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Digitalisierungsstrategie : Die Commerzbank mobilisiert die letzten Reserven

Das Logo der Commerzbank vor dem Hauptsitz der Bank in Frankfurt am Main Bild: AFP

Um bei der Digitalisierung den Anschluss nicht zu verpassen, verkauft die Commerzbank die Perle im Konzern und kauft die Comdirect. Für den Posten des Finanzvorstands sind zwei Kandidaten im Gespräch.

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          Große amerikanische Banken geben nur für den Kampf gegen Hacker-Angriffe mehr als 1 Milliarde Euro im Jahr allein für IT-Sicherheit aus. Dagegen ging das gesamte IT-Budget der Commerzbank im Jahr 2018 nicht über 1 Milliarde Euro hinaus. In diesem Jahr musste Deutschlands zweitgrößte börsennotierte Bank ihr Budget für IT-Wartung und IT-Investitionen sogar auf 0,7 Milliarden Euro senken, weil der scheidende Finanzvorstand Stephan Engels auf Einhaltung des für 2019 ausgegebenen Gesamtkostenziels von 6,8 Milliarden Euro pochte.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dieser IT-Budget-Vergleich soll schlaglichtartig beleuchten, wie knapp die Mittel sind, die der Commerzbank zur Verfügung stehen, um in der Digitalisierung Anschluss zu halten. Und der Vergleich erklärt vielleicht auch ganz gut, warum dem Aufsichtsrat seit Freitag Pläne des Vorstandes vorliegen, die zusätzliches Kapital und Wissen für die digitale Transformation der Commerzbank mobilisieren sollen.

          Mögliche Nachfolger für Finanzvorstand

          Vermutlich wird der Aufsichtsrat den strategischen Plänen des Vorstands keine Steine in den Weg legen. Darüber hinaus beschäftigt sich das am Mittwoch und Donnerstag tagende Kontrollgremium nach Informationen der F.A.Z. mit Engels Nachfolge – und dafür gibt es zwei interne Kandidaten. Als Favoritin für den Posten des Finanzvorstands gilt Bettina Orlopp, die 2017 als erste Frau in den Commerzbank-Vorstand einzog und dort als kluge „Ordnungshüterin“ (Ressort: Regeltreue und Recht) und besonnene Managerin des Stellenabbaus (Ressort: Personal) auffiel. Der 1970 geborenen Diplomkauffrau und früheren Partnerin in der Unternehmensberatung McKinsey wird zugetraut, den bisher skeptischen Kapitalmarkt von der Strategie der Commerzbank zu überzeugen.

          Als weiterer interner Kandidat im Vorstand für das Ressort „Finanzen“ bietet sich Jörg Hessenmüller an, der schon für die polnische Tochtergesellschaft M-Bank Finanzvorstand war, aber nun als IT-Vorstand der Commerzbank gefragt ist.

          Denn die Digitalisierung und das sich verändernde Kundenverhalten – weniger Filialbesuche, mehr Kontaktanfragen der Commerzbank-App über das Smartphone – veranlassen den Vorstand jetzt zur Kurskorrektur: Das seit zehn Jahren – gemessen an der Zahl der 1000 Zweigstellen – nicht angetastete Filialnetz wird, wie berichtet, um 20 Prozent beschnitten. Und die offenbar letzten im Konzern verbliebenen Reserven werden gehoben, um den Verkauf von Finanzanlagen über das Smartphone an die Privat- und Unternehmenskunden zu intensivieren.

          Unter das Stichwort „ran an die Reserven“ gehört der Verkauf der M-Bank in Polen, die der Commerzbank zu 69 Prozent gehört und die stabil mehr als 20 Prozent zum Gewinn beiträgt. Dass sich die Commerzbank dennoch von diesem Innovationstreiber trennt, obwohl nach Informationen der F.A.Z. der Buchwert der M-Bank in der Bilanz der Commerzbank nahe am Börsenwert ist und insofern kaum Reserven gehoben werden, zeigt, wie aufgezehrt selbst das Tafelsilber in deutschen Großbanken ist.

          Comdirect soll gestärkt werden

          Während die Anleger an der Börse die Commerzbank-Aktie auch wegen des Verkaufs der M-Bank auf Talfahrt schicken, halten Investmentbanker die Strategie für „bedauerlich, aber richtig“. Mit dem Verkauf neuer Aktien, also mit einer Kapitalerhöhung zusätzliches Geld für die nötigen IT-Investitionen hereinzuholen, sei angesichts des niedrigen Börsenkurses weder für Commerzbank noch für Deutsche Bank eine Option, sagen Investmentbanker. Einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt im Gespräch mit der F.A:Z.: So wie es für die Deutsche Bank denkbar sei, weitere Anteile an der profitablen Fondsgesellschaft DWS abzugeben, verkaufe die Commerzbank nun eben die M-Bank – obwohl M-Bank und DWS Perlen in den jeweiligen Bankkonzernen seien.

          Die Commerzbank muss nach dieser Lesart sogar an diese knappen Reserven, um ihr Geschäft in Deutschland effizienter zu machen. Dafür bindet sie ihre Direktbank Comdirect eng an sich, die Übernahme der noch nicht in ihrem Besitz liegenden 18 Prozent veranschlagt UBS-Analyst Daniele Brupbacher mit Kosten von 300 Millionen Euro. Der Commerzbank-Vorstand geht offenbar davon aus, dass sich durch Einsparungen – bisher hat die Comdirect einen eigenen Vorstand und Kosten etwa durch die Börsennotierung – und besseren Zugriff auf ihre IT-Ressourcen die Übernahmekosten wieder hereinholen lassen.

          Offen erscheint, welche Rolle die innovative und im Vergleich zum Commerzbank-Konzern sehr rentable Comdirect künftig noch spielen wird. Die Commerzbank sagt, sie wolle den „mobilen Kanal“ stärken. Das ist der Kanal, den die Comdirect besser beherrscht als die Muttergesellschaft. Denn ihre 2,6 Millionen Kunden können sie seit jeher nur über Telefon oder eben Computer/Smartphone erreichen.

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