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Krise in der Autobranche : Weniger Schichten, weniger Geld, weniger Führungskräfte

Beim Autozulieferer Bosch wurden schon 2500 Stellen eingespart. Nun stehen weitere 3300 Arbeitsplätze zur Disposition. Bild: dpa

Die Betriebsräte der Autobranche im Südwesten verbuchen inzwischen Sparpläne im Wochen-Rhythmus. Sie beklagen, die Haltung der Unternehmen gegenüber der Belegschaft habe sich gewandelt.

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          Die einzelnen Nachrichten wirken oft gar nicht so bedeutend, aber sie kommen in immer kürzeren Abständen. Von gut 150 Unternehmen kenne man mittlerweile intensive Sparprogramme mit Kurzarbeit und Personalabbau, berichtete Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger bei einer Pressekonferenz in Stuttgart. Die IG Metall und Betriebsräte der Autohersteller und Zulieferer im Südwesten sind beunruhigt, zumal die Pläne oft kurzfristig und unkommentiert bekanntwerden.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Dass Audi die Nachtschicht in Neckarsulm von April an komplett streicht, ist so ein Beispiel. 250 der 17.000 Mitarbeiter am Standort sind betroffen. Berichtet hat darüber zuerst die „Heilbronner Stimme“; das Unternehmen erklärt knapp: „Das Marktumfeld macht eine Anpassung in der A6/A7-Fertigung notwendig.“ Oder die Salamitaktik, von der Betriebsratschef Hartwig Geisel von Bosch berichtet: „Bosch ist sehr planvoll, aber kommuniziert wird nicht. Wir vom Betriebsrat haben auch keinen Überblick.“ Geisel hat daher selbst den Kontakt zu jedem der 30 Bosch-Standorte aus der Autosparte gesucht und ahnt seither, dass weitere schlechte Nachrichten kommen werden.

          Nachdem schon 2500 Stellen eingespart wurden, stehen nun weitere 3300 Arbeitsplätze zur Disposition. Besonders hart getroffen ist der Entwicklungsbereich in Feuerbach und Schwieberdingen, wo 1600 Stellen gestrichen werden sollen, „hochqualifizierte Ingenieure, 20 Prozent der Belegschaft innerhalb von zwei Jahren“, skizzierte Geisel die Lage. Und: Jede fünfte Führungskraft soll eingespart werden in jenen Bereichen, wo es um Produkte für Autos mit Verbrennermotor geht.

          IG-Metall plant Großdemonstration

          Was den Bosch-Betriebsratschef besonders beunruhigt, ist aber die Tatsache, wie sich die Haltung des Unternehmens gegenüber der Belegschaft gewandelt hat. „Wir müssen schauen, wie wir das gemeinsam hinkriegen“, sei die Ansage in der Krise von 2008/2009 gewesen. Jetzt zeige Bosch plötzlich eine „knallharte Renditeorientierung“, sagt Geisel. „Das macht das Leben so schwer. Wir wollen ein Bekenntnis zur Belegschaft.“ An der Renditeorientierung stört sich auch Michael Häberle, der als Betriebsratschef am Mercedes-Stammsitz Untertürkheim um die Produktion des elektrischen Antriebsstrangs (EATS) für die künftigen Elektromodelle kämpft: „Die aktuelle finanzielle Lage scheint die Weitsicht unseres Vorstands zu trüben“, lautet seine Einschätzung.

          Die IG Metall fürchtet, dass solches Verhalten von namhaften Unternehmen der Branche stilbildend sein könnte. Noch bevor die notwendige Transformation der Autoindustrie überhaupt angegangen werde, komme es zu Personalabbau und Eingriffen in soziale Bedingungen, berichtete IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger aus einer Erhebung in den Gewerkschaftsbezirken. „Wir erwarten betriebliche Transformationsvereinbarungen mit Sicherheit für die Standorte.

          Nur dann haben die Unternehmen uns als Verbündete“, warnte der Gewerkschafter: „Wenn das, was in den letzten zehn guten Jahren verdient wurde, aus dem Kamin rausgeblasen wird, dann gibt es keine Zugeständnisse.“ Mit diesem Satz reagierte Zitzelsberger unter anderem auf einen Bericht über die Dividendenpolitik beim badischen Autozulieferer PWO. Dort seien in den vergangenen Jahren oft 90 oder gar 100 Prozent des Gewinns an die Aktionäre ausgeschüttet worden, so Stefan Klemenz, stellvertretender PWO-Betriebsratschef.

          Die Sicherheit für die Beschäftigten im bevorstehenden Wandel werde als Forderung auch bei den Tarifverhandlungen 2020 eine Rolle spielen, kündigte IG-Metall-Bezirksleiter Zitzelsberger an. Mit einer Großdemonstration am 22. November auf dem Stuttgarter Schlossplatz will die Gewerkschaft die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen. Auch die Politik sei gefordert, sagte Zitzelsberger: „Auch Ministerpräsident Kretschmann soll eine klare Sprache sprechen.“

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