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Christlicher Sexshop : „Erotik ist etwas unglaublich Schönes“

  • -Aktualisiert am

Modern, frisch, christlich: Der Online-Erotikhandel „Schöner Lieben“ aus Bielefeld ist der erste seiner Art. Bild: dpa

Vier Gründer haben in Bielefeld den ersten christlichen Online-Erotikshop gegründet. Mit der Hilfe der jungen Unternehmer soll das Thema Sex in die Kirchenöffentlichkeit kommen.

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          Es ist schon fast eine kleine Revolution: Seit Anfang November 2017 gibt es Deutschlands ersten Online-Erotikshop mit christlichen Werten. Der Zeitpunkt pünktlich zum 500. Jubiläum der Reformation war kein Zufall: „Der Reformationstag und die Gründung eines Online-Erotikshops mit christlichen Werten – für uns hat das etwas miteinander zu tun“, sagt Jonathan Peters, einer der Gründer von „schoenerlieben.de“.

          Svea Junge

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Denn christliche Werte und Erotik stehen für ihn keinesfalls im Widerspruch. „Erotik ist etwas unglaublich Schönes. Wer davon ausgeht, dass sie von Gott geschaffen wurde, sollte dankbar dafür sein und sie in vollen Zügen genießen“, findet er. Gegen Produkte, die zu diesem Genuss beitragen, ist aus Sicht der Gründer deshalb nichts einzuwenden. „Treue ist für uns sehr wichtig. Wir wollen, dass Sexualität innerhalb einer Beziehung so viel Spaß macht, dass Pornographie und Fremdgehen kein Thema sind.“

          Die Gründungsgeschichte begann erst mal wie viele andere: Am Anfang stand der Wunsch, sich selbständig zu machen. Gemeinsam mit Timon Rahn, Gerhard Peters und Wellington Estevo habe er nach einer passenden Geschäftsidee gesucht. Die Überlegung, einen Online-Erotikhandel zu gründen und ihn mit christlichen Werten zu versöhnen, sei dabei „aus dem Bauch heraus“ entstanden. Denn die gängigen Online-Erotikshops auf dem Markt hätten sie nur bedingt angesprochen.

          Das Design der Website ist eher schlicht und unaufdringlich gehalten, das Menü präsentiert sich aufgeräumt. Und trotzdem kommt schoenerlieben.de ebenso jung und frisch daher wie die große Online-Konkurrenz von Amorelie oder Eis. Selbst eine vegane Produktlinie haben die Gründer in ihr Sortiment aufgenommen. Im Gegensatz zum Angebot der Mitbewerber suchen Kunden bei schoenerlieben.de eines jedoch vergeblich: Pornographisches oder Bilder, auf denen nackte Haut zu sehen ist. „No porn, no nudity“ lautet die Philosophie des Shops.

          Mit dem Messschieber ran an die Gurke: Die Firmengründern Gerhard Peters (l-r) und Timon Rahn wollen gemeinsam mit ihren Kollegen für eine größere Kirchenöffentlichkeit des Themas sorgen.
          Mit dem Messschieber ran an die Gurke: Die Firmengründern Gerhard Peters (l-r) und Timon Rahn wollen gemeinsam mit ihren Kollegen für eine größere Kirchenöffentlichkeit des Themas sorgen. : Bild: dpa

          Die Gründer wollen damit vermeiden, dass Kunden beim Stöbern abgelenkt werden. „Die Phantasie bleibt im Kopf und auf den Partner bezogen“, erklärt Peters. Das gilt auch für die Verpackungen der angebotenen Produkte. „In der Branche ist es noch immer weit verbreitet, dass Pornodarstellerinnen auf den Verpackungen der Spielzeuge abgebildet sind – vor allem bei den Produkten für Männer“, sagte Peters. Auch Wäsche bieten sie nicht an, weil für die gewöhnlich Fotos mit Models gezeigt werden müssten. Bilder von nackten Menschen könnten unrealistische Ansprüche an den Partner oder an sich selbst wecken, befürchten die Gründer. Das Gefühl, man sei selbst nicht attraktiv genug, hätten sie verhindern wollen, erklärt Peters. Ansonsten bietet die Produktpalette des Shops vieles, was sich auch in einem herkömmlichen Erotikshop findet: von Dildos über Paarvibratoren bis hin zu Handschellen.

