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Asylbewerber bringen Geld : Die Flüchtlingsindustrie

Geschultes Personal gibt es nicht zum Mindestlohn

„Es gibt Haifische auf diesem Markt, die schnell Geld verdienen wollen und überhöhte Vorstellungen von Miet- und Kaufpreisen haben“, sagt Bauer. Das sei aber die Ausnahme. Zum allergrößten Teil habe man in Verhandlungen mit den Besitzern kleiner Gaststätten und leerstehender Gebäude sowie privaten Bauherren gute Erfahrungen gemacht. „Wir geben Steuergelder aus, wir schauen da sehr genau hin“, sagt Bauer. Wenn der Preis nicht stimme, komme man nicht ins Geschäft. Um als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden zu können, müssen die Immobilien entsprechend umgebaut werden. Inzwischen gebe es spezialisierte Planungsbüros, die genau wissen, wie groß die Zimmer für Flüchtlinge sein und welche Standards sie erfüllen müssen.

„Bei dem niedrigen Zinsniveau lohnen sich Neu- um Umbauten für beide Seiten“, sagt Bauer. Für die Verwaltung, weil sie rasch Wohnplätze bekommt, und für die Investoren, weil sie dank der sicheren Mieteinnahmen günstige Kredite bekommen. Es muss schnell gehen. Auch wenn man es eigentlich vermeiden wollte, werden im Rhein-Neckar-Kreis jetzt auch eine Turnhalle und eine ehemalige Industriehalle zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert. Eine andere Lösung sind Wohncontainer, die in relativ kurzer Zeit gemietet und bezogen werden können: Dann schlägt die Stunde von Unternehmen wie der Bolle System- und Modulbau GmbH aus dem nordrhein-westfälischen Telgte. Der familiengeführte Betrieb mit 110 Mitarbeitern bietet Wohncontainer und Modulhäuser an. Ein einfacher Container ist sechs Meter lang und drei Meter breit, passt auf einen Lastwagen und bietet Platz für zwei Flüchtlinge.

Die kostengünstigste Variante können Kommunen für etwas weniger als 200 Euro im Monat mieten. „Wir kommen bei den vielen Aufträgen kaum nach“, sagt Bolle-Prokurist Raphael Bruns. Trotz Urlaubszeit laufe der Betrieb mehrschichtig, für die Fertigung wurden neue Mitarbeiter eingestellt. Doch offenbar reicht das noch nicht. „Wie suchen händeringend Leute: Schlosser, Trockenbauer, Elektriker, Dachdecker“, sagt Bruns. Die Preise für die Container seien wegen der großen Nachfrage zwar etwas gestiegen. „Gegen den Verdacht, dass wir uns die Taschen voll machen, würde ich mich aber ganz klar wehren“, sagt der Bolle-Mitarbeiter. Weil man in kurzer Zeit große Mengen liefern müsse, seien auch die Kosten für die Produktion gestiegen.

Einerseits will niemand, dass unverhältnismäßig hohe Preise gezahlt werden. Andererseits können zu niedrige Preise genauso zum Problem werden. Die Sicherheitsbranche stört sich an der Vergabepraxis für öffentliche Aufträge, die sich vor allem am niedrigsten Preis orientiere. „Sicherheitsaufgaben in Asylbewerber- und Flüchtlingsunterkünften sind ein hochsensibler Bereich. Die dort zu erbringenden Qualitätsstandards stehen auf einer Stufe mit dem Schutz kritischer Infrastrukturen“, sagt Friedrich Kötter, Geschäftsführer der Kötter Security. Der Einsatz von angemessen qualifiziertem Personal, das pädagogisch und interkulturell geschult ist, sei zum Mindestlohn nicht zu haben, moniert Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft. 3000 bis 4000 private Sicherheitskräfte schützen inzwischen bundesweit Unterkünfte, schätzt der Verband. Tendenz steigend.

Wie man es dreht und wendet: Aus der Not der einen werden die Profite der anderen. Man muss das nicht in jedem Fall gerecht finden – aber wohl akzeptieren, das der Flüchtlingsansturm anders nicht bewältigt werden kann.

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