https://www.faz.net/-gqe-8100a

Zoopalast Berlin : Es gibt wieder Schlangen an der Kinokasse

Der Blick auf den Berliner Zoo-Palast. Bild: Jens Gyarmaty

Kaum eine Branche hat durch technischen Fortschritt so viel Konkurrenz bekommen wie das Kino. Trotzdem ist es nicht totzukriegen.

          7 Min.

          Die ersten kamen einen Tag zu früh. Ganz vorne in der Reihe wollten sie stehen, um ja nichts zu verpassen. In einer eisigen Februarnacht lungerten sie schlotternd vor dem Berliner Kino Zoo-Palast und warteten auf die Weltpremiere von „Fifty Shades of Grey“. Dass sowohl die Buch-Trilogie als auch der Film zuvor von den Feuilletons als Hausfrauenporno verrissen wurden, konnte sie nicht schrecken. Die Fans, fast ausschließlich junge Frauen, wurden für ihre Geduld fürstlich belohnt: Zwanzig Stunden später stolzierten die Hauptdarsteller zur Premiere über den roten Teppich direkt ins legendäre Ku’damm-Kino. Und der Film hielt, was das Buch versprach: schöne Menschen und ausgefallene Sexpraktiken. Mehr muss es manchmal gar nicht sein.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Die Kino-Geschichte ist voll von solch hysterischen Momenten, meist allerdings ausgelöst von anspruchsvolleren Streifen. Reifere Semester erinnern sich noch an den Ansturm, den der „Graf von Monte Christo“ Mitte der fünfziger Jahre auslöste. Es war die goldene Zeit des Kinos, als es noch nicht viele andere Arten der Zerstreuung gab.

          Das ist schon lange vorbei. Inzwischen steht in den meisten deutschen Haushalten mindestens ein Flachbildschirm und ein DVD-Player. Das Internet bietet eine schier unübersehbare Fülle von Filmen, abrufbar zu jeder Zeit. Kaum eine andere Branche hatte in den Nachkriegsjahren so früh, so heftig mit so vielen Veränderungen zu kämpfen wie das Kino: Jede technische Neuerung bedeutete einen neuen Einbruch. Die vergangenen sechzig Jahre: ein einziger Strukturwandel. Und trotzdem gibt es sie noch, die Schlangen vor der Kinokasse und die ausverkauften Vorstellungen. Warum gehen die Menschen überhaupt noch ins Kino?

          Einer, der es wissen muss, ist Hans-Joachim Flebbe. Der 63 Jahre alte Unternehmer ist in den vergangenen vierzig Jahren so fulminant aufgestiegen und so dramatisch abgestürzt wie kein anderer. Jetzt ist er wieder da: mit wahren Luxus-Tempeln, die wieder Menschen in die Lichtspielhäuser bringen sollen, selbst wenn sie schon seit Jahren nicht mehr drin waren, womöglich schon seit dem Ende der Wochenschauen.

          Der Zoo-Palast gehört ihm, außerdem die Astor Film Lounges in Berlin, Frankfurt, Köln und München. Sie bieten alles, was es zu Hause vor dem Flachbildschirm nicht gibt: breite Leder-Sessel und Bedienung am Platz, Fingerfood und Champagner. Für die Nostalgiker gibt es Wolken-Vorhänge und Plüschteppich. 6,5 Millionen Euro hat der Umbau gekostet. Der Zoo-Palast verströmt noch immer das Flair der fünfziger Jahre. Die Reminiszenz an die goldenen Jahre des Kinos ist Programm.

          10,50 Euro für eine Karte im breiten Sessel

          Entspannt zurückgelehnt fläzt Flebbe jetzt in Berlins größtem Kinosaal mit seinen 800 Sitzen. „Bei uns sitzen Sie überall bequem“, sagt er zufrieden. „Da muss keiner meckern.“ Von den einstmals 1200 Sitzen hat er 400 entfernen lassen, des Komforts wegen. Jetzt sind die Ledersessel so breit, dass er die Ellenbogen des Nachbarn nicht berühren muss. Das hat seinen Preis: 10,50 Euro kostet eine Karte im Parkett, zwei Euro mehr in der Loge.

