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Britische Autoindustrie : Ein königlicher Aufschwung

Hoher Besuch: Die Queen auf dem Weg in die Jaguar-Fabrik Bild: dpa

Die britische Autoindustrie schien todgeweiht. Jetzt werden auf der Insel neue Werke eröffnet - und die Queen kommt zu Besuch.

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          „Wenn Ihre Majestät gleich eintrifft, sind Sie alle eingeladen, sich zu erheben“, sagt der Mann im dunklen Anzug. „Bitte keine Selfies“, fügt er noch hinzu. „Der Palast hat darum gebeten.“ Die Regeln sind streng, wenn Großbritanniens Königin Elisabeth II. erwartet wird. Und genau das ist hier der Fall. An diesem grauen Herbsttag ist die Monarchin nach Wolverhampton gekommen, eine Großstadt in den englischen Midlands. Es gilt eine Wiederauferstehung zu feiern, in der nagelneuen Fabrik, welche die Königin gleich eröffnen wird: Gut zwei Jahrzehnte ist es her, dass der britische Autohersteller Jaguar sein letztes Motorenwerk dichtgemacht hat. Jetzt hat er ein neues gebaut - und das ist Grund genug für die Monarchin, im königlichen Zug aus dem gut zwei Stunden entfernten London anzureisen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Großbritanniens Autoindustrie erlebt eine Renaissance, wie sie noch vor wenigen Jahren kaum jemand für möglich gehalten hätte. Fachleute schätzen, dass Europas Autohersteller insgesamt unter Überkapazitäten von rund 2,5 Millionen Fahrzeugen leiden. Aber im Vereinigten Königreich werden heute 60 Prozent mehr Autos gebaut als noch vor fünf Jahren. Rund 1,6 Millionen Fahrzeuge werden 2014 wohl auf der Insel vom Band rollen und damit mehr als in Frankreich. Binnen zehn Jahren haben sich die britischen Autoexporte verdoppelt. Sie übertreffen mittlerweile erstmals seit Anfang der siebziger Jahre wieder die Einfuhren. Vor zweieinhalb Jahren entschied sich General Motors für das britische Ellesmere Port bei Liverpool und gegen das hessische Rüsselsheim als Produktionsstandort für sein Kompaktmodell Astra.

          Kein Wunder also, dass auch die Königin der Wachstumsbranche ihre Aufwartung macht: In Wolverhampton schritt Elisabeth II. am Donnerstag im leuchtend türkisgrünen Mantel durch die Werkshallen, Gemahl Prinz Philip an ihrer Seite. Gemeinsam ließen sich die beiden älteren Herrschaften die Vorzüge des Jaguar-Modells XE erläutern. Das neue Auto hat die Vierzylindermotoren, die hier in Wolverhampton gefertigt werden, unter der Haube. Der XE ist kompakter und preisgünstiger als die bisherigen Jaguar-Modelle. Er kommt 2015 auf den Markt.

          Symbolträchtiges Motorenwerk

          Jaguar Land Rover (JLR) hat eine halbe Milliarde Pfund in sein symbolträchtiges Motorenwerk investiert und noch einmal so viel in die Entwicklung seiner eigenen Motorenfamilie. Bisher bezieht der Hersteller seine Triebwerke dagegen von Ford. „Wir stehen hundertprozentig zu Großbritannien“, sagt Wolfgang Stadler. Der Bayer war früher Werksleiter bei BMW in Dingolfing, jetzt ist er Produktionsvorstand von JLR. Unternehmenschef Ralf Speth, ein weiterer deutscher Automanager in britischen Diensten, hat ihn nach England geholt. Noch vor fünf Jahren galt der Hersteller als Pleitekandidat. Zum Schnäppchenpreis von 1,3 Milliarden Pfund kaufte der indische Mischkonzern Tata damals das marode Unternehmen.

          Mit deutschen Automanagern am Steuer und dank Milliardeninvestitionen durch den indischen Eigentümer hat JLR die Wende geschafft. Neue Modelle wie der Range Rover Evoque treffen den Geschmack der Kundschaft. Seit der Übernahme durch Tata im Jahr 2008 ist der Absatz trotz Weltfinanzkrise und der lahmenden Konjunktur in Europa um rund 60 Prozent gestiegen. Der Vorsteuergewinn hat sich in den vergangenen vier Jahren auf gut 2,5 Milliarden Pfund mehr als verdoppelt. JLR hat in Großbritannien rund 10.000 Arbeitsplätze geschaffen. Im neuen Motorenwerk in Wolverhampton entstehen 1400 weitere. Gerade hat der Hersteller auch sein erstes Werk in China eröffnet, ein weiteres in Brasilien ist im Bau. 10 Milliarden Pfund hat Tata in den vergangenen fünf Jahren in die beiden britischen Traditionsmarken Jaguar und Land Rover gesteckt.

          Früher waren die Autos, die aus britischen Fabriken rollten, technisch mittelmäßige Massenware mit oft haarsträubenden Mängeln in der Fertigungsqualität. Der Niedergang von Herstellern wie British Leyland zählt zu den traurigsten Kapiteln in der Geschichte der internationalen Autoindustrie. Heute dagegen sind die Briten im gehobenen Preissegment erfolgreich. JLR ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte in der britischen Autoindustrie: In Oxford erlebt der legendäre Kleinwagen Mini eine neue Blüte - wie im Fall von Jaguar und Land Rover unter ausländischer Regie. Der Münchner BMW-Konzern hat rund um die Neuauflage des Ur-Mini eine Familie von Modellvarianten entwickelt und die Marke damit zu neuen Absatzrekorden geführt. Der kleine Nobelhersteller Bentley, der mittlerweile Volkswagen gehört, verkauft ebenfalls mehr Autos denn je. Größter Hersteller in Großbritannien ist der japanische Nissan-Konzern, der dort unter anderem sein Modell Qashqai baut.

          JLR-Produktionsvorstand Stadler ist voll des Lobes für den britischen Fahrzeugbau. Aber es klingt auch unüberhörbar das Selbstbewusstsein des deutschen Automanagers durch, wenn er über seine Mission auf der Insel spricht: „Die Bereitschaft zu lernen ist groß, die Engländer sind nicht doof“, sagt Stadler. Was die Qualifikation der Mitarbeiter angeht, habe man allerdings „viel aufzuholen“. Die Belegschaft für das Motorenwerk hat JLR mit einem eigens aufgelegten Schulungsprogramm auf die neue Aufgabe vorbereitet. Auch mit den langen Produktionsferien in Großbritannien mag sich der Fertigungsexperte aus Bayern nicht abfinden. Rund sechs Wochen im Jahr stehen bei JLR bisher die Maschinen still. Früher seien die langen Werksferien ja kein Problem gewesen, sagt Stadler. „So viele Autos wurden damals eh nicht verkauft“, sagt er. Inzwischen aber schon: JLR arbeitet mittlerweile in manchen Bereichen an der Kapazitätsgrenze. „Ich bin optimistisch, dass wir die Arbeitszeiten hier auf ein konkurrenzfähiges Niveau bringen können“, sagt Stadler diplomatisch.

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