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Die Holtzbrincks : Ein ungleiches Brüderpaar

Dieter von Holtzbrinck (l) und sein Bruder Stefan Bild: DPA (Archivbilder)

Sie kamen spät zueinander, waren zerstritten und kommen doch nicht voneinander los. Jetzt kettet die Zeitungs- und Wirtschaftskrise Dieter und Stefan von Holtzbrinck wieder aneinander.

          3 Min.

          Sie sind ein ungleiches Brüderpaar. Sie kamen spät zueinander, waren Jahre lang hoffnungslos zerstritten und kommen doch nicht voneinander los. Jetzt kettet die Zeitungs- und Wirtschaftskrise Dieter und seinen Halbbruder Stefan von Holtzbrinck sogar wieder enger aneinander, nachdem Stefan, der Jüngere, am Donnerstag bekanntgegeben hat, dem älteren Bruder die „Zeit“, das „Handelsblatt“ (nebst „Wirtschaftswoche“) und den „Tagesspiegel“ zu verkaufen.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Freiwillig passiert so etwas nicht. Als Dieter von Holtzbrinck (68) vor knapp drei Jahren sich nicht ohne Verbitterung aus dem Konzern zurückzog, ließ er sich von den beiden Geschwistern Monika und Stefan seine Anteile auszahlen mit dem Ziel, diese in eine Familienstiftung einzubringen. Von insgesamt 350 Millionen Euro, gestreckt auf zehn Jahre, ist die Rede. Er wolle „unbedingt das in Familienunternehmen so gefährliche Nicht-loslassen-Können“ vermeiden, beschönigte Dieter damals die zerrüttete Situation.

          In aller Stille und Diskretion

          Dass die Zahlungsverpflichtungen Dieter, dem jüngeren Bruder, allmählich die Luft abschnürten, liegt nicht nur an der allgemeinen Branchenkrise, sondern auch an seinem eher glücklosen Engagement mit allerlei kostspieligen Internetaktivitäten (StudiVZ, Myhammer, Parship, Zoomer.de), die er lange Zeit als Heil ausgegeben hatte. Einiges aus diesem virtuellen Reich ist inzwischen längst wieder verkauft; auch von einigen Zeitungen („Berliner Zeitung“) musste der Verlag sich trennen. Kritiker werfen Stefan vor, sich allzu wahllos im Internet bedient zu haben, anstatt spezifisch journalistische Plattformen (etwa ein Finanz- oder ein Literaturportal) aufzubauen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es bis heute noch keinem Verlag gelungen ist, im Netz dauerhaft Geld zu verdienen. Auch Stefan, der lange Zeit Zeitungen für eine aussterbende Gattung hielt, freut sich inzwischen über den bescheidenen, aber konstanten Mittelzufluss, den ihm seine Regionalzeitungen („Trierischer Volksfreund“, „Südkurier“, „Main-Post“) bescheren.

          Die Flagschiffe bleiben in der Familie: Die Titel „Handelsblatt”, „Die Zeit”, „Wirtschaftswoche” und „Tagesspiegel”

          Gleichwohl war in der Branche schon seit längerem von ernsten Liquiditätsproblemen die Rede und auch davon, dass die Banken Stefan von Holtzbrinck an seinen älteren Bruder als zunächst zuständigen Gläubiger verwiesen. Offiziell bestreiten die beiden diese Gerüchte aus verständlichen Gründen: „Wir achten darauf, dass trotz schwieriger Zeiten unser Handlungsspielraum groß genug bleibt“ sagt Stefan von Holtzbrinck. Doch Dieter, der das „Handelsblatt“ immer als sein Baby betrachtete, muss nicht wohl gewesen sein bei dem Gedanken, der kleine Bruder könne am Ende genötigt werden, einen familienfremden Anteilseigner zu suchen oder gar die „Filetstücke“ des Konzerns zu verkaufen (was freilich derzeit alles andere als leicht sein dürfte).

          So etwas hätte Dieter wohl als Verrat am Erbe seines Vaters Georg von Holtzbrinck (1909 bis 1983) deuten müssen, der 1948 den schwäbischen Verlag mit der „Stuttgarter Hausbücherei“ (später: „Deutscher Bücherbund“) gegründet hatte und den Dieter, geboren 1941, seit den siebziger Jahren zum Weltkonzern umgemodelt hat. Vor allem seine Aufbaujahre in Düsseldorf beim „Handelsblatt“ haben ihn geprägt und zum liberalen Wirtschafts- und Bildungsbürger werden lassen. Dieter hat das in aller Stille und Diskretion gemacht, stolz darauf, in seinem ganzen Leben nicht mehr als vier Interviews gegeben zu haben. Selbst in Stuttgart, zumindest damals nicht gerade als Ort glamouröser Partys bekannt, war der Verleger öffentlich kaum zu sehen. Wenn man ihn sieht, dann allenfalls beim Segeln auf dem Bodensee. Doch niemand soll wähnen, es gehe Dieter von Holtzbrinck nur um geistige Werte: Frömmigkeit und Geschäftssinn wusste der Protestantismus noch immer zu kombinieren.

          Dieter hat den Glaube an die Zukunft der Zeitung immer glaubhaft vermittelt

          Der Halbbruder Stefan, 1963 als Kind einer zweiten großen, aber geheim gehaltenen Liebe des Vaters im nordbadischen Ettlingen geboren, war erst spät in Dieters Leben getreten. Mitte der siebziger Jahre bekennt der Vater sich zu seinem unehelichen Sohn und adoptiert ihn. Die Mütter meiden sich, aber die Kinder kommen zusammen. Für den jüngeren Stefan ist der ältere Bruder der „Onkel Dieter“.

          Stefan, der bis heute jungenhaft-fahrig und mit den sympathischen Zügen eines vom Leben privilegierten Sonnenkindes auftritt, studiert Jura und Germanistik in Tübingen und München und steigt, nach Lehrjahren beim Medienunternehmer Leo Kirch, 1994 in das Familienunternehmen ein. Mit Zeitungen hat er nie etwas zu tun: Prägende Jahre verbringt er in London bei der Macmillan Group, die seit 1999 zu hundert Prozent zu Holtzbrinck gehört. Zu Macmillan gehören internationale Bildungs- und Wissenschaftsverlage, nicht zuletzt die berühmte Zeitschrift „Nature“. Kein Wunder, dass Stefan, als er 2001 den Vorsitz der Geschäftsführung übernahm, zunächst davon schwärmte, man werde in Zeiten der Globalisierung vom Bildungshunger junger Schwellenländer profitieren. Nach wie vor gelten die Verlage als Geldbringer im Konzern. Der Umsatz stagniert seit zwei Jahren bei rund 2,5 Milliarden Euro. Der Gewinn (Ebitda) ging 2008 von zuvor 221 Millionen auf 165 Millionen Euro zurück.

          Jetzt atmen erst einmal alle auf. Sogar das Klima zwischen den Geschwistern soll sich entspannt haben, berichten Freunde, nachdem eine Familienlösung gefunden wurde. Bei den Zeitungen, die jetzt wieder in Dieters Besitz sind, ist von Champagnerlaune die Rede: Während man Stefan nie über den Weg traute, hat Dieter immer glaubhaft vermittelt, dass er an die Zukunft der Zeitungen glaube. Sogar die Aussicht, dass der ehemals gefürchtete Michael Grabner, Dieters alter Vertrauter, zurückkommen könnte, schreckt die Redaktionen heute nicht mehr. In schweren Zeiten setzt man gerne auf die Bellheims.

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