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Lokführerstreik : Die Logistikketten im Güterverkehr halten noch

  • -Aktualisiert am

Stillstand, aber kein Chaos: Lokführerstreik in Nordrhein-Westfalen Bild: dpa

Das befürchtete Chaos während des Lokführerstreiks ist ausgeblieben, die Lieferkette hat gehalten. Doch die Industrie zeigt sich besorgt über das marode Image des Schienenverkehrs.

          3 Min.

          Das Chaos ist ausgeblieben. Der Lokführerstreik hat die Lieferketten in der Wirtschaft weniger getroffen als befürchtet. Produktionsausfälle und damit gar ein Einbremsen der wirtschaftlichen Erholung nach Corona, wie von BDI-Präsident Siegried Russwurm befürchtet, haben die Unternehmen nach einer Stichprobe der F.A.Z. zum großen Teil abgefedert. Der Imageverlust der Schiene allerdings bleibt. Und das in einer Zeit, in der der Anteil des Güterverkehrs auf der Schiene trotz gegenteiliger politischer Bestrebungen zuletzt sogar wieder zurückgegangen ist.

          Von den bis zu 3000 Güterzügen die nach Angaben der Deutschen Bahn täglich in Deutschland fahren, standen am Sonntag 400 „im Rückstau“. Wenn der Streik an diesem Dienstag vorläufig endet, will sich die Bahn zu weiteren Details äußern.

          Die Unternehmen haben offenbar gelernt, mit solchen Streiks umzugehen. Betroffen ja, aber getroffen kaum, lautet der Tenor der von der F.A.Z Befragten. Selbst in der traditionell stark auf Schienenverkehr ausgerichteten Chemie- und Stahlindustrie halten sich die Folgen in engen Grenzen. Beim Chemiekonzern BASF, der ein Viertel seiner Waren und Rohstoffe über die Schiene transportiert, hat der Streik nach eigenen Angaben nicht zu größeren Einschränkungen geführt. Bisher seien noch keine „wesentlich negativen“ Auswirkungen auf Kunden und BASF bekannt.

          Auf den Hauptachsen zwischen den großen Produktionsstandorten in Europa verkehren laut Konzern in der Woche etwa 80 sogenannte Ganzzüge, also ausschließlich mit eigenen Produkten zusammengestellte Transporte. BASF arbeite dabei nicht nur mit der Bahn zusammen. Die Verkehre seien so organisiert, dass kurzfristig auch andere, private Schienen-Transporteure eingesetzt werden könnten. Auch dem bayerischen Chemiehersteller Wacker macht der Bahnstreik Arbeit. „Es gibt einzelne Ausfälle oder Verspätungen, aber auf unsere Produktion hat der Streik keine Auswirkungen“, sagte ein Sprecher.

          Alternativen zur Deutschen Bahn

          Auch Wacker setzt nicht nur auf die Bahn, sondern arbeitet auch mit privaten Anbietern. Im Vorfeld des Streiks habe Wacker die Vorräte hochgefahren, aber auch andere Maßnahmen ergriffen, etwa den Transport zwischen den Werken größtenteils auf die Straße verlegt. Ein ähnliches Bild zeichnen die von der F.A.Z befragten Stahlunternehmen. „Die Auswirkungen halten sich im Rahmen“, heißt es bei der Stahlholding Saar, deren Unternehmen Saarstahl und Dillinger Hütte ebenfalls auf Schienentransporte angewiesen ist. Die Schwesterunternehmen setzen teilweise ebenfalls auf die private Konkurrenz der Bahn. Zudem finde man immer auch Lösungen mit der Bahn selbst, heißt es. Wichtige Kunden wie die Stahlindustrie werden von der Bahn in Streiktagen offenbar nicht hängen gelassen. Die Bahn verändere dann ihre Prioritäten.

          Auch die Stahllogistik von ThyssenKrupp ist nach Aussagen eines Sprechers ohne größere Folgen durch die neue Streikphase gekommen: „Nach aktuellem Stand verzeichnen wir einzelne verspätete und verzögerte Transporte und einige Ausfälle. Produktion und Kundenversand sind nicht nachhaltig beeinträchtigt.“ Der Bahnstreik trifft auch die Deutsche Post nicht mit voller Wucht. „Paketzüge“ seien zwar von dem Ausstand betroffen, sagte ein Sprecher. Die Sendungen würden auf die Straße verlagert. „Dadurch sind für unsere Kunden nur geringe Auswirkungen zu erwarten“. Selbst ohne Streiks liegt der Anteil der auf der Schiene transportierten Pakete bisher nur bei rund zwei Prozent. Im Zuge ihrer Klimaschutzstrategie will die Post diesen Anteil jedoch zunächst verdreifachen und langfristig sogar auf 20 Prozent erhöhen.

          Der Maschinenbauverband VDMA weiß schon von vorangegangenen Bahnstreiks, dass seine Mitgliedsunternehmen weniger auf die Bahn und mehr auf LKW-Transporte angewiesen sind. Abgesehen davon sei derzeit schwer zu ermitteln, ob Lieferungen ausbleiben, weil sie auf See, in einem Hafen oder aufgrund des Bahnstreiks feststeckten, heißt es. Vielmehr treibt die Branche um, ob die Bahnfahrer unter ihren rund eine Million Beschäftigten pünktlich zur Arbeit kommen.

          Bis 2030 sollen nach dem Willen der Bundesregierung eigentlich 25 Prozent aller Güter auf der Schiene transportiert werden. Im Vorjahr ist der Anteil von 19 Prozent auf 17,5 Prozent aber sogar wieder gesunken. Die im Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) zusammengeschlossenen privaten Bahnen, die nach eigenen Angaben schon fast 60 Prozent der Güterverkehre fahren, zeigte sich denn auch verärgert über das vom BDI vor dem Streik gemalte, düstere Szenario. Die Güterbahnen sichern die Versorgung von Industrie und Handel wie an allen Tagen, schrieb der NEE-Vorstandsvorsitzende Ludolf Kerkeling dem BDI. 60 Prozent des deutschen Schienengüterverkehrs werde nicht bestreikt, dieser Verkehr laufe planmäßig, zudem hätten die Privaten „vereinzelt“ Leistungen für DB Cargo übernommen.

          Auch der Bundesverband Spedition und Logistik verzichtet auf Häme und verweist auf die Zuverlässigkeit der bestehenden Infrastruktur. „Die Logistik ist in der Lage, auf Störungen in der Lieferkette auch kurzfristig zu reagieren“, sagt Geschäftsführer Niels Beuck. Bei Einzelwagenverkehren allerdings, also Zügen aus Waggons unterschiedlicher Unternehmen, spiele DB Cargo weiterhin eine dominierende Rolle – dort sei der Umstieg auf private Anbieter schwieriger. Die größte Gefahr sehe er aber beim potenziellen Vertrauensverlust für diesen Verkehrsträger und der damit dauerhaften Rückverlagerung von Gütern von der Schiene auf die Straße.

          Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Logistik-Spitzenverbandes BGL sagte, die Straße könne Transporte in Teilen übernehmen. Insgesamt stünden durch die hohe Transportnachfrage aber nur geringe freie Lkw-Kapazitäten zur Verfügung. Vor dem Hintergrund des Streiks zeige sich erneut die Notwendigkeit einer engen Verzahnung und reibungslosen Zusammenarbeit aller Verkehrsträger.

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