https://www.faz.net/-gqe-9fqqm

Kaesers Erklärung im Wortlaut : „Die sauberste, wenn auch nicht mutigste Entscheidung“

  • Aktualisiert am

Siemens-Chef Joe Kaeser im August 2018 auf einer Pressekonferenz in München Bild: AFP

Siemens-Chef Joe Kaeser hat sich in einer englischen Mitteilung zu der Absage seiner Saudi-Arabien-Reise geäußert. Er erklärt, warum er so lange mit einer Entscheidung gewartet hat – und warum es mutiger wäre, nach Riad zu fahren.

          4 Min.

          Eine Entscheidung treffen – und was wirklich wichtig ist

          Im Leben eines Vorstandsvorsitzenden passiert viel, schöne Dinge und Momente und weniger wünschenswerte. Manchmal fühlen wir uns genötigt, uns über Dinge zu beschweren, die nicht funktionieren, auf Leute zu zeigen, die ihre Arbeit nicht gemacht haben, und versuchen, Gründe und Antworten nicht dort zu finden, wo das wirkliche Problem ist. Nun ja, das ist die Zeit, in der wir uns daran erinnern müssen, dass wir die Leute sind, die diese Dinge in Ordnung bringen müssen, dass wir die sind, die die Verantwortung haben, unseren Leuten den Weg aufzuzeigen und eine Win-Win-Lösung zu finden.

          Aber manchmal entwickeln sich Situationen so, dass niemand gewinnen kann, in der jede Option falsch ist. Die sogenannte „Khashoggi-Krise“, der Tod Jamal Khashoggis, ist solch eine Situation.

          Ich habe Hunderte, wenn nicht Tausende von Emails und Posts in den Sozialen Medien erhalten, die mich gedrängt haben, nicht an der Future Investment Initiative Conference (FII) in Riad teilzunehmen, dem sogenannten „Davos in der Wüste“. Nur zwei Leute haben mir empfohlen hinzugehen. Es ist hervorzuheben, dass diese zwei Leute verstanden haben, wie kompliziert die Situation ist. Ja, es ist kompliziert, ein Unternehmen zu leiten, das überall auf der Welt Einfluss hat und deshalb viel Aufmerksamkeit erregt und der öffentlichen Kontrolle unterliegt. Und ja, es ist nicht immer einfach, die richtige Balance zwischen Wert, Interessen und Timing zu finden.

          Ich möchte der Familie und der Verlobten von Herrn Khashoggi gern mein aufrichtiges Beileid bekunden. Als ich von seinem Tod gehört habe, war mir klar, dass wir nicht einfach so in unserem Alltag weitermachen können.

          Das Statement des Generalanwalts des Königreiches Saudi-Arabien wurde von vielen kritisiert und das war berechtigt. Es muss eine Reaktion auf das vorliegende Thema geben. Aber was sollte die Reaktion eines Unternehmenschefs eines globalen Unternehmens sein? Aus meiner Sicht hatte ich drei Möglichkeiten:

          Die erste Möglichkeit war, nicht hinzugehen und mich im „Mainstream“ zu verstecken, wie die meisten. Sehr interessant war zu sehen, wie eng die Korrelation war zwischen der schnellen Absage und den Unternehmensinteressen, die damit in Verbindung standen. Je kleiner das Unternehmen, desto schneller fiel der Ball – oder sollte ich vom Standing sprechen. Genauso, wie Milton Friedman 1970 gesagt hat: „Das Geschäft des Geschäfts ist das Geschäft.“ Mach deine Zahlen und halte dich von den Problemen fern – vor allem wenn es um komplizierte politische und soziale Themen geht. Aber was würde passieren, wenn internationale Führungskräfte das tun würden? Ja, sie würden sich vor den Problemen fernhalten. Aber würde das die Probleme nicht noch weiter eskalieren lassen, weil es niemanden gäbe, der aufstehen könnte und das Thema ansprechen und lösen könnte? Wir in Deutschland sollten aus unserer Geschichte wissen, wohin es führen kann, wenn Leute sich von Problemen fernhalten und nicht aufstehen, bevor es zu spät ist.

          Die zweite Möglichkeit war, einen Repräsentanten aus der zweiten oder dritten Reihe zu schicken, wie das einige andere Unternehmen gemacht haben – unter anderem unsere Wettbewerber. Es war immer klar, dass die zweite Option für mich nicht funktionieren würde. Führungskraft zu sein bedeutet für mich nicht, sich hinter seinen Leuten zu verstecken, wenn die Kugeln von vorn kommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.