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Firmenverschmelzung : Die Fusion von Linde und Praxair stockt

Jede Menge Gase: Übergabestation an der Nordstreampipeline im Seebad Lubmin in Vorpommern. Bild: Matthias Lüdecke

Der Betriebsrat und die IG Metall sollen möglichst noch vor Vertragsschluss von dem Vorhaben überzeugt werden. Allerdings könnte auch in Amerika die Sitzfrage zum Problem werden.

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          Der geplante Zusammenschluss zwischen der Linde AG und dem amerikanischen Konkurrenten Praxair entwickelt sich immer mehr zu einem Hürdenlauf. Belegschaftsvertreter haben ihren Widerstand angedroht. Streubesitzaktionäre sind verärgert, dass sie kein Mitspracherecht haben. Nun zeichnet sich ab, dass sich die Verhandlungen über das Fusionsabkommen hinauszögern. Das könnte den gesamten Fahrplan durcheinanderbringen.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Wir bemühen uns nach wie vor, den Fusionsvertrag vor der Hauptversammlung vorzulegen, können aber nicht ausschließen, dass er erst danach finalisiert wird.“ Diese Antwort gab ein Sprecher des Münchner Industriegaseherstellers am Wochenende auf Nachfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hinter diesem diplomatischen Kommentar steht die mögliche Gefahr für Verzögerungen. Weitere Einzelheiten nannte der Sprecher nicht. Dem Vernehmen nach könnte das Abkommen sogar erst im Juni fertiggestellt werden. Die Linde-Hauptversammlung ist für den 10. Mai in München vorgesehen. Gründlichkeit gehe jedoch vor Schnelligkeit, heißt es. Es gehe darum, dass Juristen den Vertrag wasserdicht machen wollten.

          Offener Widerstand der Betriebsräte

          Die Ursachen indes scheinen angesichts der komplexen Materie und der in jüngster Zeit kompliziert gewordenen Gemengelage vielschichtiger zu sein. Seit Jahresanfang handeln Arbeitsgruppen beider Seiten die Konditionen für die Fusion aus. Das Vorhaben ist als ein Zusammenschluss unter Gleichen deklariert worden; ein Anspruch, der von vielen Seiten bezweifelt wird. Linde ist umsatzmäßig größer, aber ertragsschwächer als Praxair, die an der Börse auch zum Zeitpunkt der Bekanntgabe deutlich höher bewertet gewesen ist. So hat Praxair-Vorstandsvorsitzender Steve Angel in den vergangenen Monaten keinen Zweifel daran gelassen, dass der künftige Konzern mit einem Umsatz von 27 Milliarden Euro von Danbury im Bundesstaat Connecticut aus gesteuert wird, also dem Sitz des amerikanischen Unternehmens.

          Schon seit Monaten gibt es Kritik an der sich abzeichnenden Dominanz der Amerikaner in der neuen Allianz, in der Angel Vorstandsvorsitzender und Linde-Aufsichtsratsvorsitzender Wolfgang Reitzle Präsident des Verwaltungsrates werden sollen. Er treibt das Vorhaben mit Macht voran. Das hat in den zurückliegenden Wochen Betriebsräte und die Gewerkschaft IG Metall zum offenen Widerstand veranlasst. Nicht auszuschließen ist, dass nun aus taktischen Gründen mehr Zeit benötigt wird, um die deutsche Belegschaft doch noch zur Zustimmung zu bringen, was Überzeugungsarbeit erfordert. Nicht auszuschließen etwa ist, Repräsentanten in den neuen Verwaltungsrat aufzunehmen. Eigentlich hatten Reitzle und Linde-Vorstandsvorsitzender Aldo Belloni großen Wert darauf gelegt, die Fusion im Einklang mit den Beschäftigten durchzuführen; zumal die Arbeitnehmervertreter im Dezember die Pläne noch befürwortet hatten.

          Doch wenige Wochen vor dem eigentlich für Ende April angesteuerten Verhandlungsschluss stellen die Arbeitnehmervertreter auf Konfrontation um. Sie fürchten den Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland und wollen das Vorhaben im Aufsichtsrat ablehnen. Reitzle droht seinerseits, die ihm zustehende zweite Stimme bei dem Votum einzusetzen. Damit würde es eine Mehrheit geben, mit unberechenbaren, negativen öffentlichkeitswirksamen Auswirkungen.

          Neuer Sitz in Dublin?

          Aber auch Praxair muss vorsichtig sein und wegen der veränderten politischen Situation in Amerika nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten überlegt agieren. Der Sitz einer noch zu gründenden Holding, in der Linde und Praxair zusammengefasst werden, soll außerhalb der Vereinigten Staaten liegen, wahrscheinlich im irischen Dublin. Eine formale Verlagerung ins Ausland, womöglich gar mit steuerlichen Vorteilen verbunden, könnte offizielle Stellen in Amerika auf den Plan rufen. Das könnte Praxair manche taktischen Winkelzüge abverlangen.

          Bisher beabsichtigten die Unternehmen, bis Ende April die Vereinbarung fertigzustellen. Sie sollte auf einer Aufsichtsratssitzung von Linde am 3. Mai behandelt und nach dem Willen von Reitzle abgesegnet werden. Dann hätte das Vertragswerk (Business Combination Agreement, kurz: BCA) auf der Hauptversammlung am 10. Mai von den Aktionären zumindest diskutiert werden können, wenn sie schon nicht darüber abstimmen dürfen. Sie haben nur die Möglichkeit, eine Übernahmeofferte für ihre Linde-Aktien, die von der zu gründenden Holding unterbreitet wird, abzulehnen oder anzunehmen.

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          Diese Offerte ist eigentlich für den Sommer vorgesehen gewesen. Das könnte sich deutlich nach hinten, gar in den Herbst verschieben, womit sich das Zustandekommen der Beschlüsse zum größten Industriegasehersteller der Welt mit einem Transaktionsvolumen von 60 Milliarden Euro mindestens um zwei Monate nach hinten verschieben würde.

          Die Vorbereitungen sind mit beträchtlichen formellen Arbeiten verbunden. Die Finanzaufsicht Bafin hat alle Unterlagen für das Übernahmeangebot zu prüfen. Der amerikanische Fusionspartner Praxair muss eine außerordentliche Hauptversammlung am Hauptsitz in Danbury einberufen, wo die Aktionäre – im Gegensatz zu den deutschen Linde-Anteilseignern – über des Zusammengehen abstimmen dürfen. Auch das bedarf der Prüfung der Unterlagen durch amerikanische Behörden wie der Börsenaufsicht SEC.

          Erst danach folgen die kartellrechtlichen Anmeldungen und intensive Prüfungen durch die Wettbewerbsbehörden in Europa, Amerika und anderen Regionen. Die neue Nummer eins auf dem Weltmarkt für Prozessgase wie Stickstoff, reinem Sauerstoff und Helium wird sich von regionalen Aktivitäten trennen müssen; besonders in Lateinamerika. Ursprünglich wäre der Vollzug der Fusion Mitte 2018 denkbar gewesen. Sollte es zu den Verzögerungen kommen, könnte sich dieser bis Ende nächstes Jahres hinziehen.

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