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Zoopalast Berlin : Es gibt wieder Schlangen an der Kinokasse

„Sind wir kinomüde“ fragte die F.A.Z. 1950

Dazu muss man wissen: Die Kinobranche war noch nie mit großer Zuversicht gesegnet. Ein Problem dürfte sein, dass sie schon immer zwischen Baum und Borke stand. „Einerseits ist der Film eine Investition, die sich lohnen soll. Andererseits ist er Kulturgut. Das macht es so kompliziert,“ sagt Johanna Süß, die im Vorstand der Hessischen Film- und Kinobüros sitzt und als stellvertretende Festivalleiterin des Lichter Filmfests die Mühen der Kinobranche kennt. Noch dazu kam das Kino schlicht zu spät, um als klassische Kulturform zu gelten - und damit in den Genuss üppiger Förderung zu kommen.

Schon seit Jahrzehnten ist das Kino deshalb vermeintlich dem Untergang geweiht, zu erdrückend ist die Konkurrenz von allen Seiten. „Ist unsere Zeit schon kinomüde?“, fragte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Das war 1950. Als große „Kinofeinde“ galten damals die „Verarmung der Massen“ und das „Fußball-Toto“. „Der ,kleine Mann‘“, so schrieb der Redakteur, „trägt die wenigen Mark, die ihm zur Verfügung bleiben (oft vom Munde abgespart) vielfach zum Fußball-Toto.“ Das führe in den Familien häufig zu Krach, schließlich hätten die Frauen das wenige Geld „lieber ins Kino oder zu einem Stück Torte ins Café getragen“.

Das war kurz bevor die Branche ihren Boom erlebte, Mitte der fünfziger Jahre. In der ganzen Republik wurden Filmpaläste aus dem Boden gestampft. Aus dieser Zeit stammt auch der legendäre Zoo-Palast, wohl das bekannteste Lichtspieltheater Deutschlands. In Großstädten wie Frankfurt gingen die Menschen durchschnittlich 25 Mal im Jahr ins Kino, Säuglinge und Greise mit eingerechnet. Sechzig Jahre später sind es gerade noch 1,5 Mal.

Hinter Cinemaxx und Co. stand Hans-Joachim Flebbe

Konkurrenz machte dem Kino nicht zuletzt das Fernsehen, das sich in den sechziger Jahren in den Privathaushalten verbreitete. Die einst so fulminanten Zuschauerzahlen der Kinos sanken dramatisch. Dann kamen auch noch die Privatfernsehsender und setzten auf große Spielfilme. „Das war mein erstes Krisenthema“, sagt Hans-Joachim Flebbe. Trotzdem lief es für den Unternehmer anfangs prächtig. Schnell hatte er das Geld zusammen für sein eigenes Programmkino in Hannover. Einige Jahre später gehörten ihm mehr als 40 Kinos. Schon damals steckte er viel Geld in schöne Sessel, ein nettes Ambiente. Aber bei den Renovierungen stieß er immer wieder an Grenzen. Eigentlich wollte er etwas ganz anderes.

Flebbe war der Erste, der das Kino in Deutschland zu einer Massenware machte. 1991 eröffnete in Hannover das Cinemaxx. Zehn große Kinosäle, Platz für 3200 Besucher. Dazu Popcorn, Nachos, Parkplätze und ein großes Foyer. „Das war megaerfolgreich“, sagt Flebbe. Allein in Hannover hatte er 1,8 Millionen Besucher im Jahr. „Es war eigentlich immer voll.“ Die Multiplex-Kinos wurden damit zum Schrecken der alteingesessenen Kinobetreiber. Im Jahr 2000 gab es schon 34 Cinemaxx-Kinos in 29 Städten.

Es gab viele Gründe, warum der Unternehmer damit schließlich dennoch scheiterte. „Ich habe Fehler gemacht und zu schnell expandiert“, räumt Flebbe ein. „Aber ich hatte auch nie eine vertrauensvolle Bank an der Seite.“ Die Kultur gilt in Finanzkreisen ohnehin eher als Liebhaberei denn als lukrative Investition. „Die Banker wollen immer zuerst wissen, was man mit dem Gebäude machen kann, wenn das Kino scheitert. Diese Frage verfolgt mich seit den achtziger Jahren.“ Völlig verrückt findet Flebbe das zwar, doch den Plan B kann er im Schlaf herunterleiern: Man plant die Säle eben so, dass die Schrägen mit den Sitzen herausgenommen werden können. Dann kann eine zweite Ebene für Büros eingezogen werden. So schnell kann man Kinos plattmachen, wenn sie sich nicht rentieren.

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