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Devotionalien : Glaube im Handel

  • -Aktualisiert am

Mindestens haltbar bis zum Weltuntergang: In der Devotionalienfabrik Kissing im Sauerland lagern Kruzifixe und Heiligenplaketten in alten Schubladen. Bild: Jan Grossarth

Wenn die Religiosität schwindet, verlieren ihre Symbole an Wert. Heiligenplaketten kommen aus Indien, deutsche Hersteller von Devotionalien haben es schwer. Trotzdem behaupten sie sich mit neuen Ideen und uralten Produkten.

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          Die schöne Gründerzeit-Fassade hat sich versteckt, aber sie ist noch zu sehen. Am Straßenrand haben sich Sträucher in den Vordergrund gedrängt. Die Fassade scheint zuzuwuchern wie eine Jesuitenreduktion im brasilianischen Urwald. Aber es ist ja nur Menden im Sauerland, da wachsen die Sträucher langsam, und die Fassade wahrt mit goldener Schrift die Contenance: "Heinrich Kissing Devotionalien-Fabrik".

          Die Geschäftsführerin geht voran durch weite Flure. Es ist zu viel Platz in der Devotionalen-Fabrik Kissing, denn hier arbeitet kaum noch jemand. Hier waren in der Nachkriegszeit einmal mehr als 350 Mitarbeiter beschäftigt, etwa 100 waren es noch vor zwanzig Jahren. Nur 30 sind geblieben. Sie fertigen Heiligenplaketten und Kommunionkreuze, so wie vor hundert Jahren. Und Karnevalsorden.

          Es ist kühl in den Fluren. Uta Kissing öffnet eine letzte Tür, das ist ihr Büro mit großem Schreibtisch. Es ist gemütlich beheizt. "Die Heizkosten sind hoch", sagt sie, "wir konzentrieren uns auf wenige Räume." Auf dem Tisch liegen einige Produkte aus 150 Jahren Unternehmensgeschichte. Die haben sich kaum verändert.

          Uta Kissings Familienunternehmen stellt Devotionalien her
          Uta Kissings Familienunternehmen stellt Devotionalien her : Bild: Jan Grossarth

          Golden glänzt das Premiumprodukt, ein Stationskreuz. Es ist in eine goldene Form eingelassen, enthält vierzehn silberne Prägungen vom Kreuzweg, ein Kruzifix mit Korpus. Es ziert auch den Prospekt von Kissing. Wie lange dieses Modell schon hergestellt wird, weiß die Unternehmenserbin nicht. "Ich würde sagen, es ist uralt", sagt sie. In einem dieser Devotionaliengeschäfte auf den Marktplätzen der Wallfahrtsorte kostet es Hunderte Euro.

          Uta Kissing braucht niemandem zu erklären, dass sie nicht gerade in einer Zukunftsbranche tätig ist. Es gibt seit Jahren viel mehr Kirchenaustritte und Todesfälle als Taufen, und auch den meisten Muslimen wird sie ihr Stationskreuz nicht verkaufen können. Uta Kissing bleibt aber im Geschäft.

          Die Geschäftsführerin in fünfter Generation und dreifache Mutter trägt am Hals ein Silberkreuz über grauem Rollkragenpullover. 1991 trat sie ins Unternehmen ein, als erste Frau leitet sie es nun. Sie hat einen Informationszettel über ihr Unternehmen ausgedruckt, darauf steht: "Trotz der traditionsreichen Produktpalette wird das Unternehmen mit modernsten Managementmethoden geführt." Uta Kissing ist eine typische Unternehmerin für diese kleine, schrumpfende Branche. Sie hängt keinen Wachstums- und Markteroberungs-Phantasien an, ist aber mit Herzblut bei der Sache. Sie ist streng gläubig. Zu sehr an den Dingen zu hängen, die man produziert, muss für einen Unternehmer kein Vorteil sein.

          Im Hinterhof stehen mehrere Klinkerhallen. In einer ist das Stempelarchiv. Hier riecht es nach Industrieöl wie in einem U-Boot-Museum. Die mit dem Öl konservierten Prägestempel lagern in langen Regalen. Mit diesen Werkzeugen werden aus Aluminumplatten Heiligenplaketten, es gibt etwa zehntausend verschiedene Motive. Manche Stempel sind mehr als hundert Jahre alt. Das Geschäft mit den Heiligen ist rückläufig, nur einzelne sind noch gefragt. Uta Kissing zählt sie auf: "Christophorus, die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter, Antonius, Franziskus." Mutter Teresa, vor ein paar Jahren ein gefragtes Modell, ist dagegen wieder zur Ladenhüterin geworden; so schnelllebig ist der Katholizismus.

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