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Kommentar zur Ladenruhe : Panik an Heiligabend

Wenn plötzlich noch Geschenke unter dem Weihnachtsbaum fehlen, kann auch dieses Problem normalerweise an Heiligabend behoben werden. Bild: dpa

Was tun, wenn an Heiligabend zu wenig Kartoffeln im Haus sind? In diesem Jahr könnte das für viele Menschen tatsächlich zum Problem werden. Dabei ergibt die Ladenruhe an Heiligabend nur wenig Sinn.

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          Weihnachten ist ein durch und durch kommerzialisiertes Fest. Dass diese Erkenntnis auch (grob geschätzt) 2017 Jahre nach Christi Geburt noch auf Ablehnung stößt, ist vielleicht ein wenig weltfremd, aber nicht unsympathisch. Man kann ja schließlich gleichzeitig etwas ablehnen und trotzdem tun. Wie elegant, geradezu unauffällig das geht, zeigt jeder SUV, der vor einem Bioladen parkt. Und natürlich kann man für einen vierstelligen Betrag Weihnachtsgeschenke kaufen und trotzdem Jesus Christus dafür feiern, dass er die Menschheit erlöst hat.

          Die Diskussion über die Kommerzialisierung von Weihnachten führen wir jedes Jahr so sicher wie das Gespräch über die verdauungshemmende Wirkung von Gänsebraten. Aber in diesem Jahr ist es besonders schlimm. Denn diesmal fällt der 24. Dezember auf einen Sonntag. Schon jetzt ist daher abzusehen, dass es an Heiligabend in diesem Jahr zwischen 9 und 13 Uhr verdammt still wird in den Straßen – und dafür womöglich umso lauter in den heimeligen Stuben, wenn die Erkenntnis reift, dass wichtige Zutaten für das Festmahl vergessen und zentrale Familienmitglieder nicht bedacht wurden. In anderen Jahren konnte man in diesen Zeitraum noch schnell Abhilfe schaffen. Dann strebte man unter dem Vorwand eines besinnlichkeitsfördernden Spaziergangs beherzt in die Innenstadt, freute sich an allen ähnlich funktionierenden Zeitgenossen (beileibe nicht nur die Zerstreuten und Unorganisierten) und kehrte dann heim mit der Gewissheit, das Schlimmste abgewendet zu haben. Besser kann man nicht in zweieinhalb Tage Familienidylle starten.

          Bloß Heiligabend nicht entehren

          Deshalb ist es nur folgerichtig, dass es dem Einzelhandel – zumindest in einigen Bundesländern – erlaubt ist, auch in diesem Jahr an dieser schönen Tradition festzuhalten. Es ist ja nicht zu erwarten, dass der anstehende „Panic Saturday“ am 23. Dezember alle offenen Wünsche befriedigen kann. Es ist vielmehr geradezu unmöglich, den notwendigen Druck der „letzten Minute“ schon am 23. Dezember zu erzeugen. Das weiß jeder, der schon einmal eine Frist künstlich nach vorne gelegt hat, um sich selbst zu einer zügigen Erledigung zu animieren. Es wird nicht gelingen. Und am Ende siegt der Frust.

          Die Reaktion auf den konstruktiven Vorschlag, die Läden am 24. 12. vormittags zu öffnen, fiel erwartungsgemäß heftig aus. Ein verkaufsoffener Sonntag an Weihnachten wäre schließlich ein doppelter Schlag ins christliche Kontor einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Sowohl der Sonntag als auch der Abend von Christi Geburt wären entweiht, heißt es. Selbst große Einzelhandelsketten wir Aldi und Lidl knickten angesichts dessen schon ein.

          Die Deutschen lieben die Ladenruhe

          Da hilft auch nicht der dezent vorgebrachte Einwand, dass es Deutschland mit seiner Wertschätzung für den 24. Dezember vielleicht etwas übertreibt, weil das eigentliche Fest nun einmal am 25. Dezember gefeiert wird. (Deshalb taugt Heiligabend ja auch nur zu einem halben Feiertag, anders als etwa Fronleichnam. Das ist, nebenbei bemerkt, der große Vorteil der Terminierung in diesem Jahr: Kein Arbeitnehmer muss sich einen halben Tag Urlaub nehmen, ohne zu wissen, was man denn sinnvollerweise mit der anderen Hälfte tut, außer sie an Silvester zu verbraten, was in diesem Jahr ebenfalls zwangsläufig wegfällt.)

          All dies wird nicht verfangen. Die Deutschen lieben nun einmal die Ladenruhe am Sonntag und damit gezwungenermaßen auch am Vormittag vor dem diesjährigen Weihnachtsfest. Man kann nur hoffen, dass die Umfragen zu diesem Thema, in der sich die klare Mehrheit für geschlossene Läden am 24. Dezember ausgesprochen hat, eine höhere Trefferquote haben als die Wahlumfragen in jüngster Zeit. Jedenfalls soll sich bitte niemand im Nachhinein darüber beschweren, dass das Fest diesmal weniger besinnlich und friedfertig war als in den vergangenen Jahren.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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