          Nervös wird Flebbe allerdings, wenn der Ton nicht stimmt. Oder noch schlimmer: Wenn der Typ vor ihm an seinem Handy rumfummelt. Wer während des Filmes wiederholt telefoniert, fliegt aus dem Kino. Die Zustimmung der anderen Kinobesucher ist ihm gewiss, sagt Flebbe: „Die Besucher klatschen, wenn unsere Saalkontrolleure die Handynutzer ermahnen.“

          Blick auf die Kinosessel im Zoo-Palast - ein unter den Auflagen des Denkmalschutzes renoviertes Kino im Stil der Fünfziger Jahre Bilderstrecke

          Flebbe hat klein angefangen. Sehr klein. Eigentlich war er nicht mehr als ein frustrierter Kinogänger, als er 1973 in dem kleinen Hannoveraner Apollo-Kino vorstellig wurde. Filme nach seinem Geschmack wollte er zeigen, „2001: Odyssee im Weltraum“ oder „Easy Rider“. Der Kinobetreiber hatte schon resigniert und ließ ihn walten. Der Erfolg überraschte alle. Erst kamen 100 Besucher in der Woche, dann 300 am Tag. Trotzdem hatte Flebbe eigentlich anderes im Sinn, als professionell ins Kino einzusteigen. „Die Branche war damals auch schon auf dem absteigenden Ast“, witzelt Flebbe.

          „Sind wir kinomüde“ fragte die F.A.Z. 1950

          Dazu muss man wissen: Die Kinobranche war noch nie mit großer Zuversicht gesegnet. Ein Problem dürfte sein, dass sie schon immer zwischen Baum und Borke stand. „Einerseits ist der Film eine Investition, die sich lohnen soll. Andererseits ist er Kulturgut. Das macht es so kompliziert,“ sagt Johanna Süß, die im Vorstand der Hessischen Film- und Kinobüros sitzt und als stellvertretende Festivalleiterin des Lichter Filmfests die Mühen der Kinobranche kennt. Noch dazu kam das Kino schlicht zu spät, um als klassische Kulturform zu gelten - und damit in den Genuss üppiger Förderung zu kommen.

          Schon seit Jahrzehnten ist das Kino deshalb vermeintlich dem Untergang geweiht, zu erdrückend ist die Konkurrenz von allen Seiten. „Ist unsere Zeit schon kinomüde?“, fragte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das war 1950. Als große „Kinofeinde“ galten damals die „Verarmung der Massen“ und das „Fußball-Toto“. „Der ,kleine Mann‘“, so schrieb der Redakteur, „trägt die wenigen Mark, die ihm zur Verfügung bleiben (oft vom Munde abgespart) vielfach zum Fußball-Toto.“ Das führe in den Familien häufig zu Krach, schließlich hätten die Frauen das wenige Geld „lieber ins Kino oder zu einem Stück Torte ins Café getragen“.

          Das war kurz bevor die Branche ihren Boom erlebte, Mitte der fünfziger Jahre. In der ganzen Republik wurden Filmpaläste aus dem Boden gestampft. Aus dieser Zeit stammt auch der legendäre Zoo-Palast, wohl das bekannteste Lichtspieltheater Deutschlands. In Großstädten wie Frankfurt gingen die Menschen durchschnittlich 25 Mal im Jahr ins Kino, Säuglinge und Greise mit eingerechnet. Sechzig Jahre später sind es gerade noch 1,5 Mal.

          Hinter Cinemaxx und Co. stand Hans-Joachim Flebbe

          Konkurrenz machte dem Kino nicht zuletzt das Fernsehen, das sich in den sechziger Jahren in den Privathaushalten verbreitete. Die einst so fulminanten Zuschauerzahlen der Kinos sanken dramatisch. Dann kamen auch noch die Privatfernsehsender und setzten auf große Spielfilme. „Das war mein erstes Krisenthema“, sagt Hans-Joachim Flebbe. Trotzdem lief es für den Unternehmer anfangs prächtig. Schnell hatte er das Geld zusammen für sein eigenes Programmkino in Hannover. Einige Jahre später gehörten ihm mehr als 40 Kinos. Schon damals steckte er viel Geld in schöne Sessel, ein nettes Ambiente. Aber bei den Renovierungen stieß er immer wieder an Grenzen. Eigentlich wollte er etwas ganz anderes.

