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Kodex-Vorsitzender : „Die Aufsichtsratschefs in Deutschland sind heftig unterbezahlt“

Ziel Aufsichtsrat? Glaubt man Rolf Nonnenmacher, ist das künftig immer seltener der Fall. Bild: dpa

Für Rolf Nonnenmacher, den Vorsitzenden der Corporate-Governance-Kommission, steht fest: Dax-Aufsichtsräte verdienen zu wenig und ihre Arbeitsbelastung nimmt zu. Deshalb werde man „künftig einfach keine Leute mehr finden, die es machen wollen“.

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          Die Aufsichtsratsvorsitzenden der Dax-Unternehmen haben im vergangenen Jahr im Mittel knapp 350.000 Euro verdient. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergütungsstudie, die von der Universität Frankfurt mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC erarbeitet wurde. Das ist zwar nur ein Bruchteil des Gehaltes für die Vorstandsvorsitzenden, die im Mittel mehr als 6 Millionen Euro bekommen, andererseits aber müssen Chefkontrolleure ein Unternehmen nicht im Tagesgeschäft führen.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Rolf Nonnenmacher, den Vorsitzenden der Corporate-Governance-Kommission, steht fest: „Die Aufsichtsratsvorsitzenden in Deutschland sind heftig unterbezahlt.“ Das sagte Nonnenmacher nach der Vorstellung der Studie am Mittwochabend an der Frankfurter Uni. Das zeige derzeit auch der Fall Thyssen-Krupp, wo der Chefkontrolleur besonders wenig verdiene, bisher 212.000 Euro im Jahr. Der für den Posten vorgesehene Daimler-Finanzvorstand Bodo Uebber hatte abgewunken, nachdem seiner Forderung nach deutlich höheren Bezügen eine Absage erteilt wurde. „Den Fall Thyssen wird es künftig öfter geben“, mutmaßte Nonnenmacher. Die Arbeitsbelastung der Dax-Aufsichtsräte habe in den vergangenen Jahren zugenommen: „Sie werden künftig einfach keine Leute mehr finden, die es machen wollen.“

          Der frühere Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, forderte in der Diskussion im Frankfurter „House of Finance“, dass Aufsichtsräte – anders als Vorstände – unabhängig von der aktuellen Geschäftsentwicklung und vor allem unabhängig vom Aktienkurs bezahlt werden sollten. Ähnlich argumentiert seit Jahren die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die eine reine Festvergütung für Aufsichtsräte fordert. „Der Aufsichtsrat ist vor allem dann gefordert, wenn es dem Unternehmen schlecht geht“, sagte Fitschen. In Krisenzeiten steige die Arbeitslast gerade für die Aufsichtsräte.

          800.000 Euro für den Chefaufseher der Deutschen Bank

          Er muss es wissen: Der Aufsichtsrat der krisengeplagten Deutschen Bank traf sich in den vergangenen Jahren öfter als alle anderen Aufsichtsratsgremien im Dax. Insgesamt fanden laut Geschäftsbericht 59 Sitzungen des Aufsichtsrats und seiner Ausschüsse statt. Der Aufsichtsratschef der Bank, Paul Achleitner, ist mit seiner Vergütung von 800.000 Euro im Jahr aber auch Spitzenverdiener unter den Chefkontrolleuren im Dax. Hinzu kommen bei ihm noch weitere Sitzungen, weil er zusätzlich in den Aufsichtsräten von Bayer und Daimler sitzt. Diese Mandate werden extra vergütet.

          Debattiert wurde auch über die Umsetzung der zweiten EU-Aktionärsrechterichtlinie, mit der die Rechte von Anteilseignern gestärkt werden sollen. Deutschland muss die Richtlinie bis Juni in nationales Recht umsetzen. Eine der wichtigsten Neuerungen ist, dass künftig auf den Hauptversammlungen der großen Unternehmen regelmäßig über die Managervergütung abgestimmt werden muss. Die EU hat dabei jedem Land freigestellt, ob es das Votum der Aktionäre bindend oder als Empfehlung ausgestalten will. Der Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums, der vor wenigen Wochen vorgelegt wurde, sieht lediglich ein beratendes Votum vor.

          „Das Justizministerium geht den weichen Weg“, kritisierte Michael Schmidt, Vorstand des Berufsverbands der Finanzanalysten DVFA. Er plädierte für ein verbindliches Votum. Oft werde argumentiert, auch ein empfehlendes Votum hätte genug Durchschlagskraft, weil kein Unternehmen das Votum ignorieren könne. Doch das Argument tauge nicht: „Wenn es angeblich faktisch auf dasselbe hinausläuft, kann man das Votum doch gleich bindend machen.“ Er hält hier auch die Corporate-Governance-Kommission für zu lasch. Die arbeitet zwar an einer Reform des Kodexes für gute Unternehmensführung, damit die Benimmregeln wieder „mehr Relevanz“ bekommen, doch auch sie empfehle kein bindendes Votum. In der Schweiz, ergänzte der PWC-Partner Remo Schmidt, sei das Votum seit vier Jahren bindend, das habe tatsächlich dazu geführt, dass schlagzeilenträchtige Ausreißer beim Vergütungsniveau von Spitzenmanagern „deutlich seltener geworden sind“.

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