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Zoopalast Berlin : Es gibt wieder Schlangen an der Kinokasse

Zweistellige Zuwachszahlen mit den Luxus-Kinos

Flebbe geriet mit Cinemaxx ins Straucheln. Die Expansion war zu teuer, die Besucherzahlen konnten nicht mithalten. Irgendwo zwischen Popcorn und Cola war das große Kinoerlebnis auf der Strecke geblieben, besonders die älteren Zuschauer wandten sich angewidert ab. Solche Durststrecken mögen Betreiber kleinerer Kinos eine Zeitlang aushalten. Doch in einer Aktiengesellschaft wie Cinemaxx gelten andere Regeln. 2008 musste Hans-Joachim Flebbe gehen.

Das scheint für ihn ein heilsamer Schock gewesen zu sein. Seitdem verfolgt er mit dem Zoo-Palast und seinen Astor-Lounges den glatten Gegenentwurf zum Multiplex. Er setzt auf das reifere Publikum, bietet Garderoben für die Mäntel und einen Begrüßungscocktail. Und im großen Saal des Zoo-Palastes eine aufwendige Licht- und Musikschau, damit die 90 Lautsprecher auch ordentlich zur Geltung kommen. Ein Tänzer tanzt unter einer Wasserwand zu einem Song von Frank Sinatra.

Das Signal ist eindeutig: Flebbe jagt jetzt nicht mehr den jüngeren Zuschauern nach. Jetzt gerät er in Verzückung, wenn ein Trupp Grauhaariger in die Nachmittagsvorstellung des Alzheimerdramas „Honig im Kopf“ drängelt. Die gönnen sich dabei auch etwas Fingerfood und vielleicht ein Glas Wein. Zahlen veröffentlicht Flebbe nicht. Aber er habe zweistellige Zuwachsraten, sagt er.

Es muss Event-Charakter haben

Das Geheimnis des Kinos ist, dass es für die Kinogänger schon immer ein Erlebnis war. Die Betreiber müssen sich heutzutage nur mehr einfallen lassen als in den Jahren, als der dunkle Saal und die große Leinwand dafür schon genügten. Open-Air-Kinos, Live-Übertragungen aus dem Shakespeare-Theater in England und der New Yorker Met, ein Sechs-Gänge-Dinner vor laufender Leinwand - dafür strömen die Menschen in Scharen ins Kino. Das gilt heute mehr denn je. Jetzt warten die Filme nämlich auch noch mit Effekten auf, von denen die Betreiber lange Zeit nur träumen konnten - und dafür können sie auch satte Eintrittspreise verlangen. So kann die Branche auch mit geringeren Besucherzahlen leben.

Möglich wurde das durch die größte technische Veränderung, die das Kino in seiner über hundertjährigen Geschichte durchgemacht hat: die Digitalisierung. „Das war der größte Einschnitt in der Filmgeschichte seit der ersten Filmvorführung im Pariser Grand Cáfé 1895“, sagt Klaus-Peter Roth, der Betreiber des Filmforums Höchst. „Größer noch als die Wandlung vom Stumm- zum Tonfilm.“

Seit Filmemacher mit handlichen Digitalkameras ohne viel Aufwand geradezu endlos filmen können, habe sich die Ästhetik grundlegend geändert. Das zeigt sich nicht nur an den unzähligen 3D-Filmen, mit denen viele Produzenten ihre Zuschauer beglücken. Viel umfassender ist die Veränderung jedoch in den Vorführräumen der deutschen Kinos. „An den Filmrollen haben wir uns die Rücken krumm getragen“, berichtet Roth. 80 Kilogramm wog so eine Filmrolle. Jetzt werden die Filme via Internet übertragen.

Wie stehen die Leute wieder Schlange?

Von der neuen Sucht nach allem, was Eventcharakter hat, profitieren auch Dutzende von Filmfestivals, die jedes Jahr in Deutschland stattfinden. Die Berlinale ist mit knapp einer halben Million Besuchern das größte Publikumsfestival der Welt.

Daneben gibt es viele teils hochspezialisierte Festivals, die Filme zeigen, die noch nicht einmal im Internet zu finden sind. „Festivals werden von Jahr zu Jahr erfolgreicher, die Popularität nimmt stetig zu“, sagt Gregor Maria Schubert, der Festivaldirektor des Lichter Filmfests, das zum achten Mal in Frankfurt stattfindet. 50 Filme aus 26 Ländern zu zeigen, das allein reicht dabei nicht mehr.

Nebenbei bieten die Veranstalter in diesem Jahr auch noch eine internationale Filmreihe zum Thema Geld mit Vorträgen, Gesprächsrunden, Partys und Kunstperformances. „Wir profitieren in gewisser Weise von der Eventisierung“, sagt Schubert. „Es ist ein absoluter Mehrwert, den Regisseur und einige Schauspieler vor Ort zu haben.“ Dann stehen die Leute auch wieder Schlange.

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