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Luxusgüterbranche : Das italienische Versprechen

Made in Italy oder Made by Zegna? Neue Sommerkollektion von Zegna Bild: Fricke, Helmut

Die Eurokrise ist ein Dämpfer für die italienische Luxusgüterbranche. Zudem bereiten die Kennzeichnungspläne der EU den Herstellern Sorgen. Das ruft Konkurrenten auf den Plan.

          5 Min.

          Der Stempel ist Milliarden wert. Ein Spruch wie ein Versprechen. Giovanni nimmt den Stahlstab zur Hand, streicht über die Schriftplatte und entzündet eine Flamme. Das Gas faucht auf, heiß und hell. Er legt das Eisen in das Feuer, wartet, bis es glüht, und drückt es auf die Ledersohle. Tief und fest, es zischt und dampft, dann ist alles vorbei. Ein Brandzeichen der Extraklasse: „Made in Italy“. Es steht für Qualität und Güte. Die Kunden schätzen das. Sie kommen von weit her, aus Amerika und Deutschland, aus Asien und Australien.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während auf der Modemesse im alten Florentiner Kastell die Markenfirmen in teuren Shows ihre Kollektionen zeigen, auf wohlkalkulierte Aufregung und zahlungskräftige Kunden hoffen, sitzt Giovanni im Atelier seines Meisters im Zentrum von Florenz. Vorn der Laden, hinten die Werkstatt. Hier machen sie Schuhe nach Maß und von Hand. Sieben Paar die Woche. Giovanni ist der erste Geselle. Er darf den alten Stempel führen, ein Siegelbewahrer und Meisterschüler.

          Doch „Made in Italy“ ist in Gefahr. In der 200 Milliarden Euro großen Luxusgüterbranche geht es heute vor allem um Größe und Gewinn. „Das verändert vieles“, sagt der alte Mannina. Er ist seit 60 Jahren im Geschäft. Sein Handwerk hat goldenen Boden. Der aber wankt. „Nicht überall, wo Made in Italy draufsteht, ist auch Made in Italy drin“, sagt Francesco Pesci vom Nobelschneider Brioni. Das setze vielen schwer zu, meint Brunello Cucinelli vom gleichnamigen Modehaus.

          Solcher Qualitätsschwindel bringe Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr und stelle ein ganzes Geschäftsmodell in Frage, meint Luciano Barbera. Vor vier Jahren hatte er die Textilmühle seiner Familie an die Schneiderei Kiton in Neapel verkauft; heute arbeitet Barbera ganz auf eigene Rechnung. Alles aus der eigenen Firma, made in Italy. Für Italiens Luxus- und Modebranche sei ein gutes Image nicht nur wichtig, es sei geradezu entscheidend. „Wir leben ein Stück von unserem guten Ruf“, sagt er.

          Bisher lebten die Italiener damit sehr gut. Nach Angaben des Industrieverbandes Camera Nazionale della Moda erlöste die Branche 2013 rund 60 Milliarden Euro. In diesem Jahr sollen es 63 Milliarden Euro werden. Ein Hoffnungswert. Es gehe wieder aufwärts, sagte Verbandschef Mario Boselli Anfang des Jahres. Doch während die Verkäufe in China, Japan und Amerika zulegten, Marken wie Ferragamo, Prada oder Zegna dort zweistellige Wachstumszahlen und hohe Gewinne erreichten, stagnieren die Verkäufe in Europa. Vor allem der Absatz in Italien macht ihnen Sorgen.

          Viele italienische Marken kamen in französischen Besitz

          2012 war der Umsatz der Branche auf dem heimischen Markt um fast 10 Prozent gesunken; ein Jahr später fiel er um 3 Prozent. Für 2014 hofft man auf die Wende. Doch Italiens Wirtschaft steckt nach wie vor in der Krise, und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Das drückt auf den Konsum und die Kurse börsennotierter Firmen. Der Index für Luxusaktien der Mailänder Börse fiel in den vergangenen sechs Monaten kräftig. Die Marktkapitalisierung der zehn größten börsennotierten Anbieter sank unter 30 Milliarden Euro. Das ruft die Konkurrenten auf den Plan.

          Valentino ist bereits in arabischer Hand und Cerruti in chinesischer. Versace holte sich die Privatkapitalgeber der amerikanischen Blackstone-Gruppe ins Haus. Prada, Moncler und Ferragamo öffneten sich für familienfremde Aktionäre. Die französischen Branchenriesen Louis Vuitton und Kering übernahmen den Edeljuwelier Bulgari, die Webereien von Loro Piana, das Schneiderhaus Fendi, den Lederspezialisten Gucci und die kleine feine Firma der Familie Pucci. Alles in allem kamen mehr als 50 namhafte italienische Marken in französischen Besitz.

          Neue Möglichkeiten durch Übernahmen

          Wie so viele familiengeführte italienische Unternehmen schlüpfte auch Brioni unter das Dach eines Konzerns. Die Gründerfamilien der Meisterschneiderei verkauften vor zwei Jahren an Kering. „Wir haben nun völlig neue Möglichkeiten“, sagt Brioni-Chef Pesci. Er blickt nach China und Amerika, nach Deutschland und Fernost. Er hat die halbe Welt im Blick. Die Fertigung soll in Italien bleiben, voll und ganz. Dafür haben sie eine eigene Schule gegründet, einen eigenen Stil entwickelt und setzen auf eigene Leute. Das sei nicht nur gut fürs Image, das könne auch hochprofitabel sein.

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