          Flebbe war der Erste, der das Kino in Deutschland zu einer Massenware machte. 1991 eröffnete in Hannover das Cinemaxx. Zehn große Kinosäle, Platz für 3200 Besucher. Dazu Popcorn, Nachos, Parkplätze und ein großes Foyer. „Das war megaerfolgreich“, sagt Flebbe. Allein in Hannover hatte er 1,8 Millionen Besucher im Jahr. „Es war eigentlich immer voll.“ Die Multiplex-Kinos wurden damit zum Schrecken der alteingesessenen Kinobetreiber. Im Jahr 2000 gab es schon 34 Cinemaxx-Kinos in 29 Städten.

          Es gab viele Gründe, warum der Unternehmer damit schließlich dennoch scheiterte. „Ich habe Fehler gemacht und zu schnell expandiert“, räumt Flebbe ein. „Aber ich hatte auch nie eine vertrauensvolle Bank an der Seite.“ Die Kultur gilt in Finanzkreisen ohnehin eher als Liebhaberei denn als lukrative Investition. „Die Banker wollen immer zuerst wissen, was man mit dem Gebäude machen kann, wenn das Kino scheitert. Diese Frage verfolgt mich seit den achtziger Jahren.“ Völlig verrückt findet Flebbe das zwar, doch den Plan B kann er im Schlaf herunterleiern: Man plant die Säle eben so, dass die Schrägen mit den Sitzen herausgenommen werden können. Dann kann eine zweite Ebene für Büros eingezogen werden. So schnell kann man Kinos plattmachen, wenn sie sich nicht rentieren.

          Zweistellige Zuwachszahlen mit den Luxus-Kinos

          Flebbe geriet mit Cinemaxx ins Straucheln. Die Expansion war zu teuer, die Besucherzahlen konnten nicht mithalten. Irgendwo zwischen Popcorn und Cola war das große Kinoerlebnis auf der Strecke geblieben, besonders die älteren Zuschauer wandten sich angewidert ab. Solche Durststrecken mögen Betreiber kleinerer Kinos eine Zeitlang aushalten. Doch in einer Aktiengesellschaft wie Cinemaxx gelten andere Regeln. 2008 musste Hans-Joachim Flebbe gehen.

          Das scheint für ihn ein heilsamer Schock gewesen zu sein. Seitdem verfolgt er mit dem Zoo-Palast und seinen Astor-Lounges den glatten Gegenentwurf zum Multiplex. Er setzt auf das reifere Publikum, bietet Garderoben für die Mäntel und einen Begrüßungscocktail. Und im großen Saal des Zoo-Palastes eine aufwendige Licht- und Musikschau, damit die 90 Lautsprecher auch ordentlich zur Geltung kommen. Ein Tänzer tanzt unter einer Wasserwand zu einem Song von Frank Sinatra.

          Das Signal ist eindeutig: Flebbe jagt jetzt nicht mehr den jüngeren Zuschauern nach. Jetzt gerät er in Verzückung, wenn ein Trupp Grauhaariger in die Nachmittagsvorstellung des Alzheimerdramas „Honig im Kopf“ drängelt. Die gönnen sich dabei auch etwas Fingerfood und vielleicht ein Glas Wein. Zahlen veröffentlicht Flebbe nicht. Aber er habe zweistellige Zuwachsraten, sagt er.

          Es muss Event-Charakter haben

          Das Geheimnis des Kinos ist, dass es für die Kinogänger schon immer ein Erlebnis war. Die Betreiber müssen sich heutzutage nur mehr einfallen lassen als in den Jahren, als der dunkle Saal und die große Leinwand dafür schon genügten. Open-Air-Kinos, Live-Übertragungen aus dem Shakespeare-Theater in England und der New Yorker Met, ein Sechs-Gänge-Dinner vor laufender Leinwand - dafür strömen die Menschen in Scharen ins Kino. Das gilt heute mehr denn je. Jetzt warten die Filme nämlich auch noch mit Effekten auf, von denen die Betreiber lange Zeit nur träumen konnten - und dafür können sie auch satte Eintrittspreise verlangen. So kann die Branche auch mit geringeren Besucherzahlen leben.

