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Neues Großprojekt : Indien wird zur DHL-Drehscheibe

DHL-Container an einer Niederlassung in Ludwigsfelde Bild: AFP

Die Post investiert in großem Stil in das Land. Der Welthandel zeigt sich derweil sehr robust, aber die Schwerpunkte verschieben sich.

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          Die Deutsche Post verstärkt in großen Schritten ihr Engagement in Indien, um am raschen Wachstum des Subkontinents teilzuhaben. Dafür sollen die DHL-Lieferketten im Land und die Verbindungen ins Ausland möglichst schnell weiter ausgebaut werden. In nur drei Jahren will der Konzern die Zahl seiner Mitarbeiter in der Sparte Supply Chain in Indien auf dann 25.000 verdoppeln. Derzeit beschäftigt der Konzern insgesamt rund 30.000 Mitarbeiter in Indien, einen Großteil davon im Expressgeschäft. Zugleich will DHL eine halbe Milliarde Euro in die Hand nehmen, um das Lieferkettengeschäft für Industrie und Handel in der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt voranzutreiben.

          Helmut Bünder
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Die Region Asien-Pazifik steht derzeit für etwa 15 Prozent der weltweiten Erträge von DHL Supply Chain; allerdings handelt es sich um die am schnellsten wachsende Region, in der Indien eine Schlüsselstellung einnimmt. Der indische Logistikmarkt mit einem Volumen von derzeit mehr als 200 Milliarden Dollar wird in den nächsten fünf Jahren um etwa 10 Prozent jährlich auf rund 330 Milliarden Dollar wachsen“, sagt Terry Ryan, der Asienchef der Kontraktlogistik bei DHL. Zwar nahm die Ratingagentur Fitch ihre Wachstumserwartung für Indien am Donnerstag von 7,8 auf 7 Prozent zurück. Doch dürfte das Land der fast 1,4 Milliarden Menschen auf mittlere Sicht die am schnellsten wachsende Wirtschaftsmacht bleiben.

          „Lieferketten sind jetzt ein Thema für den Vorstand“

          Dank hoher Subventionen wächst nun auch die Elektronikindustrie. Allein Apple-Zulieferer Foxconn und Vedanta bauen eine Chipfabrik für 20 Milliarden Euro. „Schon heute ist Indien der achtgrößte Markt weltweit für den elektronischen Handel, der zweitgrößte bei der digitalen Anbindung“, sagt Oscar de Bok, der Leiter des Geschäftsbereichs Supply Chain. „Seit 2015 ist unser Indiengeschäft um 14 bis 15 Prozent gewachsen.“ Dank des nun geplanten Ausbaus werde die Wachstumsrate auf geschätzte 22 Prozent steigen, sagt der Manager voraus. Mit den Investitionen will DHL seine oft digital ausgestatteten Warenhäuser auf rund zwei Millionen Quadratmeter verdoppeln. In den Wirtschaftszentren Bangalore und Pune bei Bombay sollen Zentren gebaut werden. Die größte Herausforderung liege darin, geeignete Mitarbeiter zu finden und zu halten. DHL arbeitet mit einer jungen Mannschaft, deren Durchschnittsalter bei nur 29 Jahren liegt.

          DT. POST

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          Die Deutschen sehen sich als Marktführer im Bekleidungssektor und haben „starke Positionen“ bei der Automobilfertigung, im Technik- und Gesundheitssektor. Indien ist der weltgrößte Hersteller von Impfstoffen und DHL hat in der Versorgung mit Corona-Impfungen eine wichtige Rolle gespielt. „Wir spüren, dass sich die Produktionsmuster ändern. Lieferketten sind jetzt ein Thema für den Vorstand. Er will nicht unbedingt alles nach Hause holen, wohl aber verschiedene Fertigungszentren haben. Davon und von der staatlichen Förderung wird die herstellende Industrie in Indien profitieren“, sagt de Bok.

          Die Handelslandschaft verändert sich

          Warum der Konzern sein Engagement in der Region so stark ausbaut, untermauert der am Donnerstag vorgestellte DHL Trade Growth Atlas. Darin beleuchtet der Konzern zusammen mit der Stern School of Business der New York University regelmäßig die wichtigsten Trends im internationalen Warenhandel. Gerade in Südost- und Südasien bilden sich demnach „neue Pole des Handelswachstums“ heraus, wie es in der Studie heißt. Indien, Vietnam und die Philippinen ragen in den Prognosen bis 2026 dabei ganz besonders heraus, sowohl was das Wachstumstempo angeht wie auch beim Umfang des Handels.

          Der wichtigste Impuls kommt daher, dass immer mehr Unternehmen versuchen, ihre jahrelang sehr starke Ausrichtung auf China zu vermindern. Produktion werde verlagert, Beschaffungsstrategien würden diversifiziert. Im Ergebnis schwächt sich das für China erwartete Wachstum ab, die Zuwächse verteilen sich auf mehr Länder. Entfiel in den vergangenen Jahren rund ein Viertel des Wachstums im globalen Handel auf China, dürfte dieser Anteil bis 2026 auf 13 Prozent sinken. Zu den Gewinnern gehören neben asiatischen Schwellenländern auch Staaten in Sub-Sahara-Afrika, an der Spitze die Republik Kongo, Niger, Ruanda, Senegal und Uganda.

          Die Handelslandschaft verändert sich, aber insgesamt ist der Ausblick überraschend positiv – trotz Pandemie und Ukrainekrieg. Im ersten Covid-Jahr 2020 war der globale Warenhandel zwar vorübergehend um bis zu 15 Prozent eingebrochen, hatte sich aber dann sehr schnell wieder erholt. Inzwischen wird das Vor-Covid-Niveau um gut ein Zehntel überschritten. Und trotz des Ukrainekonflikts erwarten die Forscher, dass der Handel im diesem und im kommenden Jahr schneller wachsen wird als im Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts. Der Wandel in den Handelsbeziehungen bedeute neue Herausforderungen. „Prognosen eines massiven Rückschlages für den Welthandel werden durch diesen Bericht jedoch ganz klar widerlegt“, sagt Steven Altman von der NYU Stern, der die Studie geleitet hat. Ein wichtiger Treiber ist dabei der internationale Onlinehandel, von dem gerade die Post sehr stark profitiert. In dem Bericht wird auf eine McKinsey-Studie verwiesen, wonach der E-Commerce sich bis 2030 auf fast eine Billion Dollar verdreifachen könnte.

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