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Die Trends im Vergleich : Revolution in der Kaffeeküche

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Der Wandel der Kaffeekultur: Ausgerechnet Südeuropa genießt immer seltener das Dolce Vita im Café. Dafür treiben wir Deutschen immer größeren Aufwand, um das Pulver in die Tasse zu bekommen. Und zahlen mehr dafür Bild: Getty Images

Die Deutschen lassen sich ihren Kaffee immer mehr kosten. Sie lieben edlen Espresso und teure Maschinen. Snobs propagieren die Rückkehr zum Filterkaffee.

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          Mit der Sucht ist das ja so eine Sache: Ist etwas, das wir gewohnheitsmäßig tun und von dem wir die Finger nicht lassen, nun wirklich eine Sucht - oder nur eine dumme Angewohnheit? Ob Kaffee im strengen Sinne abhängig macht, ist noch nicht ganz geklärt. Aber zumindest lassen sich bei Gewohnheitstrinkern nach 24-stündigem Nichtkonsum eindeutige Entzugserscheinungen feststellen: Kopfweh, Händezittern, Konzentrationsstörungen.

          Vielleicht ist das der Grund, weswegen so viele von uns keinen Tag ohne ihre Tasse Kaffee am Morgen beginnen und noch ein paar weitere über den Tag verteilt trinken. Und immer mehr Menschen kommen auf den Geschmack. Bisher stieg der Weltkaffeeverbrauch Tasse um Tasse an - aber ausgerechnet in Europa, das von allen Kontinenten am stärksten an der Bohne hängt, ändern sich nun die Gewohnheiten selbst bei den abgebrühtesten Trinkern stark.

          Es sind vor allem Spanien, Portugal und Italien, die ihr Verhältnis zum Kaffee und damit ihre gesamte Kaffeekultur krisenbedingt neu definieren. Aber auch bei den Deutschen tut sich einiges im Kaffeebecher.

          Kaffee als Wohlstandsindikator

          In Spanien und Portugal vollzieht sich der Wandel öffentlich, nämlich in den Straßencafés. Davon gibt es besonders viele, und sie waren bisher gut besucht. Denn der kleine Schwarze gehört hier zur Lebensart. Ohne Café solo oder Café con leche in der Bar beginnt kein Tag und ohne sie ist kein Essen perfekt. Die Hälfte ihres Kaffeekonsums von immerhin 93 Litern trinken Spanier und Portugiesen außer Haus. Doch seit die Iberische Halbinsel unter der Krise ächzt, die spanischen Löhne sinken und jeder Vierte hier keinen Job mehr hat, was der höchsten Arbeitslosigkeit aller OECD-Länder entspricht, verkneifen sich die Bewohner immer öfter die Mittagspause im Café. Die Barbesitzer klagen schon über herbe Umsatzeinbußen, und der Kaffeeimport ging 2011 landesweit um 6,6 Prozent zurück.

          Eigentlich, so nahmen Ökonomen bisher an, sei Kaffee ja ein „ikonisches Produkt“ und überdies ein „extrem soziales“, das sehr stark an das soziale Leben und Gesellschaftsformen gekoppelt sei - wer einmal an sein tägliches Tässchen Kaffee gewöhnt sei, werde so schnell nicht wieder davon lassen. Und je entwickelter eine Gesellschaft ist, desto mehr ihrer Bürger trinken gewohnheitsmäßig auch den Bohnensaft.

          Filterkaffee für 5 Cent: Mühelos kann man 9 Euro für eine Kaffeespezialität im 500-Gramm-Beutel ausgeben. Oder nur 2,49 Euro beim Discounter. Im Schnitt kostet das Pfund Kaffee 4,03 Euro, und es ergibt rund 71 Tassen. Macht 5 Cent pro Tasse. Inklusive Strom, Wasser und Filtertüte sind es 7 bis 8 Cent. Gute Maschinen gibt es schon für 50 bis 75 Euro Bilderstrecke
          Filterkaffee für 5 Cent: Mühelos kann man 9 Euro für eine Kaffeespezialität im 500-Gramm-Beutel ausgeben. Oder nur 2,49 Euro beim Discounter. Im Schnitt kostet das Pfund Kaffee 4,03 Euro, und es ergibt rund 71 Tassen. Macht 5 Cent pro Tasse. Inklusive Strom, Wasser und Filtertüte sind es 7 bis 8 Cent. Gute Maschinen gibt es schon für 50 bis 75 Euro :

          Kaffee ist ein Wohlstandsindikator, das belegen zurzeit die aufstrebenden Staaten Indien, China und Brasilien deutlich. Seit 1990 hat sich der Konsum in Brasilien mehr als verdoppelt auf 19 Millionen Säcke jährlich. Mit all den Menschen, die in den sich entwickelnden Staaten zum Kreis der Mittelschicht aufstiegen, stieg auch der Weltkonsum um drei bis vier Prozent pro Jahr. Genauso gut zeigt nun Europas Süden erstmals, dass der Konsum selbst in traditionellen Kaffeetrinkernationen auch zurückgehen kann.

          Selbst Italien, das Mutterland von Espresso, Cappuccino und Co., das sich von je her mit Österreich um den Titel streitet, wer die ausgereiftere Kaffeekultur besitzt, hat dem Weltmarkt zuletzt rund 3 Prozent weniger Bohnen abgenommen. Noch immer trinken die Italiener ihren Kaffee gern in der Bar, aber oft nur noch zwei statt vier Tassen täglich und lieber einen Espresso für 9 Cent als den Cappuccino für 1,20 Euro. Auch die sonst erfolgsverwöhnte Kaffeekette Starbucks klagte jüngst, die Geschäfte in Europa liefen so schlecht, dass sie die Gewinnprognose senken müsse.

