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Industriellenfamilie : Die Reimanns stiften 250 Millionen Euro gegen Hass

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin Bild: AP

Die Industriellenfamilie Reimann stellt in den nächsten zehn Jahren 250 Millionen Euro für Initiativen bereit, die sich mit Ursachen und Folgen des Holocausts auseinandersetzen. Dahinter verbirgt sich eine kaum fassbare Geschichte.

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          Die Industriellenfamilie Reimann stellt in den nächsten zehn Jahren 250 Millionen Euro für Initiativen bereit, die sich mit Ursachen und Folgen des Holocausts auseinandersetzen und die „demokratische Gesellschaft in Europa“ stärken. Das erste Projekt, das die eigens in Leben gerufene Alfred-Landecker-Stiftung finanziert, stellte die Familie am Montag vor, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts: einen Lehrstuhl an der Universität Oxford zur Erforschung von Verfolgung und Schutz von Minderheiten. „Wir nehmen nicht hin, dass Antisemitismus und ethnozentrierter nationalistischer Populismus in Deutschland und Europa wie in den 1930er Jahren wieder zunehmend Raum gewinnen“, teilte die Stiftung mit.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Hinter der Initiative verbirgt sich eine kaum fassbare Geschichte. Die vier Firmenerben der Ludwigshafener Chemiefabrik Benckiser, die heute über ein Konglomerat aus Kosmetik-, Kaffee- und Konsumgüterfirmen im Gesamtwert von mehr als 30 Milliarden Euro gebieten, hatten 2016 ihre Firmengeschichte von dem Münchner Historiker Paul Erker aufarbeiten lassen. Dessen Untersuchung förderte Übles zutage.

          Der Vater der heutigen Erben, Albert Reimann jr., und dessen Vater Albert Reimann waren glühende Verehrer der Nationalsozialisten, die schon vor der „Machtergreifung“ Geld an die SS gespendet hatten. In ihren Fabriken beschäftigten und erniedrigten sie später Hunderte von Zwangsarbeitern, so mussten etwa Frauen zeitweise nackt antreten. Bei Luftangriffen wurden Zwangsarbeiter aus den Bunkern getrieben, mindestens einer starb. Auch im Privathaushalt beschäftigten sie Zwangsarbeiter.

          Keine öffentliche Äußerung

          Der Horror spielte sich vor einer kaum zu verstehenden Liebesgeschichte ab. Unternehmenspatriarch Albert Reimann jr. hatte über viele Jahre ein Verhältnis mit seiner Hausangestellten Emilie Landecker. Deren Vater Alfred Landecker war Jude und wurde 1942 von Nazis verschleppt und ermordet. Warum Emilie Landecker im Wissen um diese Greuel über Jahrzehnte bei ihrem Geliebten geblieben ist, bleibt ihr Geheimnis. Reimann jr. jedenfalls adoptierte später die drei Kinder. Nach dem Krieg hatte er sich erfolgreich als Opfer von Denunziation dargestellt, bekam sogar noch das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er starb 1984, Emilie Landecker 2017.

          An der Aufarbeitung bleibt ungeachtet der hohen Summe befremdlich, dass sich die Erben in Deutschland bis heute nicht öffentlich dazu geäußert haben. Aus der Liaison mit Emilie Landecker sind drei Kinder hervorgegangen. Renate Reimann-Haas und Wolfgang Reimann sind heute noch Teilhaber der Holding, ihre Schwester Andrea wurde ausbezahlt.

          „Nazigeld hinter meinem Lieblingskaffee

          Die beiden anderen Familiengesellschafter Stefan Reimann-Andersen und Matthias Reimann-Andersen sind Kinder seines Cousins und wurden von Reimann jr. ebenfalls adoptiert. Allesamt treten in der Öffentlichkeit nie auf. In Amerika, einem der wichtigsten Märkte für die Reimanns, hatten die Enthüllungen für viel Wirbel und Schlagzeilen wie „Nazigeld hinter meinem Lieblingskaffee“ geführt.

          Die Familie hatte nach Bekanntwerden bereits 10 Millionen Euro zur Unterstützung von Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Zwangsarbeitern zur Verfügung gestellt, die Hälfte des Geldes floss an die Jewish Claims Conference, die sich um Entschädigungsansprüche kümmert.

          Mit dem weiteren Geld soll die Stiftung nach eigenem Bekunden Millennials und die Angehörigen der Generation Z ansprechen, „um das Verantwortungsgefühl und den Einsatz für eine liberale Demokratie zu stärken“. Gründungsdirektor der Stiftung wird der Historiker Andreas Eberhardt. Er hatte zuvor die von der Bundesregierung und von Wirtschaftsverbänden mit gut fünf Milliarden Euro ausgestattete Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ geleitet.

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