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Schwarzgruppe : Die Lidl-Gruppe knackt die 100-Milliarden-Marke

Ballone hängen an einer Lidl-Filiale im Schweizer St. Gallen. Bild: dpa

Sogar das Problemkind Kaufland liefert bessere Ergebnisse. Bei der Neuordnung der Führungsspitze kommt überraschend eine 28 Jahre alte Frau zum Zug.

          Klaus Gehrig sei nie zufrieden. Der 70 Jahre alte Komplementär der Schwarz Gruppe hinterfragt jedes Ergebnis, sei es noch so gut. „Es geht immer noch ein bisschen besser“, sagt Gehrig. Dabei gebe es für den größten Handelskonzern Europas genug Gründe zum Feiern: Erstmals hat die Schwarz-Gruppe die Umsatzmarke von 100 Milliarden Euro überschritten. So erzielte der Handelskonzern im Geschäftsjahr 2018/2019 einen Umsatz (netto) von 104,3 Milliarden Euro Umsatz – rund 7,4 Prozent mehr als im vorherigen Geschäftsjahr. Das gab der Konzern am Montag bekannt. Davon erwirtschaftete Lidl den größten Teil mit 81,2 Milliarden (Umsatzplus von 8,8 Prozent). Auch das Problemkind Kaufland legte mit dem Umsatz um 1,6 Prozent zu – und damit stärker als der Markt. „Mit Kaufland haben wir das Tal der Tränen noch nicht durchschritten, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt Gehrig.

          Stefanie Diemand

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Für den Komplementär ist das aber kein Grund, den eingeschlagenen Weg beizubehalten. Für das nächste Jahr plant das Unternehmen einen Umsatz von rund 110 Milliarden Euro. Um das zu erreichen, sollen auch Lidl und Kaufland näher aneinander rücken. Bisher agierten beide Unternehmen vorwiegend eigenständig. Die IT sei schon zusammengefasst worden. Für Kaufland kündigt Gehrig für die Zukunft neue Strukturen an. Wie diese genau aussehen könnten, gibt er nicht bekannt. Jedoch könnte der einzelne Filialleiter mehr Kompetenzen bekommen, um so individueller die Läden gestalten zu können.

          Einiges an Kraft koste auch die Expansion ins Ausland. Heute wachse die Schwarz-Gruppe dort schneller als die Konkurrenz. So generiere Lidl in Amerika mehr Umsatz als beispielsweise Erzrivale Aldi. Gehrig führt das hauptsächlich auf die Leistungskultur im Unternehmen zurück. „Wenn wir im Ausland nur einen Hauch der schwäbischen Kultur rüberbringen, haben wir schon einen Wettbewerbsvorteil.“

          Aufräumen mit den Gerüchten über die Nachfolge

          Das Wachstum im Ausland ist für die deutschen Einzelhandelsunternehmen entscheidend: Sowohl Lidl als auch Erzfeind Aldi kämpfen in Deutschland erbittert um Kunden. Der Markt ist weitgehend gesättigt, das Filialnetz ausgebaut. Neue Geschäfte sind fast nur noch fernab der deutschen Grenzen möglich. Das weiß Gehrig, der in der Branche als enorm durchsetzungsfähig gilt. In Australien will die Gruppe nun ausschließlich mit Kaufland expandieren, rund 20 Geschäfte seien schon genehmigt. Bis auf Serbien würde die Schwarz-Gruppe in allen 30 Ländern schwarze Zahlen schreiben.

          Während in anderen Handelsunternehmen das ein Grund zur Freude wäre, bleibt der Chef der Schwarz-Gruppe nüchtern. „Selbst bei guten Zahlen ist immer noch Luft nach oben“, sagt er. Auch das Marktumfeld dürfe man nicht unterschätzen. Denn der Preiskampf mit Konkurrenten wie Erzrivale Aldi mache auch Lidl zu schaffen. „Billiger geht gar nicht mehr“, sagt Gehrig. Als Handelsunternehmen müsse man in der Lage sein mitzuspielen. Spielraum gebe es beim Preis jedoch nicht mehr.

          Um weitere Kundengruppen zu erschließen, versucht man es bei Lidl und Kaufland daher mit Regionalität und Bio-Lebensmitteln. Allzu weit entfernt sich der Konzern aus Neckarsulm jedoch nicht vom Discounter-Prinzip. „Der Kunde kauft anders ein als er redet“, sagt Gehrig mit Blick auf die Bedeutung des niedrigen Preises beim Einkauf. Am Ende zähle im Handelsunternehmen vor allem eines: das Ergebnis.

          Damit das auch in Zukunft gelingt, ordnet die Schwarzgruppe die Führungsspitze neu: So sollen im Top-Management mehr Stellvertreter eingesetzt werden. Den Anfang machte Gehrig selbst und ernennte den 47 Jahre alten Gerd Chrzanowski zu seinem Stellvertreter. Zuletzt arbeitete Chrzanowski als Vorstand für die „Zentralen Dienste“. Die überraschendere Personalie war jedoch der Aufstieg der 28-jährigen Melanie Köhler in die oberste Führungsriege. Köhler begann ihre Karriere mit einem dualen Studium bei Lidl. Sie gilt als rechte Hand Gehrigs, leitet den Bereich der Internen Prüfung und Beratung und steigt als Gesellschafterin im Unternehmen auf.

          Obwohl die Schwarz-Gruppe jüngst einen Beirat mit Top-Managern gründete, bleibt das Imperium weiterhin in der Hand des 70 Jahre alten Komplementärs – der auch mit den Gerüchten um seine Nachfolge aufräumt „Gerd Chrzanowski ist mein Stellvertreter, aber nicht automatisch stellvertretender Komplementär“, sagt Gehrig. Chrzanowski galt in jüngster Zeit als möglicher Nachfolger. „Ich habe unseren Inhaber versprochen einen Nachfolger mindestens zwei Jahre einzuarbeiten“, sagt Gehrig. Dafür sei aber noch Zeit bis er 75 Jahre alt ist.

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