https://www.faz.net/-gqe-8hvl4

Messebericht : Der Druckbranche ist Papier nicht mehr genug

  • -Aktualisiert am

Druck auf Folie: Den Silberstreifen der neuen neuseeländischen 5-Dollar-Note ziert Sicherheitstechnik aus Franken. Bild: Firma Kurz

Bunte Bögen und Kartons? Die Drucktechnik von heute kann viel mehr. Ergebnis sind Produkte, die spektakulär aussehen und ganz neue Funktionen haben. Ein Rundgang auf der Leitmesse Drupa.

          4 Min.

          Die Zukunft ist bunt und oft dünn. Sehr, sehr dünn. Bei der Kurz-Gruppe aus Fürth zum Beispiel sind viele metallische Farben im Spiel. Das liegt an den Produkten, die die Franken auf der Drupa in Düsseldorf, der Leitmesse der Druckindustrie, in diesen Tagen präsentieren. Kurz druckt Folien. Und das bestätigt schon einmal, was aus der Branche immer zu hören war, wenn es um ihre Dauerkrise ging, um Tausende abgebauter Stellen, um schwankende Riesen wie Heidelberger Druck oder Koenig und Bauer, den ältesten Druckmaschinenhersteller der Welt.

          Uwe Marx
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es hieß stets, dass Druckmaschinen nicht nur für Papier da seien, nicht nur für klassische Medien und Printprodukte, die jahrzehntelang für gute Geschäfte gesorgt hatten. Sondern eben auch für allerlei andere Materialien. Mit anderen Worten: Die Digitalisierung des Lebens lasse für die Druckindustrie noch genug Luft zum Atmen, sie müsse sich allerdings umstellen, neue Verfahren einsetzen und auf andere Geschäftsfelder setzen. Die Folien von Kurz sind dafür ein Symbol, eines von vielen. Es gibt sie mit Touch-Sensoren, die sie für Elektronik nutzbar machen, mit aufwendigen holographischen Elementen, die Geldscheine sicherer machen – und so dünn, dass sie unter einem Nanometer, also dem milliardsten Teil eines Meters liegen. Das sei schon mehr als Nano-Druck, heißt es.

          Herausforderung für Maschine und Mensch

          Auch bei Kurz geht es im weiteren Sinn um das Thema Verpackungen. Markus Hoffmann aus der Geschäftsleitung berichtet zum Beispiel, dass manche Hersteller von Edel-Schokolade niemals auf Prägefolien verzichten würden. Eine hochwertige Präsentation gehe ihnen über alles. Und das Unternehmenslogo müsse in höchster Qualität geliefert werden. „Man kann sich kaum vorstellen, was da für ein Aufwand betrieben wird.“ Das korrespondiert mit den optimistischen Prognosen aus dem eigentlichen Verpackungsdruck. Allein dieser Sparte, also bedruckten oder unbedruckten Verpackungen, wird ein jährliches Wachstum von 4 bis 5 Prozent zugetraut. Bis zum Jahr 2018 sollen fast eine Billion Dollar Umsatz möglich sein, heißt es. Aber das ist nur eine Facette der Hoffnung. Eine andere ist das sogenannte functional printing – also Druckerzeugnisse mit zusätzlichem Können.

          Bei Kurz sind das zum Beispiel Touch-Sensoren, die in Waschmaschinen zum Einsatz kommen sollen. Dabei ist die Benutzeroberfläche einem Smartphone ähnlich und eben nicht mehr zusammengebaut, sondern gedruckt. Es handelt sich um metallische Folien mit Schaltkreisen, also um gedruckte Elektronik. Oder Software in Folien. Gleichzeitig kann das Unternehmen Oberflächen so anspruchsvoll gestalten, dass sie praktisch nicht mehr kopierbar seien. Auf Geldscheinen ist auch das eine nützliche Funktion.

          Während Kurz 4500 Beschäftigte hat und im Jahr 700 Millionen Euro umsetzt, ist das Unternehmen Coatema aus Dormagen am Rhein mit seinen knapp 40 Mitarbeitern und 10 bis 15 Millionen Euro Umsatz eher ein Zwerg – ein „Start-up mit 40 Jahren Erfahrung“, wie Thomas Kolbusch, einer der Manager, sagt. Kommt das Unternehmen doch aus dem Textildruck, also einem eher klassischen Bereich der Druckindustrie. Das Bedrucken von T-Shirts oder PVC-Böden wurde allerdings unattraktiver, als asiatische Hersteller den Preisdruck drastisch erhöht haben. Heute setzt auch dieses Unternehmen auf gedruckte Elektronik. Als das Thema in der gesamten Branche aufgekommen sei, also vor mehr als zehn Jahren, habe es noch viele Versprechungen gegeben, die nicht eingehalten wurden, sagt Kolbusch. Inzwischen aber seien viele Produkte dabei, die Abteilungen für Forschung und Entwicklung zu verlassen und in der industriellen Anwendung anzukommen. Auch Coatema sei an dieser Schwelle aktiv. Das Unternehmen arbeitet zum Beispiel an jenen Lichtreflexionen auf silbernem Untergrund, die auf Kreditkarten zu finden sind – eine Herausforderung für Maschine und Mensch.