          Möglich wurde das durch die größte technische Veränderung, die das Kino in seiner über hundertjährigen Geschichte durchgemacht hat: die Digitalisierung. „Das war der größte Einschnitt in der Filmgeschichte seit der ersten Filmvorführung im Pariser Grand Cáfé 1895“, sagt Klaus-Peter Roth, der Betreiber des Filmforums Höchst. „Größer noch als die Wandlung vom Stumm- zum Tonfilm.“

          Seit Filmemacher mit handlichen Digitalkameras ohne viel Aufwand geradezu endlos filmen können, habe sich die Ästhetik grundlegend geändert. Das zeigt sich nicht nur an den unzähligen 3D-Filmen, mit denen viele Produzenten ihre Zuschauer beglücken. Viel umfassender ist die Veränderung jedoch in den Vorführräumen der deutschen Kinos. „An den Filmrollen haben wir uns die Rücken krumm getragen“, berichtet Roth. 80 Kilogramm wog so eine Filmrolle. Jetzt werden die Filme via Internet übertragen.

          Wie stehen die Leute wieder Schlange?

          Von der neuen Sucht nach allem, was Eventcharakter hat, profitieren auch Dutzende von Filmfestivals, die jedes Jahr in Deutschland stattfinden. Die Berlinale ist mit knapp einer halben Million Besuchern das größte Publikumsfestival der Welt.

          Daneben gibt es viele teils hochspezialisierte Festivals, die Filme zeigen, die noch nicht einmal im Internet zu finden sind. „Festivals werden von Jahr zu Jahr erfolgreicher, die Popularität nimmt stetig zu“, sagt Gregor Maria Schubert, der Festivaldirektor des Lichter Filmfests, das zum achten Mal in Frankfurt stattfindet. 50 Filme aus 26 Ländern zu zeigen, das allein reicht dabei nicht mehr.

          Nebenbei bieten die Veranstalter in diesem Jahr auch noch eine internationale Filmreihe zum Thema Geld mit Vorträgen, Gesprächsrunden, Partys und Kunstperformances. „Wir profitieren in gewisser Weise von der Eventisierung“, sagt Schubert. „Es ist ein absoluter Mehrwert, den Regisseur und einige Schauspieler vor Ort zu haben.“ Dann stehen die Leute auch wieder Schlange.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump am Mount Rushmore : Alles auf eine Karte

          Fehlende Empathie oder eiskaltes Kalkül? Amerikas Präsident stempelt die Black-Lives-Matter-Bewegung zur linksfaschistischen Gefahr ab. Bang muss man fragen, wozu er sich angesichts schlechter Umfragewerte noch hinreißen lässt.
          Commerzbank-Finanzvorstand Bettina Orlopp und der bisherige Vorstandschef Martin Zielke

          Commerzbank-Spitze gibt auf : Wird es eine Chefin?

          Die Chefs des Vorstands und des Aufsichtsrats beugen sich der Kritik der Aktionäre, auch der deutsche Staat ist unzufrieden. Mitten im Umbau lassen sie die Commerzbank führungslos zurück. Die Suche nach den Nachfolgern beginnt.

          FC Bayern im DFB-Pokalfinale : Leise Abschiedsstimmung bei Boateng

          Beim Pokalfinale 2019 saß er mit versteinerter Miene auf der Bank und sollte den FC Bayern verlassen. Jérôme Boateng blieb und wurde der große Gewinner der Saison. Nun aber gibt es einige Indizien, die für einen Abgang sprechen.
          Das jüdische Leben in Deutschland hat sich gewandelt: Bild vom Richtfest eines jüdischen Campus in Berlin

          Jüdische Studien : Wir stören

          Nach Jahren der Öffnung und Blüte sind die Jüdischen Studien heute wieder Zielscheibe des Antisemitismus. Beobachtungen zu ihrer kurzen Geschichte in Deutschland. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.