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Arzneimittelkonzern : Intrigantenstada

Es gab schon ruhigere Zeiten im Hause Stada. Bild: Marcus Kaufhold

Der Arzneihersteller Stada liegt unter Beschuss: Ein streitbarer Investor hat sich eingekauft, Vorstand und Aufsichtsrat sind zerstritten - und der „ewige Chef“ Retzlaff ist weiterhin vom Dienst befreit.

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          Jetzt da halb Deutschland urlaubt, greifen wieder viele zum Sonnenschutz. Strandgänger und Wanderer schmieren oder sprayen sich ein - und stützen vielleicht den Aktienkurs von Stada. Denn das Arzneiunternehmen aus der Nähe Frankfurts stellt nicht nur Medikamente her, sondern auch Alltagsprodukte zur Körperpflege, Faltencremes etwa und die Sonnenmittel der Marke Ladival.

          Stadas Vorstandsvorsitzender Matthias Wiedenfels dürfte dem Sonnenschutz dagegen momentan wenig abgewinnen, zu knapp ist gerade seine freie Zeit. Andere Produkte aus seinem Haus könnten ihm eher zupasskommen: Stadas Varianten von Aspirin oder Ibuprofen, gegen Kopfschmerz. Denn der muss jeden Verantwortlichen plagen, der die Lage in dem M-Dax-Konzern betrachtet.

          Seit Wochen liegt Stada unter Beschuss. Ein streitbarer Investor hat sich in den Konzern eingekauft, diesen letzten der drei großen deutschen Hersteller von Nachahmerarzneien, der noch unabhängig ist, nicht aufgegangen in einem internationalen Großkonzern.

          Hinterhältig und intrigant

          Stada ist ewiger Kandidat für eine Übernahme. Oder eine Aufspaltung in zwei Unternehmen: einen Hersteller verschreibungspflichtiger Nachahmermedizin und einen Anbieter der rezeptfreien Produkte. Es bedarf nur eines Akteurs, der das vorantreibt, eines „aktivistischen Aktionärs“, nach angelsächsischem Vorbild.

          Ein solcher tritt nun auf den Plan: Active Ownership Capital (AOC) meldete im Frühjahr ein Fünf-Prozent-Paket an Stada. Was seitdem vor sich geht, ist Kopfschmerzpackungen im Dutzend wert.

          AOC tat zuerst harmlos, zeigte aber in kürzester Zeit eine ganz anderer Seite: eine hinterhältige, intrigante. Nachdem diese Zeitung über den Einstieg und die wahrscheinlichen Absichten des Investors berichtet hatte, konterte der. Über PR-Handlanger ließ er streuen, keinen Managementwechsel anzustreben. Und dann?

          AOC macht sich lächerlich

          Nur Tage vergingen, da forderte AOC, fünf der sechs Kapitalvertreter im Aufsichtsrat hinauszuwerfen; inzwischen soll gar das ganze halbe Dutzend gehen, mit der Hauptversammlung im August. Dann mahnte AOC an, den Vorstand neu zu besetzen - erst in Geheimgesprächen, dann öffentlich. Mit Wiedenfels und seinem Finanzvorstand Helmut Kraft fehle es dem Vorstand „zurzeit an Branchenkompetenz und operativer Industrieerfahrung“, sagt einer der beiden Protagonisten von AOC.

          Vollends lächerlich macht sich der Investor mit der Begründung, warum die stete Arbeit des Aufsichtsrats gewahrt sei: „Die gebotene Kontinuität im Aufsichtsrat von Stada wird künftig durch die drei erfahrenen Vertreter der Arbeitnehmerseite sichergestellt.“ Was für ein Witz: Eine extrem am Aktionärsinteresse (Shareholder Value) orientierte Investmentgesellschaft setzt in ihrem Kampf auf die Beschäftigten. Nebenbei:

          Deren Vertreter sitzen erst seit 2014 im Kontrollgremium. Zwar geriert sich der Betriebsrat traditionell überaus arbeitgeberfreundlich - so sehr, dass die Gewerkschaft IG BCE sich in der Vergangenheit schon laut darüber wunderte. Aber der 2014 gewählte Vorsitzende, der auch im Aufsichtsrat sitzt, gilt als etwas kämpferischer.

          Harsche Kritik von Aktionären

          Wenn Wiedenfels an diesem Donnerstag Halbjahreszahlen erläutert, tut er das also unter besonderen Umständen. Und er ist noch nicht einmal der reguläre Vorstandsvorsitzende. Der nämlich heißt Hartmut Retzlaff, seit 1993 die Nummer eins und über diese Ewigkeit hinweg reichlich dominant geworden. Retzlaff wurde kurz nach Beginn der AOC-Attacke vom Dienst befreit - offiziell zeitweilig, wegen Krankheit.

          In der entsprechenden Meldung nannte Stada ihn schon den „bisherigen“ Chef, Wiedenfels hat seitdem mit wenig verhüllten Andeutungen („Ich traue mir die Unternehmensführung zu“) sein neues Revier markiert. Dazu kommt, dass das Verhältnis zwischen Retzlaff und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Martin Abend seit langem gespannt ist.

          Abend muss sich außerdem von Aktionären - zu Recht - harsche Kritik anhören, weil er Retzlaffs völlig maßlose Bezüge und Pensionsansprüche zuließ. Die ersten Verträge mit dem Unternehmensleiter wurden zwar lange vor Abends Zeit geschlossen, aber der hätte den Verlängerungen Einhalt gebieten müssen.

          Zerstrittene Fronten und ein aggressiver Investor

          Wie angeschlagen Retzlaff ist, bleibt im Dunkeln. Es gibt Leute, die geschäftlich mit ihm zu tun haben und sagen, die Krankheit sei mitnichten so ernst, dass der robuste 62-Jährige deswegen abgetreten wäre. Das ist Retzlaff selbstverständlich zu wünschen.

          Zugleich wäre es perfide, wenn, auf wessen Initiative auch immer, Krankheit als Grund für einen gesichtswahrenden Abgang vorgeschützt würde in der berechtigten Hoffnung, dass Zweifler aus Respekt ihre Zweifel nicht äußern. Klar ist: Der Aufsichtsrat hat erste Gespräche über die Auflösung des Vertrags mit Retzlaff begonnen.

          Stada, das war einst, fern der Börse, die „Standardpräparate Deutscher Apotheker“, die Genossenschaft von Pharmazeuten. Und jetzt diese Gemengelage: ein aggressiver, erratischer Investor; zerstrittene Fronten in Vorstand und Aufsichtsrat; ein Noch-Vorstandsvorsitzender neben einem selbstbewusst auftretenden stellvertretenden Neuvorsitzenden. Jetzt spielt hier das Intrigantenstada.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

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