          „Die technische Entwicklung ist rasant“

          Gleichzeitig geht es um kupferhaltige Kunststoffbahnen, die traditionellen Leiterplatten Konkurrenz machen sollen und ebenfalls aus der Druckmaschine kommen. Dies gilt auch für jene Funktionselemente, die – mit Leiterbahnen bestückt und in Textilien gewebt – Informationen wie Körpertemperatur oder Frequenz des Herzschlags ans eigene Smartphone senden können. Noch eine Funktion: die gedruckte Gesundheitsvorsorge.

          Das Unternehmen Thieme aus Teningen in Baden liegt, was die Größe betrifft, zwischen Kurz und Coatema, aber auch hier geht es um gedruckte Elektronik – zum Beispiel um leuchtende oder blinkende Werbemittel aus Karton. Sie sind flacher als ein Stück Pappe, wirken aber, mit einer Batterie versehen, wie kleine Lampen. Die traditionelle, aber sehr moderne Siebdruckmaschine des Unternehmens ist mit jeder Menge Displays, Kameras und Sensoren ausgestattet. Bei der Ausrichtung geht es um Genauigkeiten von 0,01 Millimetern.

          Und trotzdem glaubt Frank Thieme, der geschäftsführende Gesellschafter, dass der Digitaldruck den Siebdruck ablösen wird. „Die technische Entwicklung ist rasant“, sagt er. Und so bleiben weitere Ziele, nicht nur für sein Unternehmen, sondern für die gesamte Branche. Die gedruckte Brennstoffzelle sei eines davon. Solarzellen könnten schließlich schon heute gedruckt werden. Auch Antennensysteme kommen schon aus dem Drucker, und die gedruckte Batterie, ein Einwegmodell, ist auf dem Weg.

          Aussteller aus fast 160 Ländern an den Rhein gelockt

          Die Drupa, auf der früher Unternehmen wie Heidelberger Druck oder Koenig und Bauer den Takt vorgaben, ist ein Spiegelbild dieser Veränderungen. Die Großen sind nach wie vor exponiert vertreten. Auch sie haben sich ja schon deutlich verändert, sind schlanker und moderner geworden. Für Superlative sorgen sie allerdings nicht mehr. Größter Aussteller in diesem Jahr ist der amerikanische Konzern HP, der in der Spitze mit 2000 Leuten in Düsseldorf vertreten ist und auf 6000 Quadratmetern 53 Maschinen präsentiert.

          Die Drupa mit ihren 137 Auslandsvertretungen hat Aussteller aus fast 160 Ländern an den Rhein gelockt – und auch sie ist, mit all den neuen Verfahren und Produkten, nicht mehr das, was sie mal war. Messechef Matthias Dornscheidt sagt, dass die Krisen in der Druckindustrie auch ihm zu schaffen gemacht haben. „Es war nicht sicher, dass wir die Drupa in dieser Form halten können“, sagt er. Der Wandel kam am Ende auch ihm zugute.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Laschet und Merkel in Stralsund am Dienstagabend

          Merkel und Laschet : Kann er Ostsee?

          In Stralsund macht Angela Merkel Wahlkampf mit Parteifreunden. Der eine will ihren Platz im Wahlkreis einnehmen – der andere jenen im Kanzleramt.
          Idar-Oberstein: Blumen und Kerzen sind vor der Tankstelle aufgestellt, in der ein Angestellter erschossen wurde.

          Idar-Oberstein : Allgegenwärtige Enthemmung

          Aus den widerlichen Reaktionen im Netz ist nicht auf das Tatmotiv in Idar-Oberstein zu schließen. Man muss aber nicht nach Idar-Oberstein schauen, um zu wissen, dass jeder „Extremismus“ in Bestialität enden kann.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 7. September in Paris

          U-Boot-Streit mit Amerika : Warum Frankreich den Eklat herbeiführte

          Im U-Boot-Streit mit Amerika, Großbritannien und Australien hat Paris seine Botschafter aus Washington und Canberra zurückberufen. Im Gespräch mit der F.A.Z. erklären beide die Hintergründe und, wie sich die NATO aus ihrer Sicht ändern muss.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.