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Entlastung verweigert : Die Ohnmacht der Bayer-Aktionäre

Die beiden Werners der Bayer AG am Freitag auf der Hauptversammlung. Abgewatscht von den Aktionären, aber immer noch verbunden in einer Schicksalsgemeinschaft. Bild: AP

Das Misstrauensvotum der Aktionäre von Bayer ist deutlich. Trotzdem folgen keine harten Konsequenzen. Die Angst vor den Risiken festigt die Leverkusener Schicksalsgemeinschaft.

          Es war schon nach Mitternacht, als das Friedensangebot an die Aktionäre rausging: „Wir nehmen das Abstimmungsergebnis der Hauptversammlung sehr ernst“, ließ sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Bayer AG, Werner Wenning, in einer Mitteilung zitieren. Vorausgegangen war am Freitag eine legendäre Hauptversammlung des Leverkusener Chemie-Konzerns, auf der die Aktionäre dem Vorstand um den Vorsitzenden Werner Baumann deutlich die Entlastung verweigert hatten. Eine Pleite zwar mit Ansage und ohne direkte Konsequenzen, die in Ihrer Deutlichkeit aber dennoch eine gehörige Wucht entfaltete.

          Im Aufsichtsrat war anschließend rasches Wunden lecken angesagt. Entsprechend leer klangen die abgesonderten Formeln: Das Kontrollgremium werde nun den Vorstand dabei unterstützen, das verloren gegangene Vertrauen der Aktionäre in das Unternehmen und seine Strategie wiederherzustellen, versicherte Wenning. Ja, wie denn, dürfte sich nicht nur so mancher Aktionär nun fragen. Versuchen die  handelnden Personen nicht schon seit Wochen und Monaten ohne Erfolg, die tiefen Gräben wieder zuzuschütten? Was soll jetzt plötzlich anderes werden? Die ernüchternde Antwort lautet: erstmal nichts.

          Monsanto und Glyphosat – diese beiden Worte halten den DAX-Konzern und seine Eigentümer in Atem, seitdem Bayer im Jahr 2016 die größte Übernahme eines deutschen Unternehmens im Wert von rund 66 Milliarden Dollar inklusive Schulden getätigt hat. An warnenden Stimmen hat es schon damals nicht gemangelt. Bayer, der „weiße“ Chemie-Konzern aus Deutschland, der der Menschheit weit mehr gebracht hat als den Segen der Aspirin-Tablette, übernimmt das Schmuddelkind aus der amerikanischen Agrochemie, dessen Unkrautvernichter wie Roundup in Verdacht stehen, krebserregend zu wirken?

          Riesige Klagewelle

          Baumann und Wenning haben diesen Deal von Anfang an rational verteidigt und die betriebswirtschaftlichen Synergien in den Mittelpunkt gerückt. Die kurz vor der Hauptversammlung vorgelegten guten  Geschäftszahlen stützen diese These auch – den Ärger und die Sorgen nehmen konnten sie jedoch nicht. Denn was die beiden Werners entweder von Anfang an unterschätzt oder billigend in Kauf genommen haben, ist der große Frust der Aktionäre über die Talfahrt der Aktie im Zuge zweier verlorener Gerichtsprozesse mit hohen Millionenentschädigungen gegen Bayer in den Vereinigten Staaten und einer riesigen Klagewelle – der Konzern hat an der Börse rund ein Drittel seines Wertes verloren. Dieser Frust hat sich am Freitag in Bonn wuchtig seinen Weg gebahnt.

          Gezeigt hat sich aber auch, wie machtlos die Aktionäre darüber hinaus sind. Außer der verweigerten Entlastung sind ihnen die Hände mehr oder weniger gebunden. Unumwunden räumten das auch mehrere Redner ein. Oder sollte man nun tatsächlich auf eine Ablösung Baumanns drängen? Wäre es angesichts von mittlerweile weit mehr als 13.000 Glyphosat-Klagen in Amerika klug, mitten in solch einem hochkomplexen Vorgang die Führung auszutauschen und die Strategie zur ändern? Nein, die Risiken könnten in diesem Fall aus dem Ruder laufen. Die Leverkusener Schicksalsgemeinschaft aus Management, Kontrolleuren, Aktionären und Mitarbeitern wird deshalb wohl noch eine Weile Bestand haben. Zumindest dürfte sie halten, bis deutlicher wird, ob die hohen Millionenentschädigungen in Amerika Bestand haben und auf den Konzern eine gigantische Kostenwelle zukommen oder ob sie von den nächsten Instanzen kassiert werden.

          Folgen die Gerichte in absehbarer Zeit der Argumentation von Bayer, die der Konzern durch viele wissenschaftliche Studien nach wie vor gestützt sieht, wonach Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung nicht krebserregend ist, dürfte das dem Aktienkurs Auftrieb geben und die Kritiker beschwichtigen. Zieht sich die Klärung jedoch noch deutlich länger hin oder bestätigen die Richter gar die Ansprüche der Kläger, werden die Rufe nach personellen Konsequenzen nicht nur im Management wohl deutlich lauter werden.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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