          Immerhin lassen wir deutschen Kaffeetanten uns bisher nicht beirren, könnte man meinen, wenn man die Zahlen anschaut: Mit rund 155 Litern jährlich liegen wir weiterhin an der europäischen Spitze - nur noch von Skandinaviern und Schweizern unter den Kaffeetisch getrunken. Die aufgebrühte Menge hat sich tatsächlich kaum verändert. Und hierzulande leiden die Cafés weniger, denn auswärts tranken wir unseren Kaffee ohnehin noch nie exzessiv.

          Preisabstand so klein wie nie

          Nur 15 Prozent unseres Konsums trugen wir in Pappbechern aus Kaffeeketten wie Starbucks und Tchibo, aus Tankstellen und Bäckerbuden. Wir brauen uns die Bohnenbrühe lieber selbst. Doch man muss genauer im Kaffeesatz lesen, denn auch deutsche Händler und Röster merken: Wir kaufen neuerdings öfter stärker nach dem Preis - wie Italiener und Spanier übrigens auch. „Die Europäer ändern ihr Verhalten und greifen zu billigeren Kaffeemarken“, sagt die brasilianische Analystin Maria Fernanda Brando vom Beratungsunternehmen P&A Marketing.

          Das ist der Grund, weswegen die Sorte Robusta einen noch nie gekannten Aufschwung erlebt. Bisher gilt sie als die billigere Bohne, weil sie ertragreicher ist, aber auch erdiger, härter und bitterer im Geschmack. Die milde und fruchtige Arabica-Bohne dagegen kam bisher besser an. Sie machte rund 65 Prozent der Weltproduktion aus und war bislang rund 120 bis 150 Dollar-Cent pro Pfund teurer. „Nun aber verkehren sich die Verhältnisse am Kaffeemarkt“, stellt die International Coffee Organization (ICO) fest. Weil Arabica-Bohnen immer öfter in den Lagern liegenbleiben, fällt auch deren Preis.

          Seit Sommer 2011 ist er um 35 Prozent geschrumpft. Dagegen wächst die Nachfrage nach Robusta-Bohnen, weil die großen Röster, zu denen auch Tchibo und Kraft Foods gehören, ihren Kaffeeblends zunehmend den billigeren Robusta untermengen. Inzwischen ist der Preisabstand zwischen beiden Bohnen mit 70 bis 80 Cent so klein wie nie. Das verändert schon die Anbaumengen: Immer mehr Robusta sprießt auf den Plantagen.

          „Revolution im Konsum“

          Bislang haben die Kunden die Weltmarktpreise nur in einer Form zu spüren bekommen: Der Preis fürs Pfund im Laden stieg relativ unbeeindruckt davon. Selbst wenn für Monate die Kurse für das (neben dem Öl) am zweitstärksten gehandelte Rohprodukt der Welt sinken, werden die Ziffern auf den Preisschildern höher. Das liegt daran, dass die eigentliche Bohne nur einen Bruchteil des Endpreises ausmacht. Nur 13 Prozent stecken Arbeiter und Plantagenbesitzer ein, 18 Prozent bleiben bei den Röstern hängen, noch einmal 24 beim Einzelhandel. Den Großteil aber von 45 Prozent schlucken hierzulande Steuern, Zölle und Frachtkosten. Bei einem Durchschnittspreis von 4,03 Euro sind das stolze 1,81 Euro pro Pfund Kaffee. Sie machen unser Lieblingsgebräu so teuer.

          Nun gibt es aber in den traditionellen Märkten nicht nur den Trend zu weniger und billigerem Kaffee, der die Branche staunen lässt, sondern gleichzeitig eine andere „Revolution im Konsum“: Dort, wo es den Koffeinabhängigen noch gutgeht, zahlen sie immer höhere Summen für immer ausgefeiltere Espressovollautomaten oder für immer homöopathischer verpackte Kaffeeportionen, die man behende als Pad oder Kapsel in vollautomatischen Brühautomaten versenkt, bis die dann den heißen braunen Saft ausspucken.

          Sie sind der Grund, weshalb sich ungeachtet der Bohne, die letztlich in die Tasse kommt, der Preis, den viele hierzulande pro Tasse zahlen, in den wenigen Jahren locker versechsfacht hat, weil die einzeln verpackten Miniportionen viel teurer sind als das herkömmliche Pfund Bohnen. Das lässt die Gewinne von Kaffeefirmen wie Nespresso sprudeln. Und deswegen wächst der Umsatz der Branche insgesamt auch in traditionellen Kaffeeländern weiter, selbst wenn der Pulverabsatz ganz leicht sinkt. Mehr als jeder dritte Haushalt hat laut Erhebungen des Kaffeerösters Tchibo bereits eine Pad-Maschine, fast jeder achte einen Kapselautomaten.

          Zur Ehre der Traditionstrinker sei aber gesagt: Es gibt auch längst eine Gegenbewegung. Der gute alte Porzellanfilter kommt wieder groß in Mode. Auch den hat jeder dritte Haushalt zur Hand. Billiger als all die High-Tech-Maschinen ist er allemal. Kultiger auch. Die Frage ist nur, wie oft ihn die Kaffee-vor-der-Arbeit-Trinker morgens auch wirklich benutzen, wenn’s mal wieder schnell gehen muss.

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