiten-Bericht zur Wirecard-Bilanz, den KPMG Ende April vorlegte, die Lücken im Zahlenwerk aufgedeckt. Schon damals fehlten Belege für die Cash-Bestände, die Wirecard im Asiengeschäft ausgewiesen hatte. Das Geld war offiziell für mögliche Zahlungsausfälle von Kunden vorgesehen in eben jenen Geschäften, die Wirecard nach eigener Darstellung in Ländern ohne eigene Lizenz abwickelte. Als Mitte Juni der langjährige Wirecard-Prüfer EY daraufhin das Testat verweigerte, stürzte der Konzern ins Chaos.

          Nächste Festnahme

          Unterdessen hat die juristische Aufarbeitung des Bilanzskandals zu einer weiteren Festnahme geführt. Die Staatsanwaltschaft München vernahm nach eigenen Angaben den Geschäftsführer der Cardsystems Middle East FZ-LLC, eine Tochtergesellschaft der Wirecard AG mit Sitz in Dubai, als Beschuldigten. Er wurde aufgrund des zuvor beantragten Haftbefehls festgenommen.

          Der aus Dubai angereiste Beschuldigte habe sich dem Verfahren gestellt, teilte die Behörde mit. Der Haftbefehl stützt sich laut Staatsanwaltschaft „auf den dringenden Tatverdacht des gemeinschaftlichen Betrugs und versuchten gemeinschaftlichen Betrugs jeweils im besonders schweren Fall sowie den Verdacht der Beihilfe zu anderen Straftaten.“ Als Haftgründe wurden Fluchtgefahr und Verdunkelungsgefahr genannt.

          Bisher ermittelt die Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts der Marktmanipulation und unrichtiger Angaben gegen den langjährigen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun sowie seinen fristlos gekündigten Vorstandskollegen Jan Marsalek. Während sich Braun der Justiz gestellt hat und nach Zahlung einer Kaution von 5 Millionen Euro auf freiem Fuß ist, fehlt von Marsalek noch jede Spur. Mittlerweile verdichten sich die Anzeichen, dass bei Wirecard nicht nur die Bilanzen frisiert, sondern auch Gelder veruntreut wurden.

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