          Für jede Definition von Sexualität offen – prinzipiell

          Das Konzept kommt an. Nach Angaben der Gründer steigen die Umsätze konstant, sie hätten zunehmend Probleme, die Nachfrage zu bewältigen. Leben können die vier zurzeit aber nicht von ihrem Shop. „Wir sind aber auf der Suche nach Investoren, um den Shop professionell auf ein anderes Level zu heben“, sagt Peters. Er selbst absolviert gerade sein Masterstudium und arbeitet in einer Unternehmensberatung, die anderen drei betreiben gemeinsam eine Design- und Medienagentur. Am Tag verzeichnet der Online-Shop rund 250 Besucher. Gekauft werden die Produkte von Männern und Frauen gleichermaßen – und über alle Altersklassen hinweg.

          Die Gründer betonen, dass sie den Shop bewusst offen gestaltet hätten. Jeder sei willkommen: Christen, Nichtchristen, Homosexuelle, Heterosexuelle, Paare und Singles. „Wir wollen keine Vorstellungen über die ,richtige‘ Sexualität vorgeben. Uns ist egal, von wem die Toys benutzt werden“, sagt Peters. Die Ansprache ihrer Kundschaft ist trotzdem recht klar auf Paare zugeschnitten, die in einer Beziehung leben. Das kommt durchaus aus religiöser Überzeugung, wie Peters deutlich macht: „Mann und Frau wurden von Gott zusammen geschaffen. Das Thema Partnerschaft durchzieht die ganze Bibel.“

          In der Branche weiß man die neuen Mitbewerber noch nicht ganz einzuordnen. Uwe Kaltenberg vom Branchenverband des Erotikhandels BEH sagte, der Verband sei erst vor kurzem auf schoenerlieben.de aufmerksam geworden und könne die Konkurrenz durch den Shop deshalb noch nicht genau beurteilen. Da dort aber, abgesehen vom Verzicht auf Pornographie, dieselben Artikel verkauft würden wie im übrigen Handel, bestehe in jedem Fall eine Wettbewerbssituation. „Das aber ist ein völlig normaler Vorgang und beunruhigt den bestehenden stationären Handel in keiner Weise“, sagt Kaltenberg.

          Außerhalb der virtuellen Welt waren die Gründer in diesem Jahr schon mit einem Stand auf dem Evangelischen Kirchentag und dem Freakstock, einem christlichen Musikfestival, vertreten. Das Interesse sei „riesig“ gewesen, berichtet Peters. Die positive Resonanz sei für die Gründer Ansporn, das Thema Sex innerhalb der christlichen Gemeinschaft weiter voranzutreiben. Sie wollten durch ihre Präsenz auf Veranstaltungen „aufrütteln“ und das Thema in die Öffentlichkeit bringen.

          Die jungen Männer sind selbst in konservativen, freikirchlichen Gemeinden groß geworden. Mitglieder sind sie dort inzwischen nicht mehr. Ihre Unternehmensgründung sei ein Grund dafür gewesen, aber eben nicht der alleinige, betont Peters. Über das Thema Sex sei in ihren Gemeinden „sehr wenig oder gar nicht“ gesprochen worden. Mit ihrem Shop wollen sie erreichen, dass sich das ändert. Derzeit arbeiten die Gründer an einem Blog rund um die Themen Sex und Liebe. Und ganz grundsätzlich ist der Bedarf offenbar da: Die Gründer werden zunehmend für Vorträge angefragt und um Pakete mit Aufklärungsmaterial gebeten – vor allem aus kleinen Kirchengemeinden.

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