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Devisen : Der Reiz der schwachen Währung

Die Amerikaner stören sich am unterbewerteten chinesischen Renminbi Bild: AFP

Zumindest in armen Ländern kann eine schwache Währung das Wachstum beflügeln. So erleichterte auch die absichtlich unterbewertete D-Mark den Aufstieg der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg. Genau so machen es heute die Chinesen.

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          Ökonomen und Politiker redeten gern über alles Mögliche, bloß nicht über Wechselkurse. Die Austauschverhältnisse der Währungen schienen niemandem Sorge zu bereiten. Das ist seit einiger Zeit vorbei. Zunächst begannen sich die Amerikaner angesichts ihres riesigen Handelsbilanzdefizits über eine Unterbewertung des chinesischen Renminbi zu beschweren. Würden die Chinesen ihre Währung gegenüber dem Dollar aufwerten, würden die chinesischen Ausfuhren teurer, die amerikanischen Ausfuhren umgekehrt billiger. So käme ein wenig mehr Gleichgewicht in die Handelsbeziehungen, lautete das Argument der Amerikaner. Die Chinesen hörten höflich zu - und taten nicht viel.

          Seit einigen Wochen steht der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar auf der Tagesordnung vor allem französischer Politiker. Die Franzosen sehen in der Schwäche des Dollar (oder umgekehrt in der Stärke des Euro) einen Hemmschuh für die europäischen Ausfuhren. Das Musterbeispiel ist der Flugzeughersteller Airbus, dessen Produktionskosten wegen des teuren Euro im Vergleich zum amerikanischen Konkurrenten Boeing immer ungünstiger werden. Umgekehrt dämpft eine starke Währung die Preise der Einfuhren - Öl zum Beispiel wird in Dollar bezahlt -, die für die Europäer immer billiger werden. In einem Land mit starker Währung sind deshalb die Inflationsgefahren geringer, was der Zentralbank niedrigere Zinsen erlaubt und auf diese Weise dem Wirtschaftswachstum nützt. In Abwägung aller Vor- und Nachteile hat sich in Europa, wenigstens außerhalb Frankreichs, weitgehend die Ansicht durchgesetzt, dass es günstiger ist, eine starke als eine schwache Währung zu haben.

          Sarkozys Feldzug gegen die EZB

          Was für reiche Länder gilt, muss nicht für arme Länder gelten. So lautet zumindest die These des bekannten Harvard-Ökonomen Dani Rodrik in einem Diskussionspapier, das er in seinem Internet-Blog selbst noch als „roh“ bezeichnet. Nach seinen Beobachtungen ist es zumindest für Entwicklungs- und Schwellenländer günstiger, eine schwache Währung zu haben. Das klingt, wie Rodrik selbst einräumt, zunächst einmal erstaunlich: Verbindet man mit Staaten aus der Dritten Welt, deren Währungen zur Schwäche neigen, nicht das Bild von Misswirtschaft, Korruption, Wachstumsschwäche sowie unseriöser Geld- und Finanzpolitik?

          Schon recht, sagt Rodrik, aber wie wäre es mit einem Blick auf die jüngere Entwicklung in Ländern wie China, Indien, Südkorea, Taiwan oder Mexiko? Diesen Ländern gemein ist: eine eher schwache Währung und kräftiges Wirtschaftswachstum - für China lässt sich dies seit den siebziger Jahren nachweisen. Interessant ist: Der Zusammenhang zwischen schwacher Währung und starkem Wirtschaftswachstum lässt sich anhand der Statistiken für viele Entwicklungs- und Schwellenländer nachweisen - für die reichen Industrienationen allerdings nicht. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy darf sich bei seinem Feldzug gegen die Europäische Zentralbank nicht auf den Harvard-Ökonomen berufen.

          Schwache Währung kompensiert Nachteile

          Aber warum können ärmere Länder von einer schwachen Währung profitieren? Der Amerikaner Rodrik spielt zwei Variationen durch: Die schwache Währung kompensiert Nachteile, unter denen die Ausfuhr von Gütern aus ärmeren Ländern gewöhnlich leidet, und stützt so das Wirtschaftswachstum. Einerseits verweist Rodrik auf institutionelle Schwächen in vielen armen Ländern, die Geschäfte erschweren und damit wie eine Steuer auf Ausfuhren wirken: etwa ungeklärte Eigentumsrechte, Schmiergelder und mangelnde Vertragstreue. Des Weiteren kann nach Rodriks Ansicht eine schwache Währung Nachteile ausgleichen, die aus allerlei Arten von Marktversagen stammen: So funktionieren Finanzmärkte in ärmeren Ländern oft nicht richtig. Außerdem steigen Löhne in Exportbranchen häufig zu schnell. Der Autor räumt selbst ein, dass die vorhandenen Daten es nur schwer erlauben, diese Hypothesen zu testen. Aber zumindest klingen sie plausibel.

          Rodriks Überlegungen laden zu einem Seitenblick auf seltene ökonomische Theorien ein. In den vergangenen 25 Jahren hatte sich um den Berliner Ökonomen Hajo Riese eine Gruppe von Schülern gebildet. Sie werkelten an einer von John Maynard Keynes abgeleiteten Theorie, die das wirtschaftliche Geschehen vor allem durch monetäre Größen wie Zinssätze und Wechselkurse bestimmt sieht. Populär ist dieser „Berliner Monetärkeynesianismus“ nie geworden, aber eine seiner Thesen verdient Beachtung: Die Berliner erklärten den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer absichtlich lange Zeit unterbewerteten D-Mark, die Ausfuhren erleichterte und den Aufbau riesiger Devisenreserven gestattete. Genau so machen es heute die Chinesen.

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