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Sanierung der Deutschen Bahn : Viele Zugfahrer bald deutlich verspätet

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Demnächst ein Bummelzug - zumindest zwischen Hannover und Kassel. Bild: dpa

Die Bahn muss die Schnellstrecke Kassel-Hannover kurzfristig sanieren. Womöglich ausgerechnet während der Hannover Messe und der Maifeiertage.

          Viele Bahnkunden sowie Besucher der Hannover Messe müssen sich zwischen Ende April und Anfang Mai auf erhebliche Einschränkungen auf der wichtigen Schnellfahrstrecke zwischen Hannover und Kassel einstellen. Dort plane die Bahn eine „umfangreiche Sanierung“, teilte das Eisenbahn-Bundesamt in Bonn am Donnerstag mit. Auch die Deutsche Bahn AG hat mittlerweile die Sperrung der Strecke bestätigt. „Wir sind derzeit in der Entscheidungsfindung und werden dann kurzfristig informieren“, sagte ein Sprecher des Unternehmens der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Fest steht jedoch: „Es besteht Sanierungsbedarf.“

          Vor allem Pendler dürften durch die geplanten Arbeiten belastet sein. Verspätungen von 60 Minuten je Reise könnten die Folge sein. Die Trasse zwischen Hannover und Kassel gehört zu den wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen des Landes. Nach Angaben der Deutschen Bahn fahren auf dieser Strecke etwa 170 bis 200 ICE am Tag. „Die Strecke ist hoch belastet“, sagte der Sprecher der Bahn dazu. Wer zwischen München und Hamburg oder Frankfurt und Berlin unterwegs ist, nutzt meistens die Verbindung zwischen Hannover und Kassel. Bei Fahrkarten-Buchungen auf der Bahn-Website wird schon auf deutliche Fahrtzeitverlängerungen und Umleitungen hingewiesen.

          Betroffen von der Sperrung oder Sanierung wären auch Gäste der Industriemesse in Hannover (25. bis 29. April), an der der amerikanische Präsident Barack Obama teilnehmen wird. Dies wird auch von der Deutschen Messe mit Sorge verfolgt. „Gerade die Nord-Süd-Verbindung ist für unsere Besucher extrem wichtig“, sagte ein Sprecher. Bei der Hannover Messe reisen viele ausländische Besucher und Aussteller über das Luftverkehrs-Drehkreuz Frankfurt am Main und nehmen dort den Zug. „Zudem kommen viele wichtige Maschinenhersteller aus dem Süden Deutschlands“, sagte der Sprecher. Es sind auch Demonstrationen mit bis zu 30000 Teilnehmern angemeldet.

          Keine sichere Fahrt ab 25 Grad

          Die Deutsche Bahn hatte im Februar dieses Jahres Gleisarbeiten mit zeitweisen Totalsperrungen in dem Bereich für Juli bis September 2016 angekündigt. Im Jahr 2019 wird die Strecke Hannover-Kassel 30 Jahre alt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hätte die Strecke komplett erneuert werden müssen. „Nun ist eine Teilsanierung nötig, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten“, sagte der Bahn-Sprecher. Das Unternehmen muss unter anderem auf mehreren Abschnitten den Schotter austauschen. Er erlaube für die Hochgeschwindigkeitszüge bei Temperaturen über 25 Grad Celsius keine sichere Fahrt mehr. Eine Möglichkeit dies umzusetzen, ist eine Totalsperrung der Strecke, wahrscheinlich vom 23. April bis zum 8. Mai.

          Eine andere Option ist das Entzerren der Bauarbeiten und der Verzicht auf eine Totalsperrung. Die Reparaturen müssten dann etwa am Wochenende durchgeführt werden oder es könnte für längere Zeit nur ein Gleis genutzt werden. Der Konzern hatte Anfang Februar mitgeteilt, die Zahl seiner Bauprojekte 2016 deutlich zu erhöhen. Geplant sind rund 850 Vorhaben, im vergangenen Jahr waren es 500. Im Jahr 2015 erreichte jeder vierte Fernzug sein Ziel verspätet. Durch die geplante Sanierung wird sich diese Statistik nicht verbessern.

          Schnell an der Leistungsgrenze

          „Die Sanierung einer der wichtigsten Hauptstrecken ist für die Sicherheit des Schienenverkehrs auf dem Abschnitt zwischen Hannover und Kassel wichtig“, sagte Sören Bartol, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, dieser Zeitung. Eine zeitlich begrenzte komplette Sperrung bringe weniger Beeinträchtigungen als bei einer zeitlich viel länger dauernden Sanierung bei laufendem Verkehr. „Ich bin skeptisch, ob der Zeitpunkt der Sperrung parallel zur Hannover-Messe und Himmelfahrt wirklich so klug ist“, sagte Bartol. Er erwarte von der Deutschen Bahn, dass sie die Kunden frühzeitig und umfassend über Auswirkungen für den Reiseverkehr informiere. „Ich halte den Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Sperrung für sehr spät und rate dazu, den Zeitraum der Sanierung noch einmal zu überdenken.“

          „Die kurzfristig notwendige Sperrung der Schnellfahrstrecke Hannover - Kassel verdeutlicht, wie wichtig ein Plan B, ein schnell umsetzbares Ersatzkonzept mit Fahrplänen für Umleitungen auf wichtigen Fernverkehrsstrecken ist“, sagte Stephan Kühn, Verkehrspolitiker der Grünen. Leider werde die DB in solchen Situationen Opfer ihrer in der Ära Mehdorn praktizierten Rückbaupolitik. „Eine Eisenbahninfrastruktur, die nur auf Regelbetrieb ausgerichtet ist, kommt dann schnell an ihre Leistungsgrenze.“

          Der Fahrgastverband Pro Bahn begrüßte die Sanierung der Hochgeschwindigkeitsstrecke, kritisierte jedoch das Kommunikationschaos. Karl-Peter Naumann von Pro Bahn vermutet, dass eine Entscheidung für eine Sperrung schon längst getroffen sei und verweist auf Hinweise der Bahn an Fahrgäste, dass es keine Sparpreise in dieser Zeit gebe, weil die Strecke gesperrt sei. „Ich hoffe, dass die Fahrplanänderungen bald bekannt gegeben werden“, sagte er. Bei der zu sanierenden Strecke halte er eine Komplettsanierung für richtig, weil es eine ältere Parallel-Trasse gebe, was aber längere Fahrzeiten zur Folge hätte. „Aber immerhin würden keine Züge ausfallen“. Der Güterverkehr müsse weiträumig umgeleitet werden, Reisende von Berlin nach Frankfurt könnten den Sprinter über Erfurt nehmen.

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