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Übernahme-Kommentar : Deutschlands kostbarer Schatz

Die Zentrale von „50 Hertz“ steht in Berlin. Bild: Reuters

Viele Unternehmen stehen auf der Einkaufsliste ausländischer Investoren. Droht der Ausverkauf?

          Derzeit kommt kaum ein Tag ohne Schlagzeilen über ausländische Investitionen in deutsche Unternehmen aus. Dabei ragen der amerikanische Hedgefonds Elliott und sein Engagement bei Thyssen-Krupp heraus sowie die von der Politik abgeschmetterten Einstiegsversuche chinesischer Geldgeber beim Stromnetzbetreiber 50 Hertz und dem Maschinenbauer Leifeld.

          Passend zum global wiedererstarkten Protektionismus sind auch hierzulande Debatten entbrannt, wie hoch die Schutzzäune um die heimische Wirtschaft denn sein müssen. Oder lässt sich der Ausverkauf an ausländische Investoren gar nicht mehr verhindern? Verspielt Deutschland damit womöglich seine wichtigste Quelle für Wachstum und Wohlstand?

          Es ist Zeit, die Debatte vom Kopf auf die Füße zu stellen. Richtig ist, dass Deutschland neben seinen börsennotierten, meist international agierenden Konzernen über einen kostbaren Schatz in Form eines breiten Mittelstandes verfügt, um den uns der Rest der Welt beneidet. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gibt es allein rund 13.700 größere Mittelständler, die zusammen mehr als 8,5 Millionen Menschen beschäftigen. Viele davon sind auf den Weltmärkten erfolgreich präsent, nicht wenige befinden sich in Familienbesitz. Um in Zeiten rasant voranschreitender Digitalisierung und immer kürzerer Produktzyklen jedoch weiterhin vorne mitspielen zu können, müssen diese Unternehmen hochgradig innovativ sein. Laut IW gibt es jedoch „deutliche Warnsignale“, dass viele Mittelständler aus der Substanz leben und somit die Zukunft verpassen.

          Psychoterror?

          Ein Grund dafür ist, dass Forschung und Entwicklung für Innovationen ungeheuer kapitalintensiv sind. Das nötige Geld bekommen Unternehmen auch von Investoren, die an deren Geschäftsmodell und Produkte glauben. Investitionen sind also eine wichtige Voraussetzung für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Und jeder Unternehmer oder Eigentümer genießt in einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung selbstverständlich das Recht, seine Unternehmung oder Anteile prinzipiell an den Käufer seiner Wahl zu veräußern.

          Eine Freiheit, von der deutsche Unternehmer im Ausland übrigens auch rege Gebrauch machen. Die ob ihres Volumens von mehr als 60 Milliarden Dollar aus deutscher Sicht historische Übernahme des amerikanischen Agrarkonzerns Monsanto durch Bayer liegt gerade mal wenige Wochen zurück.

          Aus Amerika stammt ebenfalls eine Investoren-Spezies, die zuletzt auch in Deutschland in den Blickpunkt geraten ist: aktionistische Aktionäre. Im Mai erst war bekanntgeworden, dass der Investor Paul Singer mit seinem Fonds Elliott einen Anteil von weniger als drei Prozent am Essener Konzern Thyssen-Krupp erworben haben soll. Getrieben vom Shareholder-Value-Gedanken, wonach kurzfristige Wertsteigerungen zum Wohl der Aktionäre im Zentrum des Handelns von Managern stehen sollen, wuchs die Kritik an den Umbauplänen und damit der Druck auf die operative Führung.

          Schon im Juli warfen binnen weniger Tage der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger als auch Aufsichtsrat Ulrich Lehner die Brocken hin, Letzterer nicht ohne den Hinweis, es müsse Schluss sein mit dem „Psychoterror“ der Aktivisten, mit dem Manager durch Druck im privaten Umfeld zum Aufgeben gedrängt werden sollen. Vorwürfe, die nicht neu sind. Solche Praktiken sind mit den Rechten von Aktionären natürlich in keinster Weise zu begründen. Der frühere Investmentbanker Dirk Notheis, bekannt geworden durch seine Rolle in der ENBW-Übernahme durch das Land Baden-Württemberg, warnte in einem Beitrag für die F.A.Z. sogar davor, dass mit dem Einstieg von Elliott und Co. eine weitreichende Änderung der Unternehmenslandschaft mit entsprechend großen gesellschaftlichen Folgen bevorstehe.

          Notheis allerdings fädelte als Geschäftsführer von Rantum Capital übrigens zu Beginn des Jahres in zentraler Rolle den Einstieg des chinesischen Investors Li Shufu bei Daimler ein. Dass der Milliardär aus Fernost auf einen Schlag fast 9,7 Prozent der Anteilsscheine in der Hand hielt und somit gleich zwei Meldeschwellen umging, schreckte die Berliner Politik auf. Für sensible Industrien will Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Schwelle nun von 25 auf 15 Prozent senken, von der an die Regierung für ausländische Beteiligungen ein Vetorecht besitzt. Auch wenn die Maßnahmen mit Blick auf Chinas rigoros verfolgten Anspruch auf die Führerschaft in Schlüsseltechnologien verbunden mit der Frage nach Chancengleichheit deutscher Unternehmen auf dem chinesischen Markt angemessen scheinen, begibt sich die Politik damit gleichwohl in die Pflicht, jede Ausnahme sauber zu begründen, wenn sie derart in den Markt eingreift.

          Ob Chinesen oder Aktivisten, generell gilt, dass politische Verbote stets auf Ausnahmen beschränkt sein müssen und nicht zur Regel werden dürfen. Denn Kapital ist bekanntlich flüchtig, und Investoren registrieren sehr genau, wo sie willkommen sind und wo nicht. Verlören deutsche Unternehmen ihre Attraktivität für ausländische Kapitalgeber, ginge davon auf längere Sicht wohl eine größere Bedrohung für Wohlstand und Wachstum in diesem Lande aus als von überschätzten Ausverkaufsszenarien.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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