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F.A.Z. Exklusiv : Die Deutsche Bank ruft nach mehr Industriepolitik

Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank Bild: dpa

Das Frankfurter Geldhaus sieht die gemeinsamen Corona-Hilfskredite von KfW und Geschäftsbanken als Erfolgsmodell. So sollte nun auch die Transformation der Wirtschaft in Bereichen wie Verkehr und Künstlicher Intelligenz finanziert werden.

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          Während aktuell heftig über die Fehler in den Corona-Hilfen gestritten wird, denkt die Deutsche Bank schon einen Schritt weiter. Sie sieht die Hilfskredite, die die staatliche Förderbank KfW und die Geschäftsbanken gemeinsam vergeben haben, als Erfolgsgeschichte und plädiert nun dafür, das Modell auch für die nächsten Mammutaufgaben der deutschen Wirtschaft zu übernehmen: Transformationen wie die Verkehrswende hin zu elektrischem und automatisiertem Fahren oder die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) könnten nicht allein über Bankkredite und den Kapitalmarkt finanziert werden. Diese These und ein ganzes Bündel von Lösungsvorschlägen will die Bank nach Informationen der F.A.Z. in dieser Woche mit der Bundesregierung diskutieren.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Kern geht es darum, dass die Zukunftsinvestitionen aus Sicht der Bank zu riskant für private Kapitalgeber sind und daher der Staat einen Großteil des Risikos übernehmen soll. Dazu sollte er einerseits – analog zu den Corona-Hilfen – zusammen mit den Banken Kredite vergeben und einen Teil des Ausfallrisikos übernehmen. Andererseits soll er nach Vorstellung der Bank aber auch häufiger über stille Beteiligungen direkt in Unternehmen einsteigen, um ihnen das nötige Kapital für Forschung und Entwicklung bereitzustellen.

          „Wir brauchen eine Industriepolitik für Schlüsseltechnologien“, sagt Stefan Hoops, der Leiter des Unternehmenskundengeschäfts der Bank, im Gespräch mit der F.A.Z. „Es gibt gewisse Schlüsseltechnologien, die für die Arbeitsplätze von morgen stehen.“ Als Beispiele solcher Technologien nennt er eine ganze Liste rund um die weitere Digitalisierung der Industrie, den Klimaschutz und das Gesundheitswesen. Auf deren Erforschung und Implementierung sollte sich die deutsche Förderpolitik künftig konzentrieren. Nur so könnten die deutschen Unternehmen im Wettbewerb vor allem mit amerikanischen und chinesischen bestehen.

          China investiert im großen Stil

          Hoops sieht einen großen Nachteil der deutschen Unternehmen im hiesigen Finanzierungsmarkt. „Ein Blick in die Vereinigten Staaten und nach China zeigt: dort haben Unternehmen Zugang zu einem großen privaten und staatlichen Finanzierungspool, der in dieser Breite und Tiefe in Europa nicht existiert.“ So sorgten in Amerika Hedgefonds, Pensionskassen und andere Finanzinvestoren dafür, dass für Unternehmen jeder Größe und jeder Risikoklasse ausreichend Geld zur Verfügung stünden. In China investierten der Staat oder staatsnahe Finanzinstitute im großen Stil in zukunftsträchtige Technologien und Unternehmen.

          DT. BANK

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          In Deutschland könnten Unternehmen dagegen nur Aktien ausgeben und Anleihen begeben, was aber beides erst ab einer gewissen Größe in Frage komme und auch nicht sehr verbreitet sei. „Unternehmen brauchen einen besseren Zugang zu Kapital – staatliche Fördermittel sind dabei ein wesentlicher Baustein“, sagt Hoops. Herkömmliche Bankkredite sind nach seiner Ansicht nicht auf die Investitionen ausgelegt, die nun für die Veränderungen der Wirtschaft notwendig seien. Viele dieser Investitionen rentierten sich bestenfalls in vielen Jahren und seien hochriskant. „Banken können das über Kredite alleine nicht leisten“, sagt Hoops. „Der Staat sollte die richtigen Rahmenbedingungen setzen, damit privates und staatliches Kapital ihre Kraft und ihr Potential entfalten können.“

          Das Ausfallrisiko übernimmt vor allem der Steuerzahler

          Die Vorschläge sind natürlich nicht ganz uneigennützig. Denn die Corona-Hilfsprogramme haben den deutschen Banken eine Art Sonderkonjunktur verschafft. Sie konnten durch die Krise hindurch viele Kredite vergeben, deren Ausfallrisiko zum großen Teil der Steuerzahler übernimmt. Dieses Modell soll nun aus Sicht der Deutschen Bank fortgeführt werden; wenngleich die Lesart in Hoops Darstellung etwas anders ist: „Die Banken leiten Fördermittel durch an ihre Kunden und übernehmen einen Teil des Risikos, erhalten dafür aber auch einen Teil der Risikoprämie.“ Ohne die Haftungsfreistellung hätten die Banken viele der Hilfskredite gar nicht vergeben können. Daher gelte auch für die nun anstehenden Zukunfstinvestitionen: „Je größer die Haftungsfreistellung für die Bank, desto mehr Kredit kann sie dem Unternehmen gewähren.“

          Der Umfang dieser Haftungsfreistellung sowie die Zinsvergünstigung und ein möglicher Tilgungszuschuss für die Kredite sollten nach Vorstellung der Bank gestaffelt werden: Dafür sollten Nachhaltigkeitsratings und die bisherigen Ausgaben des Unternehmens für Forschung und Entwicklung hinzugezogen werden. Zudem sollten Unternehmen in die Lage versetzt werden, das Geld, das sie über vergünstigte Fördermittel aufnehmen, auch an ihre Lieferanten weiterzugeben. Dadurch könnten ganze Zulieferindustrien besser mit Fördermitteln durchdrungen werden. Damit auch mehr junge Unternehmen gefördert werden können, sollte es bei der Kreditvergabe unter bestimmten Voraussetzung keine Mindestanforderung mehr an die Betriebsgröße geben. Außerdem sollte nach Vorstellung der Bank das Konzept der KfW Capital ausgebaut werden. Die Tochtergesellschaft der KfW beteiligt sich an Wagniskapitalfonds, die in deutsche Start-ups finanzieren – das eingesetzte Fördergeld wird so durch private Mittel gehebelt.

          Bankchef Christian Sewing hatte sich zuletzt schon häufiger dafür ausgesprochen, nicht mehr so sehr „mit der Gießkanne“ zu fördern, sondern gezielter in Zukunftstechnologien. Ähnlich hatte sich auch der Präsident des Bankenverbands, Hans-Walter Peters, zuletzt geäußert. Nach Angaben von Hoops sind in die nun ausgearbeiteten Vorschläge an die Bundesregierung auch die Erfahrungen einiger anderer Großbanken eingeflossen. Offensichtlich wollte die Bank aber nicht mehr warten, bis ein Konsens im Bankenverband gefunden ist oder ihr Chef Sewing wie geplant im April dessen Präsident wird.

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